Bernhard Hennen wurde 1966 in Krefeld geboren und ist ausgebildeter Germanist, Archäologe und Historiker. Bereits während seines Studiums an der Universität Köln arbeitete er als Journalist für verschiedene Zeitungen und Radiosender. Seit Ende 2000 lebt er wieder in seiner Geburtsstadt.

© Bernhard Hennen

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Lieber Bernhard – vielen Dank, dass Du Dir Zeit für dieses Interview nimmst!
Als erstes würde mich interessieren, wie Du Dich selbst beschreiben würdest.

Hmmm… Ich glaube ich kann von mir sagen, dass ich in jeder Hinsicht bücherverrückt bin und meinen Nachtschlaf bedenkenlos sowohl zum Lesen als auch zum Schreiben opfere. Das tut mir zwar regelmäßig leid, wenn ich meine Kinder im Morgengrauen zum Kindergarten oder zur Schule eskortiere, aber irgendwie reicht mein Erinnerungsvermögen nie bis zur Nacht und ich tue es wieder.

Am 13. Juni erschienen „Die Elfen“ als Hardcover, wie kam es dazu?

Viele Leser hatten mich gefragt, ob es möglich sei, eine hochwertigere Ausgabe von „Die Elfen“ herauszugeben, da ein Taschenbuch bei mehrmaligem Lesen mitunter etwas leidet. Als sich Gelegenheit zu einer neuen Ausgabe bot, wollte ich, dass ein deutlich hochwertigeres Buch geschaffen wird, das zusätzliches Material enthält, wie etwa das Glossar, das bei den späteren Elfen-Büchern zur Standardausstattung gehört, im ersten Roman aber immer fehlte.

© Heyne

War von Anfang an geplant, die Ausgabe zu illustrieren? Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Michael Welply – und wie sah diese aus?

Ich habe mit dem Lektorat von Heyne lange verhandelt, was man zusätzlich ins Buch bringen kann ohne einen gewissen Preisrahmen zu sprengen. Und wie sich zeigte, ging noch eine ganze Menge. Dazu gehört, dass die bekannte Albenmark-Karte nun erstmalig in Farbe vorliegt. Wichtiger aber sind die beiden neuen Novellen von James Sullivan und mir – zusammen 100 Seiten neuer Text. Der Kontakt zum Illustrator Michael Welply wurde vom Heyne Verlag hergestellt. Gleich bei den ersten Mails, die wir austauschten, erklärte sich Michael bereit, sich die französische Ausgabe von „Die Elfen“ zu besorgen, um mit seinen Entwürfen eng am Text zu arbeiten. Es ist eher die Ausnahme, dass ein Illustrator das vollständige Buch liest, an dem er arbeitet. Ich war sehr begeistert von seinem Enthusiasmus. Nachdem Michael den Roman gelesen hatte, habe ich ihm eine Liste von Illustrationsideen geschickt, aus der er Themen, die ihm gefielen, auswählen konnte. Anschließend hat er zu jedem geplanten Bild eine Skizze angefertigt, so dass wir uns noch einmal über Details verständigen konnten. Das bedeutete im Endeffekt zwar, dass wir fast hundert (oft sehr lange) Mails ausgetauscht haben, aber das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand. Ich bin mit den Illustrationen sehr zufrieden. Sie haben den Geist des Buches eingefangen. Durch diese Bilder wird die neue Ausgabe von „Die Elfen“ zu einem echten Schmuckstück.

Deine in der neuen Ausgabe enthaltene Novelle trägt den Titel „Farodin“, erzählst Du uns etwas über sie? Gab es mehrere Ideen oder wusstest Du schnell, welche Geschichte es werden sollte?

Ich hatte schon vor längerer Zeit den Plan gefasst, etwas über die Vorgeschichte Farodins zu schreiben und so kam mir diese Möglichkeit sehr gelegen. Die Novelle handelt von der ersten Begegnung zwischen Farodin und Aileen, die in ihrer späteren Inkarnation Noroelle sein wird. Gleichzeitig wird – als Rahmenhandlung – auch von der letzten gemeinsamen Nacht Farodins und Aileens erzählt. Ich wollte, dass die Leser Noroelles Entscheidung am Ende von „Die Elfen“ besser verstehen können und sie auch einen anderen Farodin kennenlernen. Nicht den kühlen, selbstbeherrschten Meuchler der Königin, der er in „Die Elfen“ ist, sondern jenen jungen Jäger aus den Mondbergen, der gar nicht darauf aus ist, jemals an den Hof Emerelles zu kommen. Mit dieser neuen Geschichte erhält Farodin noch mehr Tiefe und sie führt den Leser zurück zu jenem Tag, an dem seine Seelenfehde mit dem Trollherzog Dolgrim und dessen späteren Inkarnationen begann.

Schreibst Du lieber historische Romane oder Fantasy?

Was das angeht habe ich keine besonderen Vorlieben. Ich schreibe gerne gute Geschichten. Das Genre spielt für mich dabei eine untergeordnete Rolle. Für einen Fantasy-Roman betreibe ich fast genauso umfangreiche Recherchen wie für einen historischen Roman. Für den neuen Roman „Drachenelfen“ habe ich zum Beispiel so viel über die späte Bronzezeit und frühe Eisenzeit gelesen, dass ich mit geringem Mehraufwand auch einen Troja-Roman schreiben könnte. Was aber gewiss nicht mein nächstes Projekt werden wird.

© Edel Elements

Für den nach einer Idee von Kai Meyer entstandenen Romanzyklus „Die Nibelungen“ hast Du auch zwei Bücher geschrieben. Dort hat mir unter anderem die Darstellung von Hagen sehr gefallen – könntest Du Dir vorstellen, irgendwann eine weitere Geschichte in diesem Setting zu schreiben?

Leider wird es dazu in der Form der beiden vorliegenden Romane keine weiteren Bände geben können, denn die Serie wurde von Kai Meyer konzeptioniert und betreut, und sie ist abgeschlossen. Allerdings habe ich seit langem Ideen für einen Nibelungen-Roman, der sich sehr eng an den Fakten aus der Völkerwanderungszeit orientieren würde. Ich hoffe eines Tages werde ich Gelegenheit haben auf diesem Wege noch einmal schriftstellerisch in das Xanten der Nibelungenzeit zurück zu kehren.

Wie stehen die Chancen für eine Weiterführung der Gezeitenwelt-Saga?

Auch hier sieht es nicht gut aus. Vier zunehmend erfolgreiche Autoren in einem gemeinsamen Projekt zu koordinieren ist keine leichte Aufgabe. Dennoch hoffe ich, dass uns dies eines Tages gelingen wird. Immerhin liegen noch Exposés für acht weitere Romane in unseren Schubladen.

Was für Rückmeldungen hast Du zu den Elfenwelten bekommen? Konnten sich viele Leser auf das Abenteuer einlassen, die Bilder von anderen zu entdecken?

Die Rückmeldungen zu den „Elfenwelten“ sind gemischter Natur. Viele haben sich beschwert, weil die abgebildeten Romanfiguren nicht ihren Vorstellungen entsprachen, was natürlich völlig unmöglich ist, denn unsere Vorstellungen gehören uns ganz alleine, es sei denn, man hat das künstlerische Rüstzeug sie zu Bildern werden zu lassen. Ich bin mit dem Buch nach wie vor sehr zufrieden und benutze es regelmäßig als Referenzmaterial für weitere Arbeiten.

Wie schwierig ist es, ein lustiges Buch zu schreiben? Könntest Du Dir eine Rückkehr nach Nebenan vorstellen?

Schwierig. Mein Problem mit dem Buch lag vor allem bei den Zweifeln, die mich regelmäßig beim Korrekturlesen überfallen haben. Liest man seine eigenen Witze zum dritten oder vierten Mal kann man sich kaum noch vorstellen, dass irgendjemand darüber lachen wird. Allerdings gestalte ich gerne humoristische Szenen, wie man an Figuren wie Mandred in „Die Elfen“ oder aber den Zwergen im neuen „Drachenelfen“- Roman erkennen kann. So stehen die Chancen insgesamt ganz gut, dass ich noch einmal einen humoristischen Roman schreiben werde. Ganz konkret habe ich Ideen zu einem „Wikinger“-Fantasy-Roman, der recht schräg werden würde.

© Heyne

Im Oktober erscheint der erste Band Deiner neuen Drachenelfen-Trilogie. Wann ist Dir die Idee zu einer Geschichte in der Frühzeit der Albenmark gekommen?

Seit dem Roman „Die Elfen“ gibt es viele Gerüchte und Geschichten über die Drachenkriege. Die Epoche, in der Emerelle gemeinsam mit Falrach gegen die Drachen kämpfte und in der die Alben, die Weltenschöpfer, ihre Völker noch nicht verlassen hatten. Es war also von Anbeginn an angelegt, einmal über diese Zeit zu schreiben und doch ist es ein radikaler Schnitt. Alle bislang publizierten Elfen-Romane spielten innerhalb der 1000 Jahre, die mit dem Roman „Die Elfen“ abgesteckt wurden. „Drachenelfen“ liegt viele Jahrhunderte früher. Die Welten, in denen dieser neue Romanzyklus angesiedelt ist, unterscheiden sich radikal von den Settings mit denen die Elfen-Leser bislang vertraut sind. So war der neue Roman zwar von Anbeginn an eine Option innerhalb des Elfen-Universums und ist doch zugleich ein Neubeginn mit vielen Links zu späteren Ereignissen. So lebt zu Beginn der neuen Saga nur ein einziger Elf, der den Lesern aus den bisherigen Romanen vertraut ist. Wer allerdings genauer hinschaut, wird in manchen der Figuren frühe Inkarnationen der ihm wohl vertrauten Helden erkennen.

Das Cover hebt sich sehr von denen der anderen Elfenromane ab – wurde das bewusst so gewählt, um die Reihen auch optisch voneinander zu trennen? Und wird der Untertitel noch auf dem Cover auftauchen bzw. wie unterscheiden sich dann die einzelnen Drachenelfen-Romane?

Ganz im Sinne des oben erwähnten Neubeginns, ändert sich auch die Optik des Covers. Ein Schwert ist zwar nach wie vor vorhanden, tritt aber vor dem Titel in den Hintergrund. „Drachenelfen“ wird der Obertitel der Reihe sein und zugleich der Name des ersten Bandes, in dem sich die beiden Bücher „Der gefallene König“ und „Das grüne Licht“ vereinen. Gemeinsam umfassen sie 1080 eng gesetzte Druckseiten, was 1360 normalen Taschenbuchseiten entsprechen würde. Damit ist „Drachenelfen“ der bei weitem umfangreichste Roman, den ich je geschrieben habe. Ab dem zweiten Band der neuen Saga werden dann auch auf dem Cover Untertitel auftauchen.

Wie Du sagst, ist „Drachenelfen“ Dein bisher umfangreichstes Buch – wie hat sich das während des Schreibens entwickelt und auf Deine Arbeitsweise ausgewirkt?

Es liegt einfach am Thema. Wie bisher erzähle ich aus verschiedenen Perspektiven, so dass man die Motivationen der Parteien, die sich in einen immer mörderischeren Streit verwickeln, gut verstehen kann. Dies ist mein Mittel die üblichen Gut und Böse Klischees der Fantasy aufzuheben. Auch musste ich bei der Weltenbeschreibung quasi von vorne beginnen, da sich die beschriebenen Reiche und Machtblöcke deutlich von allen anderen Elfenbüchern unterscheiden. Die Handlung spielt nicht allein auf Albenmark und Daia (der Welt der Menschen), sondern auch auf Nangog, der späteren Zerbrochenen Welt. Viele Geheimnisse aus den bisherigen Büchern werden aufgegriffen. Die Leser werden im Verlauf der neuen Saga erfahren, woher die Yingiz stammen, wie die Devanthar untergingen und ihre Gegenspieler, die Himmelsschlangen. Sie erleben, wie Elfen und Zwerge auf sehr unterschiedliche Weise versuchen die Kraft der Magie zu meistern. Zahllose Querverbindungen auf allen Ebenen erlauben jenen Lesern, die mit den bisher erschienen Elfen-Romanen vertraut sind, einen neuen Blick auf die Welt. Zugleich galt es aber all dies so zu gestalten, dass Neuleser sich nicht laufend fragen müssen, wovon gerade die Rede ist. Ein Kunststück, das letztlich 18 Monate Arbeitszeit verschlungen hat, aber zu meinem bislang besten Buch führte.

© Piper

Du arbeitest mit der Komponistin und Sängerin Maite Itoiz an Musik zu den Drachenelfen-Romanen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit – und was erwartet uns da?

Ich habe Maite Itoiz und ihren Mann, John Kelly, vor einigen Jahren während eines Fantasyfestivals kennen gelernt. Mit beiden habe ich mich auf Anhieb gut verstanden. Ich mochte ihre Musik sehr und höre sie seitdem oft beim Schreiben. Über die Jahre hat sich eine enge Freundschaft zwischen uns entwickelt. Für den Roman „Drachenelfen“ hat Maite ein Gedicht in einen wunderbaren Song umgesetzt und eines ihrer unveröffentlichten Lieder inspirierte mich zu den Xana, Quellnymphen, die zu den frühen Flüchtlingen aus Albenmark gehören. Im November werde ich mit Maite auf Tournee sein. Es gibt Auftritte in sieben Städten, bei denen wir Musik und Texte, die sich untereinander beeinflusst haben, auf die Bühne bringen.

Wie siehst Du die deutsche Fantasy-Szene?

In den letzten Jahren hat es erfreulicherweise eine ganze Reihe von deutschen Fantasy-Autoren geschafft sich zu etablieren. (Um von einer Szene zu sprechen muss es in meinen Augen mehr als vier oder fünf Autoren geben, die von ihrem Beruf leben können.) Das ist inzwischen der Fall. Allerdings bleibt die Angloamerikanische Konkurrenz am Markt immer noch überwältigend. Für die nächsten beiden Jahre hoffe ich, im Gefolge der Hobbit-Verfilmung, auf ein weiteres Hoch der High-Fantasy in Deutschland. Zu schätzen was danach kommt, überlasse ich talentierteren Orakeln als ich eines bin.

Womit verbringst Du Deine Freizeit?

Zunächst einmal mit meinen Kindern. Sie öffnen mir die Augen für längst verlorene Welten und lassen einen Spaziergang am Rhein zum Abenteuer werden. Mit ihnen unterwegs zu sein ist einfach beflügelnd. Ansonsten verbringe ich viel Freizeit mit Büchern. Zum Schwertkämpfen komme ich nur noch sehr sporadisch. Gelegentlich schlage ich Schlachten mit historischen Zinnfiguren, die ich auch nutze, um einen Teil der Gefechte in meinen Romanen zu simulieren.

© Zauberfeder

Was liest Du selbst gern?

Ich bin bekennender Vielleser. Mein Geschmack reicht von David Gemmell bis Gabriel Garcia Marquez. Für den anstehenden Urlaub habe ich einen Roman von Bernard Cornwell und einen von Douglas Preston im Gepäck.

Hast Du einen Tipp für diejenigen, die mit dem Schreiben beginnen möchten?

Man sollte sich unbedingt ein dickes Fell und ein paar ehrliche Kritiker im Freundeskreis zulegen. Beides hilft auf dem schweren Weg, für den sich ein angehender Autor entscheidet. Bei mir hat es zwölf Jahre gedauert, bis ich mir keine Sorgen mehr darüber machen musste, wovon ich die Miete in drei Monaten bezahlen werde.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview und wünsche Dir weiterhin viel Erfolg!


Bisher sind auf der fantastischen Bücherwelt folgende Rezensionen zu finden: