Anlässlich ihres neuen Romans Die Quellen der Malicorn veranstaltet Ju Honisch eine Blogtour, die heute bei mir hält und etwas über die spirituelle Seite berichtet: Heilige Quellen und Kraftorte – Esoterik und Religion in „Die Quellen der Malicorn“.
Und jetzt übergebe ich an Ju, viel Spaß beim Lesen – lasst euch neugierig machen! :)

Die Quellen der Malicorn

Marny hat mich netterweise auf ihren Blog losgelassen. Vielen Dank für die Gastfreundschaft!

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In – vermutlich – allen Religionen gibt es immer Orte, die eine besondere Bedeutung haben. Pilgerstätten, Plätze, an denen etwas ganz Besonderes geschehen ist, und Orte, die einfach nur so etwas Besonderes sind, weil sie sind, was sie sind. Die Gründe sind unterschiedlich. Die Bekenntnisse auch. Doch die Orte an sich haben ihren eigenen Zauber.

In der Esoterik spricht man von Leylines, Kraftlinien, die die Erde umspannen. Dort wo sie sich kreuzen, entsteht ein Kraftort. An dieser Stelle soll nicht entschieden werden, ob das Wirklichkeit ist oder Wunschdenken – oder welche Glaubensvorstellung recht hat oder nicht recht hat. Wer bin ich, dass ich das entscheiden wollte? Ich bin Schriftstellerin und verwende Mythen. Es ist dabei unerheblich, ob ich an sie glaube oder nicht.

In „Die Quellen der Malicorn“ gibt es diese Kraftorte in unserer Welt. Dabei definiert der Roman weder ihre Herkunft, noch ihre Anordnung. Aber es gibt sie – vereinzelt, verborgen und weitgehend unerkannt. Die große Mehrzahl der Menschen ist in ihrem hochtechnisierten Leben gefangen, in dem eine solche Mystik wenig Platz hat. Auch würde es wohl schon eines entsprechend begabten Menschen bedürfen, um wahrzunehmen, was weder messbar, noch beweisbar ist. Und „messbar und beweisbar“ sind die Kriterien, nach denen wir uns seit der Aufklärung richten.

Das ist absolut nicht falsch. Es setzt aber voraus, dass wir zu Messungen und Beweisen jeder Art auch fähig sind. Die Tatsache, dass wir etwas nicht messen oder beweisen können, beweist nicht automatisch seine Nichtexistenz, sonst hätte es vor Herrn Röntgen keine entsprechende Strahlung gegeben und vor Herrn Newton keine Schwerkraft.

Kings of tara

Kings of tara, © Ju Honisch

„Die Quellen der Malicorn“ spielt auf zwei Welten, hier bei uns und in Talunys, einem anderweltlichen Reich, in dem die Einhörner herrschen. Talunys ist eine Welt voller Zauber. Die Welt selbst ist der Kraftort, vollständig und unerklärlich. Eine Welt der Magie, die den magisch begabten Einhörnern, die Kraft gibt, das zu sein, was sie sind. Es ist nicht die einzige Quelle, aus der sie ihre Kraft schöpfen können, doch es ist die größte und stets verfügbar.

Unserer Welt hingegen mangelt es an Zauber – in jeder Hinsicht. Irene, die Mutter der verschollenen Heldin, Una, beschäftigt sich mit Esoterik. Sie hat bisweilen eine andere Sicht auf manche Dinge, wobei sie sich nie sicher ist, ob sie recht hat oder nicht. Im Gegensatz zu einem Glaubensbekenntis, bekennt sich Irene zur theoretischen Existenz von unterschiedlichen Möglichkeiten: es könnte so sein – oder anders – oder ganz anders. Ihre Einstellung ist undogmatisch.

Einhornwald

Einhornwald, © Ju Honisch

Tatsächlich findet Irene einen Kraftort. Sie hat ihn nicht gesucht, und sie erkennt ihn nicht als solchen. Es handelt sich um eine „Heilige Quelle“. Irland hat viele dieser Heiligen Quellen. Das Christentum hat sie sich einverleibt, wie es das gern mit Dingen tat, die sich sonst nicht ausmerzen ließen. Das Land ist voll von ihnen, und doch sind sie fast nie eine Touristenattraktion. Sie sind zu versteckt. Keine Schilder führen großflächig zu ihnen hin, kein Andenkenhändler ist jemals in der Nähe.

Die Quellen haben seit der Christianisierung Irlands jeweils einen Schutzheiligen zugeordnet bekommen. Jedes Jahr pilgern Katholiken am Namenstag dieses Heiligen an jene verborgenen Quellen, zu denen es die Touristen gemeinhin nicht schaffen. Etwas für Einheimische, nicht für Urlauber. Etwas, das den Nimbus des Geheimnisses trägt, unausgebeutet von Bord Fáilte, dem irischen Fremdenverkehrsamt. Ein katholischer Ritus für die, die schon immer da waren und mit dem Land verwurzelt sind.

Doch die Quellen – und auch ihre Bedeutung – sind älter. Sie waren schon lange vor dem Christentum etwas Besonderes, wurden gehegt und gepflegt – nicht nur weil Wasser zu jeder Zeit Überleben bedeutete, sondern auch weil diese ausgesuchten, besonderen Quellen in der keltischen Zeit als mögliche Übergänge in die Anderwelt gedeutet wurden. – Und dies war ein Aspekt, der mir gefiel.

St. Mobhis Well

St. Mobhis Well, © Ju Honisch

Man stelle sich vor, magische Wesen kommen in unsere magielose Welt: Was geschieht mit ihnen? Müssen sie energetisch verhungern?

Man stelle sich vor, die Tore zur Anderwelt gingen wirklich durch jene Quellen, die Kraftorte sind: Müsste man in ihnen nicht ertrinken?

Man stelle sich vor, die undogmatische Irene fände etwas, an das sie bei aller Weltoffenheit nie geglaubt hat: wäre sie nicht besser beraten, ganz schnell wegzulaufen?

„Die Quellen der Malicorn“ gibt keine allgemeingültigen Antworten. Der Roman erzählt nur eine Geschichte und bekennt sich in seiner Handlung, wie Irene, zur theoretischen Existenz von unterschiedlichen Möglichkeiten: es könnte so sein – oder anders – oder ganz, ganz anders.

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Baum-Labyrinth, © Ju Honisch

Die bisherigen Stationen der Blogtour:

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