© Jacqueline Spieweg

Selma J. Spieweg (Jahrgang 1966) ist Grafikerin, Malerin und Autorin. 1986 nahm sie an der Universität der Künste in Berlin das Studium der Visuellen Kommunikation auf. 1992 erwarb sie den Titel „Meisterschülerin“. Als Grafikerin arbeitete sie unter anderem als Art Direktorin des Micky Maus-Magazins.

Mit dem Malen beschäftigte sich Selma J. Spieweg schon bevor sie laufen konnte und sie hat einfach nie aufgehört, Farbe auf weißen Flächen zu verteilen. Mit dem Schreiben wartete sie, bis sie das Alphabet beherrschte.

DPP-Rattenauge

Rattenauge ist in der Kategorie „Bestes deutschsprachiges Romandebüt“ für den Deutschen Phantastik Preis nominiert und freut sich über eure Stimme!

Wer den Roman noch nicht kennt, hat jetzt die Möglichkeit das eBook während der gesamten Votingphase, also bis zum 18. Mai, für nur 99 Cent bei Amazon zu kaufen.


Wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Oh je, vor dieser Frage habe ich immer etwas Angst. Alles was man dazu sagen kann klingt immer irgendwie banal oder eingebildet. Einmal sagte eine Freundin zu mir, dass viele mich um meine Kreativität beneiden würden. Das hat mich tief berührt und zugleich erschreckt, denn für mich ist es das Normalste auf der Welt, kreativ zu sein, zu malen oder schreiben.

In Deiner Galerie finden sich YarnArt, Macro Naturstudien, Linoldrucke und Reliefbilder. Machst Du etwas davon besonders gern?

Das wechselt. Ich probiere immer gerne neue Sachen aus oder greife alte Techniken und Themen wieder neu auf, um sie zu vertiefen. Die Reliefbilder mag ich, weil sie mich viele Jahre meines Lebens begleitet haben, bei YarnArt, womit ich im Augenblick arbeite, gibt es für mich viel Neues zu entdecken. Bei den Naturstudien kann man viel über das genaue Hinsehen lernen und über das Verstehen von dem, was man da sieht. Zur Zeit mache ich auch wieder Linoldrucke, ich mag das Handfeste daran, die verfärbten Finger, dass kein Abzug perfekt ist aber spannend mit all seinen Fehlern und einzigartig, dass keiner dem anderem gleicht.

Fühlst Du Dich eher als Grafikerin/Malerin oder Autorin? Gibt es einen Schwerpunkt?

Wenn man mich fragt, sage ich immer, ich bin Grafikerin. Klar, das ist mein Beruf, damit verdiene ich mein Geld und so ist es – auf eine Art – natürlich auch ein Schwerpunkt. Malerin und Autorin klingt für mich so abgehoben. Ich schreibe zwar auf meiner Webseite, ich bin Malerin und Autorin, aber eher um dem ein Etikett aufzukleben, das leicht verständlich ist. Lieber sage ich, ich male und schreibe. Das klingt natürlicher, zu sagen, was ich tue und nicht was ich bin.
Wenn ich zwischen Malen und Schreiben einen Schwerpunkt wählen müsste, dann Malen. Das kam zuerst, doch im Grunde ist beides nur eine Möglichkeit etwas einzufangen, zu erzählen, sei es eine Geschichte, eine Situation, eine Stimmung, oder etwas, was noch tiefer geht, was sich weder in Bildern, noch Worten, noch Klängen einfangen lässt.

Wie bist Du zum Schreiben gekommen?

Ich muss gestehen, so genau weiß ich das gar nicht mehr. Es gab keinen Punkt, wo ich mich entschieden habe: „So, jetzt schreibe ich.“ Es war wohl ein fließender Übergang, von den Gruselgeschichten, die wir Geschwister uns als Kinder erzählt haben, dazu, diese Geschichten aufzuschreiben. Mit 15 habe ich einen Fantasyroman geschrieben, mit 16 zusammen mit meinem Bruder eine SciFi-Parodie: „Von Fröschen, Schiffen und Planeten!“. Diese Geschichte haben wir zum „Workshop Schreiben“ eingesandt und wurden eingeladen, an diesem einwöchigen Workshop teilzunehmen. Dort habe ich dann eine Menge junge Autoren kennengelernt, und viele Jahre lang war ich Mitglied in zwei Schreibgruppen, die sich regelmäßig trafen.

Letztes JaLinoldruck © Jacqueline Spieweghr ist Dein Debütroman „Rattenauge“ erschienen. Verrätst Du uns etwas über die Hauptfiguren?

Ich fange mal mit der nebulösesten Figur an, IHM, dem Schwarzen Schatten. Er taucht in einigen meiner Kurzgeschichten auf und in einer langen Fantasysaga (alles unveröffentlicht). Er ist Wotan, und zwar nicht der Allvater, der Oberste der Asen, der er in vorchristlicher Zeit gewesen war, sondern der, der er heute wäre, nach der Götterdämmerung. Er verblasste zu einer Sagengestalt, ist nur noch eine Erinnerung, weder existent, noch nicht-existent. Er ist – das ist wörtlich zu nehmen – nur noch ein Schatten seiner selbst. Einst war er der Gott, der für die Einhaltung der Verträge verantwortlich war, jetzt, als Schatten, wird er davon getrieben, diese Aufgabe zu erfüllen, auch wenn diese Verträge schon lange nicht mehr existieren –oder nie existiert haben, je nachdem, wie man es sehen will.

Die neun Mädchen waren einst seine Walküren, doch ihnen war es im „Vergessen“ zu langweilig. Sie haben sich als Kinder gebären lassen, um „Wirklichkeit“ zu spielen.

Andere Figuren haben keine so direkten Vorlagen, sind aber von Liedern oder realen Personen inspiriert. So stammt Katharina aus einem Lied von Klaus Hoffmann: „Blinde Katharina gib mir Mut und halte mich, gibt’s morgen auch kein Wiedersehn. Ich bin doch der Blinde, darum führe mich, du kannst im Dunklen sehn.“

Zur Figur Patrik inspirierte mich der gelähmte Maler Mark Hicks. Vor sehr langer Zeit hatte ich einen Bericht über ihn gesehen, der mich tief beeindruckt hat. Er konnte den Bleistift nur mit dem Mund halten und zeichnete schwebende Wesen, die halb Prinzessin, halb Frosch waren.

Auch Marga Schulz, die alte Frau, wurde von einer realen Person entlehnt. Ich saß einmal in einem Park, war tierisch sauer auf meinen damaligen Freund, kaufte mir aus Trotz und Wut Bier und setzte mich damit auf eine Bank. Nichts was ich normalerweise tat. Ich grummelte vor mich hin, als eine alte Frau auf mich zukam. Ich dachte sie würde gleich über Jugend und Alkohol schimpfen, aber da hatte ich mich getäuscht. Sie fragte vielmehr, ob ich auch ein Bier für sie hätte. Später saßen wir dann in ihrem Wohnzimmer. Im Roman beschreibe ich es. Sie hatte tatsächlich eine Glasvitrine voller Froschfiguren. In der Bildergalerie meiner Website gibt es ein Foto, wo eine lebensgroße Figur des Wanderers/Wotans/Rattenfängers vor dem Eingang zu einem Mietshaus steht. In diesem Haus hat die alte Frau gelebt.

Das Buch ist meiner Meinung nach ein Highlight für etwas anspruchsvollere Leser, auch weil sich die Grenzen von Realität, Wahnvorstellungen und Mythen verwischen. Wie siehst Du das – welchen Lesern würdest Du „Rattenauge“ empfehlen?

Ja, ich weiß, Rattenauge ist „anders“. Manchmal denke ich beinahe, ich müsste mich dafür entschuldigen, weil es nicht das ist, was manche erwartet haben. Rattenauge ist für Leser, die sich darauf einlassen können, verwirrt zu werden und am Ende des Buches nicht alle Antworten zu erhalten, sondern ihre eigenen finden dürfen. Es ist ja nicht so, dass ich nicht alles aufklären könnte, oder, weil es eben mehr als nur eine mögliche Auflösung gibt, drei, vier, fünf, sechs alternative Enden hätte schreiben können. Aber das passt nicht zu dieser Geschichte.
Ich glaube wer Bücher wie „Das Experiment“ und „Die Schnecke am Hang“ von den Strugatzki Brüdern mag, oder Gustav Meyrinks „Walpurgisnacht“, „Der Golem“ oder Alfred Kubins „Die andere Seite“, dem könnte auch Rattenauge gefallen.

Wenn Du den Roman mit drei Stichworten beschreiben müsstest, welche wären das – und warum?

Bei drei müsste ich überlegen, bei einem Stichwort nicht: Erlösung!
Nicht im christlichen Sinne, aber genauso tiefgreifend.
Patrik, der eigentlich die positivste Figur des Romans ist, die, die am ehesten mit sich selbst im Reinen ist (okay, außer Irina), überwindet am Ende seine letzten Ängste, sein letztes Festhalten an Hoffnungen, die ihn hindern, in Frieden zu gehen.

Heinrich Lyth, der den Tod seiner Tochter verschuldet hat, wurde von seinen Schuldgefühlen in einen Abgrund gestürzt, er schlägt auf dem Boden auf und zerbricht daran. Aber es stellt sich heraus, dass was zerbrochen ist, war nur sein Gefängnis.
Auch Iris Lyth, seine Frau, wird am Ende aus ihrem Gefängnis erlöst, aus ihrem Wahn befreit und in die Realität zurückgeholt werden.
Bei Henrietta ist es anders herum, sie wird aus der Realität erlöst und findet Frieden in ihren Wahnvorstellungen.

Rattenauge © Jacqueline Spieweg

Hat Dich während des Schreibens eine bestimmte Musik begleitet oder brauchst Du dazu eher Ruhe?

Zum Schreiben brauche ich tatsächlich Ruhe. Es stört mich zwar nicht, wenn sich Leute neben mir unterhalten, doch Musik lenkt mich ab, weil ich da anfange zuzuhören.

In der Geschichte gibt es viele Verbindungen zu Märchen und Sagen, magst Du diese allgemein recht gerne oder hast Du da bestimmte Vorlieben?

Märchen, das ist eher eine Hassliebe. Unsere gängigen Märchen, in süßen Kinderfilmen verniedlicht, sind erschreckende, blutrünstige Geschichten, die eher ein „Freigegeben ab 16 Jahren“ erhalten sollen als im Kinderprogramm zu laufen. Bei den meisten Märchen hatte ich schon als Kind ein beklemmendes Gefühl, wie zum Beispiel beim Froschkönig. Was will uns dieses Märchen weismachen? Du musst garstige Frösche in dein Bett lassen, weil sie dir einen Gefallen getan haben, der sie keine Mühe kostete? Ich dachte auch als Kind schon: „Ich hätte das auch nicht getan“.

Das Märchen von Hänsel und Gretel ist nicht viel besser. Die beiden Kinder leben am Ende mit dem Mann zusammen, der zweimal versucht hat sie umzubringen. Der redet sich zwar darauf raus, dass er es nur auf Drängen seiner inzwischen verstorbenen Frau getan hat, aber macht es das besser?

Bei der Recherche für den Roman bin ich noch auf andere Märchen der Gebrüder Grimm gestoßen, nicht so bekannt – zurecht – zum Glück. Eines handelte von einem Bauern, der seiner Tochter die Hände abhackte, dann die Augen ausstach. Ich schätze mal, aus diesem Märchen wird Disney keinen Kinderfilm machen.

Was ist Dir beim Schreiben wichtig? Was möchtest Du dem Leser vermitteln?

Mir sind in all meinen Geschichten die Figuren am wichtigsten, nicht was mit ihnen geschieht, sondern wie sie damit umgehen, wie es sie verändert, wie sie die Situationen erleben. Ich möchte dem Leser ihre emotionalen Tiefen vermitteln, ihre Abgründe aber auch die klaren, positiven Seiten, ohne als Autorin dabei zu werten, sondern einfach nur zu beschreiben. Ich würde gerne Atmosphäre, Stimmungen, Gefühle vermitteln, etwas, was jenseits der reinen Handlung liegt.

Was liest Du selbst gern?

Es gibt ein paar Bücher, die ich mehrmals lese. Eliot Pattisons Krimis über Inspektor Chan zum Beispiel, oder Jasper Fforde, dessen Bücher lese ich in deutsch (um ja nichts zu verpassen) und in englisch (weil der Wortwitz leider nicht zu übersetzen ist). Oder „Eine kurze Geschichte von fast allem“ von Bill Bryson, ich finde Naturwissenschaften unglaublich faszinierend. Ich liebe die Bücher von Arkadi und Boris Strugatzki, Gustav Meyrink, Alfred Kubin. „Keinmärchen“ von Simone Keil ist eines der Bücher, wo ich mich freue, es nochmal zu lesen. Eine Erzählung von Florian Tietgen ging mir so nahe, dass mir die Tränen kamen. Dann habe ich noch eine lange Liste von Autoren, von denen ich demnächst mehr lesen möchte, wie Paul Auster, Michail Bulgakow und das Qindie-Bücherregal wächst auch immer weiter.

Deserteur Alexej: Serienauftakt © Jacqueline Spieweg

Woran arbeitest Du gerade?

Ich arbeite daran, mal wieder ein Wochenende zu haben, zu wissen was Freizeit bedeutet, um zum Schreiben zu kommen. Aber davon abgesehen schreibe ich im Augenblick an einer Steampunkgeschichte für die Clockwork Cologne-Serie und am nächsten Band meiner Serie rund um den Deserteur Alexej. Aber da sind auch noch ein paar Kurzgeschichten, die darauf warten, endlich aus meinem Kopf rausgelassen zu werden.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview und wünsche Dir viel Erfolg!


Meine Rezension zu „Rattenauge“ kann man hier nachlesen.