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... in meiner ganz persönlichen Bücherwelt! Mein Schwerpunkt liegt bei deutschen Fantasy-Autoren, weil mich ihre Bücher begeistern und ich finde, dass sie nicht genug Aufmerksamkeit erhalten.

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Einträge mit dem Schlagwort Selma J. Spieweg

10 Bücher, bei denen meine Neugier meine Zweifel besiegt hat …

Es gibt diese Bücher, die einen reizen und gleichzeitig sind da diese Bedenken … Passt die Geschichte zu mir und meinem Lesegeschmack? Meine Neugier führt mich gelegentlich zu Büchern, an die ich mich erst nicht so rangetraut habe. Manchmal geht das daneben und manchmal treffen die Geschichten meinen Geschmack. Hier geht es jetzt um 10 Bücher, die mir dann trotz meiner Zweifel sehr gefallen haben.

  1. Florian Tietgen – … wenn es Zeit ist …
    Belastet mich die Gewalt in diesem Roman zu sehr oder ist er zu „literarisch“ für mich? Nichts von beidem! Die Geschichte um den innerlich zerrissenen Henrik wird sehr feinfühlig und vielschichtig erzählt. Sie thematisiert verschiedene Themen, die keine „leichte“ Kost sind und bedrücken können. Mir war das aber nicht zu viel, weil es auch positives und Hoffnung gab. (Rezension)
  2.  

  3. Selma J. Spieweg – Boris & Olga 1: Tod dem Zaren
    Meine Befürchtung, dass ich mit reinem Steampunk womöglich nicht klar komme, hat sich in diesem Fall nicht bewahrheitet. Vielleicht, weil sich die Mechanik manchmal wie Magie angefühlt hat. Vielleicht aber auch, weil die Geschichte sehr intensiv auf mich wirkte und ich zu Boris mit seinen vielfältigen Empfindungen und Unsicherheiten einen ganz besonderen Zugang hatte. (Rezension)
  4.  

  5. Peter S. Beagle – Das letzte Einhorn
    Ich mag den Film, aber bei dem Buch hatte ich Bammel davor, dass es zu anspruchsvoll für mich ist. Glücklicherweise gab es aber jemanden, der mich immer wieder auf den Roman neugierig gemacht hat – so lange, bis ich es einfach lesen musste und danach völlig begeistert war. Beispielsweise von der wundervollen Sprache, der magischen Poesie, diesen schönen Beschreibungen und Ideen. Ein Held ist nur dann ein richtiger Held, wenn er vom Augenblick seiner Geburt an in Schwierigkeiten steckt. (Rezension)
  6.  

  7. Fabienne Siegmund & Tatjana Kirsten – Der Karussellkönig
    Hier hatten mich die düsteren Andeutungen verunsichert, die ich sowohl beim Verleger als auch bei Fabienne mitbekam. Die Geschichte ist aber nicht nur düster, sondern es gibt auch Hoffnung. Mina sucht nach ihrer Freundin, um sie zu retten. Sie gibt nicht auf und findet schließlich einen Weg zu ihr, aber alles hat seinen Preis. Es gibt Geheimnisse und alte Geschichten. Träume und Erinnerungen. Liebe und Schuld. Antworten, die man vielleicht gar nicht hören möchte. Und einen Helden, der selbst Hilfe braucht. (Rezension)
  8.  

  9. Erik Kellen – Die blaue Königin
    Die Geschichte ist mir 2014 noch als „Die letzte Muse“ unter dem Pseudonym Rebecca Vali begegnet – und wurde als sinnlicher Liebesroman verkauft, was mich ein wenig abgeschreckt hat. Der literarische Bezug, eine Muse und nicht zuletzt die Leseprobe sorgten dann dafür, dass ich das Buch lesen wollte. Die sinnliche Seite ist ein wichtiger Teil des Romans, der sich aber mit vielen anderen Dingen verbindet – und erst das Gesamtpaket berührt mich auf eine sehr intensive Weise. Ich mag die Tiefe der Geschichte, denn es geht auch darum, wie man mit den Wunden, die einem das Leben beibringt, umgeht. (Rezension)
  10.  

  11. Deborah Harkness – Die Seelen der Nacht
    Vampire und ich … sind jetzt ja nicht so die besten Freunde. Aber manchmal bin ich zu neugierig und versuche es doch – hier trugen die Hexen in der Geschichte und die Begeisterung im Freundeskreis dazu bei. Ein Wohlfühlbuch mit einer dichten Atmosphäre und leiser Erzählweise. Besonders beeindruckt haben mich die vielen Hintergründe, die in die Geschichte eingebaut wurden. Das Wissen, das vermittelt wird, ohne belehrend zu wirken, dafür aber meine Neugier geweckt hat. (Rezension)
  12.  

  13. Christoph Hardebusch – Die Werwölfe
    Werwölfe verband ich vor diesem Buch vor allem mit Horror, und das ist eindeutig nicht mein Genre. Hier hat mich die Beschreibung aber sehr neugierig gemacht – genauer gesagt die Verbindung zwischen Lord Byron und dem geheimnisvollen Erbe der Werwölfe. Die auftretenden historischen Figuren sind abwechslungsreiche und oft nicht ganz einfache Charaktere, die mein Interesse geweckt haben und gelungen in die historisch-phantastische Handlung eingearbeitet wurden. Es geht mystisch und düster zu, außerdem liebe ich die poetischen Szenen! (Rezension)
  14.  

  15. Natalie Matt & Silas Matthes – Kings & Fools 1: Verdammtes Königreich
    Hier hat mich die Zielgruppe abgeschreckt, die Reihe richtet sich ja an die Fans von „Game of Thrones“ – und das ist einfach nicht so meins. Der Inhalt klang allerdings spannend und nach einer besuchten Lesung war ich mir dann sicher, dass ich es trotz meiner Bedenken einfach mal mit dieser Reihe versuchen muss. Den ersten Band habe ich begeistert gelesen, eine faszinierende und sehr fesselnde Geschichte mit einer unheimlich dichten Atmosphäre. Lange nicht so düster, wie ich befürchtet hatte, sondern eine spannende Mischung aus High Fantasy und Mystery.
  16.  

  17. Bernhard Hennen – Nebenan
    Nach einigen schiefgegangenen Versuchen hatte ich das mit mir und der lustigen Fantasy eigentlich aufgegeben, mein Humor reichte wohl nur für einzelne Figuren – bestenfalls. Hier habe ich dann aber eine Ausnahme gemacht, weil ich einfach zu neugierig darauf war, was mein Lieblingsautor daraus macht. Überraschenderweise (zumindest für mich) hat der Humor voll meinen Geschmack getroffen. Mir hat gefallen, dass dieser nicht so abgehoben oder übertrieben war, sondern fein und leicht schräg. Und mit viel Situationskomik! Außerdem hätte ich ohne diese Geschichte ja nie meinen liebsten Öko-Terroristen kennengelernt … (Rezension)
  18.  

  19. Monika Jaedig – Silbernes Band
    Wieder Vampire. Diesmal konnte ich Island nicht widerstehen – und der stimmungsvollen Leseprobe. Der Roman hat auf mich sehr emotional und vielschichtig gewirkt, denn es geht um verschiedenen Beziehungen, die Welt der Unsterblichen und den Hintergrund der einzelnen Figuren. Außerdem gibt es eingeflochtene Erzählungen im isländischen Sagastil, die ein wichtiger Bestandteil der Geschichte sind. (Rezension)

[Gastbeitrag] Romanfiguren in Lebensgröße – oder: Wie baut man sich einen Blauen Krieger?

Heute darf ich euch wieder einen Gastbeitrag präsentieren! Diesmal wird es sehr kreativ, denn Selma J. Spieweg zeigt uns, wie man sich eine Romanfigur in Lebensgröße bauen kann. Und auch wenn es Boris wahrscheinlich nicht so gefallen hat, musste er als Beispiel herhalten. Oder höre nur ich ihn leise grummeln? Und jetzt übergebe ich die Tastatur an Selma!

Gastbeitrag

Hallo liebe Leserinnen und Leser, ich möchte euch Boris vorstellen. Einige wissen vielleicht schon, dass ich meine Romanhelden in Lebensgröße aus Pappmaschee modelliert habe. Heute möchte ich euch erzählen, wie diese Figuren entstanden sind und vielleicht ist es für die eine oder andere eine Anregung, sich selbst an so einer Figur zu versuchen.

© Selma J. Spieweg

Ihr braucht:

  • Einen Arbeitsplatz, den ihr für ein paar Wochen in ein Chaos verwandeln könnt.
  • Abdeckplanen
  • Schüsseln, um Kleister und Papiermehl anzurühren.
  • Pinsel
  • Säge
  • Teppichmesser
  • Schleifpapier
  • Modelliergriffel (zur Not gehen auch Holzspieße und Schraubenzieher)
  • 1 Schaufensterpuppe
  • 2 bis 3 Packungen Tapetenkleister
  • 1 bis 2 Liter Holzleim
  • ca. 5 Kilo Papiermehl
  • ca. 10 Rollen Toilettenpapier
  • 500 Gramm Ton
  • Sämtliche alte Zeitungen aus der Nachbarschaft.
  • Kaninchendraht

Für den künstlichen Arm:

  • 1 PETling (aus diesen Rohformen werden PET-Flaschen hergestellt)
  • Leuchtende Schnürsenkel

Zum Bemalen und Imprägnieren:

  • ca. 1 Liter weiße Dispersionsfarbe
  • Öl- oder Acrylfarbe
  • Zwei-Komponenten Epoxidharz

Materialkosten ca. 350 Euro
Arbeitszeit ca. 4 Wochen

Als Grundgerüst bietet es sich an, eine Schaufensterpuppe zu verwenden. Das hat mehrere Vorteile, man hat einen relativ leichten und stabilen Unterbau und stimmige Proportionen. Wenn die Arm- oder Kopfhaltung nicht passt, kann man der Schaufensterpuppe mit einer Säge zuleibe rücken und die gewünschte Pose erst mit Gipsbinden und später mit vielen Lagen Zeitungspapier fixieren.

Wenn man so weit ist, wird die Schaufensterpuppe mit langen Streifen Zeitungspapier umklebt, bis sie vollständig umwickelt ist. Als Klebstoff bietet sich eine Mischung aus Tapetenkleister und Holzleim an und das Zeitungspapier sollte am Ende mehrlagig sein, damit es später auch die Aufbauten halten kann.

© Selma J. Spieweg

Nachdem das Grundgerüst vollständig mit Zeitungspapier bedeckt ist, kann man mit dem Modellieren beginnen. Schaufensterpuppen sind so dünn, dass es schon anatomisch falsch ist. Um das zu beheben, kann man ein Stützgerüst aus Pappe oder Maschendraht bauen, was dann wiederum mit Zeitungspapier beklebt werden muss.

Kleinere Formen, wie der Faltenwurf der Kleidung oder in diesem Fall auch der Kragen von Boris‘ Uniform werden aus Toilettenpapier-Pappmaschee oder Papiermehlpappmaschee vorgeformt. Was man verwendet, ist eine Kostenfrage. Toilettenpapier-Pappmaschee ist preisgünstig, braucht jedoch lange zum Trocknen und schrumpft zusammen, sodass man diesen Arbeitsschritt wiederholen muss. Papiermehl ist deutlich teurer und schrumpft leider auch etwas, doch es trocknet schneller und hat danach eine ähnliche Stabilität wie Holz.

© Selma J. Spieweg

Die Zahnräder in Boris‘ Arm sind aus Papiermehl hergestellt. Ich habe eine Mischung verwendet, in der der Kleber bereits enthalten ist und es nur noch mit Wasser angerührt werden musste. Die Zahnräder wurden einzeln angefertigt und nach dem Trocknen die Grate mit einem Teppichmesser abgeschnitten und die raue Oberfläche mit Schleifpapier geglättet. Danach habe ich die Zahnräder mit Papiermehl am Oberarm montiert.

© Selma J. Spieweg

Wenn eine Schicht Zahnräder fest und durchgetrocknet war, habe ich darauf die nächsten angebracht.

© Selma J. Spieweg

Das Gesicht ist eine besondere Herausforderung. Die feinen Formen lassen sich kaum mit Papiermehl herstellen und die Masse bleibt viel lieber an den eigenen Fingern kleben, als an den Stellen, wo sie hin soll. Und wenn man es doch geschafft hat, dann schrumpft sie über Nacht und am nächsten Morgen sieht das Gesicht ganz anders aus, als man sich vorgestellt hat. Hinzu kommt, dass auch die Streifen aus Zeitungspapier beim Trocknen etwas zusammenziehen, so entstehen beispielsweise Hohlräume um die Nase herum und in den Augenhöhlen. Diese musste ich mit dem Teppichmesser aufschneiden und zurecht schnitzen. Feinere Formen kann man sehr gut aus Ton modellieren, in Boris Fall sind es die Augenlider. Diese müssen danach aber mit kleinen Schnipseln Zeitungspapier überklebt werden, denn Ton hat den Nachteil, dass er nicht so elastisch wie Pappmaschee ist. Auch Bart, Haare und Augenbrauen sind aus Ton und einzeln Haar für Haar angeklebt. Nach einer Woche fing der Ton-Bart an, sich von den Wangen zu lösen, da das Gesicht beim Trocknen schrumpfte, der Ton jedoch nicht. Zum Glück konnte ich mit Epoxidharz verhindern, dass der Bart abfiel.

Nachdem Boris fertig modelliert war, habe ich ihn mit weißer Wandfarbe aus dem Bauhaus grundiert und konnte anschließend mit dem Bemalen beginnen. Ich habe dafür Ölfarbe genommen. Um Boris vor Spritzwasser und leichten Stößen zu schützen, habe ich ihn mit Epoxidharz eingestrichen. Man trägt es wie Klarlack auf. Die Zahnräder haben mehrere Anstriche bekommen, um sie bruchfester zu machen.

© Selma J. Spieweg

Im Roman leuchten in Boris‘ künstlichem Arm eine Energiekartusche und blaue Leitungen. Als Kartusche habe ich einen Industrie-PETling verwendet und für die Leitungen leuchtende Schnürsenkel. Die Batterien dafür sind im Unterarm und in einem Hohlraum im Nacken versteckt.

© Selma J. Spieweg

Nach vier Wochen Arbeit (und noch einmal zwei Wochen Trocknungszeit für die Ölfarbe) war Boris fertig. Und wenn er mir nicht beim Schreiben seiner Geschichte zusieht, ist er unterwegs und macht Werbung für sein Buch.

© Selma J. Spieweg

© Selma J. Spieweg

Selma J. Spieweg – Der Plan der Zeit (Boris & Olga 3, Clockwork Cologne)

Erscheinungsjahr: 2016
Gelesen im Juli 2016
Autorenseite
Qindie

Rezension

Boris träumt noch immer von einem Häuschen in Sibirien, wo er zusammen mit Olga Frieden finden kann und von der Welt vergessen wird. Doch die Zeit hat noch Pläne mit ihm! Denn sie zerbricht durch die vielen Manipulationen und braucht den Blauen Krieger, um das zu verhindern. Ausgerechnet der Zeitzwilling des Zaren scheint bei diesem Thema den Überblick zu haben, aber kann man ihm auch vertrauen? Und dann ist da noch Nikola – ein Quantenmagier, der seine Fähigkeiten keiner Regierung anbieten will, aber Boris helfen möchte …

Bereits im ersten Kapitel zeigte sich, dass dieses Buch für mich ganz besonders emotional werden würde. Boris stand mir vom ersten Band an sehr nah, aber wie intensiv das inzwischen geworden ist, zeigte sich erst jetzt. Es gab viele Stellen, an denen ich einfach weinen musste, weil sie mir so nah gegangen sind – aus verschiedenen Gründen. Durch tragischen Ereignissen oder bei Szenen zwischen Boris und Olga, die ihr inniges Verhältnis zeigen. Aber auch durch Boris‘ Gedanken über Olga – zu seinen Gefühlen für sie oder was er ihr schenkt, auch wenn er nichts besitzt.

Boris muss sich in diesem Band auch seiner Vergangenheit stellen und seine Zerrissenheit, die Ängste und Erinnerungen haben mit dazu beigetragen, dass dieses Buch so intensiv und vielschichtig auf mich gewirkt hat. Es wurden auch psychologische Betrachtungen eingestreut, die ich als bereichernd empfinde. Mein persönliches Highlight war aber Boris‘ Humor – nicht nur, dass er ihn zeigt, er passte auch so schön zu meinem eigenen!

Die verschiedenen Zeitebenen vermischen sich immer öfter und auch wenn das natürlich verwirrend ist, fand ich es doch ziemlich faszinierend. Auch die Erläuterungen dazu und zu der Zeit an sich. Das wurde so gut erklärt, dass sogar ich es verstanden habe. Oder zumindest das meiste davon.

Einige der offenen Fragen wurden beantwortet und hielten für mich überraschende Entwicklungen bereit. Mit ganz neuen Verbindungen und Zusammenhängen, wodurch die Geschichte noch komplexer wurde. Ich hatte aber auch das Gefühl, dass vieles noch mehr zusammenrückt und verknüpft wird. Das betrifft Boris‘ Familie, aber vor allem den Plan der Zeit. Als mir bewusst wurde, wieviel von diesem Plan gesteuert wurde, musste ich einen Moment inne halten und das sacken lassen.

Wassilisa spielt wieder eine größere Rolle, worüber ich mich sehr gefreut habe. Aber ich dachte auch oft an Adele und wollte wissen, was denn nun aus ihr wird – das Ende vom zweiten Band hat sich mir wohl sehr eingeprägt. Glücklicherweise taucht sie wenigstens noch kurz am Ende auf, im nächsten Band werde ich also wohl mehr von ihr haben. Dafür habe ich den Zeitzwilling des Zaren inzwischen in mein Herz geschlossen. Und Erik, der grummelig-liebenswerte Kapitän der Himmelstänzerin, war auch wieder mit dabei! Und noch mehr liebgewonnene Figuren … Außerdem gibt es da noch eine spannende neue Figur, die mir ziemlich sympathisch ist.

„Der Plan der Zeit“ war für mich eine intensive, emotionale und sehr abwechslungsreiche Lektüre, die eine große Komplexität und Figurentiefe bietet. Aber auch Humor, nicht zuletzt durch Olgas ganz eigene Logik und einige von Boris‘ Kommentaren, die direkt mein Humorzentrum treffen. Ich bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht und was nun aus Adele wird. Unter anderem.

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Reihenfolge:

  1. Tod dem Zaren
  2. Die Zeitmaschine des Arabers
  3. Der Plan der Zeit
  4. ?

Selma J. Spieweg – Die Zeitmaschine des Arabers (Boris & Olga 2, Clockwork Cologne)

Erscheinungsjahr: 2015
Gelesen im Oktober 2015
Autorenseite
Clockwork Cologne
Qindie

Rezension

Boris ist mit Olga im tiefsten Sibirien unterwegs, um sich dort ein Häuschen zu bauen und von der Welt vergessen zu werden. Wenn nur die Zeichen nicht wären, die Boris nicht deuten kann. Als er ihnen folgt, fällt er ausgerechnet dem Wissenschaftler in die Hände, der ihn einst missbraucht hat, und erhält vom Zar einen Auftrag: Er soll die Zeitmaschine des Arabers vernichten …

Bereits nach einigen Sätzen war ich wieder ganz nah bei Boris, dem ich etwas Ruhe und Frieden mehr als gegönnt hätte. Mir ging da auch einfach das Herz auf, weil man so schön verfolgen kann, wie er langsam auftaut, Emotionen zeigt und sich immer mehr Gedanken macht. Wobei er ja felsenfest davon überzeugt ist, dass er den Verstand verloren hat und Olga eine Halluzination ist.

Wo Boris ist, ist Olga nicht fern. Auch an ihr hänge ich, wenn auch nicht ganz so intensiv. Dafür bringt sie mich öfter zum Grinsen und hat einen gewissen Einfluss auf meine Essensplanung. Die beiden entwickeln ein sehr inniges Verhältnis, trotz der so unterschiedlichen Wahrnehmung ist der eine der Anker des anderen. Der Mittelpunkt und Halt in einer oft düsteren Welt.

Die Geschichte spielt überwiegend in Cöln, einer anfangs sehr bedrückenden Stadt. Dort wird die Handlung auch mit den beiden anderen Reihen aus dem Clockwork-Cologne-Universum verbunden: „Guy Lacroix“ von Simone Keil und „Magnus“ von Susanne Gerdom. Die beiden Reihen sind keine Voraussetzung, um das Buch zu verstehen, aber man ist mit einigen Figuren und Orte dann schon vertraut. Ich kenne nur den ersten Band von „Guy Lacroix“, daher war ich in Cöln zumindest nicht ganz fremd. Und ich hatte Spaß daran, mich bei der einen oder anderen neuen Figur zu fragen, ob diese nicht eine Schöpfung von Autorin x ist.

Das Spiel mit der Zeit bzw. dem Riss im Zeitkontinuum ist großartig, die verschiedenen Zeitlinien sorgen ja für einiges Chaos. Besonders gelungen fand ich, wie sich die Ereignisse am Ende zu einem stimmigen Gesamtbild zusammensetzten – nur eben in einer anderen Reihenfolge. Seltsame Reaktionen machten auf einmal Sinn und geheimnisvolle Andeutungen wurden nachvollziehbar.

In diesem Buch gab es wieder viel Potential zum Mitleiden, aber auch eine so rührende Szene, die mich tatsächlich zum Weinen gebracht hat. Ich habe einige neue fesselnde Figuren kennengelernt, die ich in mein Herz geschlossen habe – und auf ein Wiederlesen hoffe. Auf die Begegnung mit einigen alten Bekannten hätte ich dafür gerne verzichtet, die haben mir doch ganz schön zugesetzt. Als „Trostpflaster“ gab es aber Luftschiffe, ich liebe Luftschiffe! Und heiße Schokolade.

„Die Zeitmaschine des Arabers“ war für mich eine unheimlich spannende, abwechslungsreiche und emotionale Lektüre, die viele Eindrücke hinterlässt und sogar den ein oder anderen Lachanfall verschuldet hat. Wunderbar komplex, teilweise verwirrend und mit einer großartigen Entwicklungsgeschichte. Ich bin unsagbar stolz auf Boris und hatte sehr viel Spaß mit diesem Buch!

Reihenfolge:

  1. Tod dem Zaren
  2. Die Zeitmaschine des Arabers
  3. ?

Selma J. Spieweg – Tod dem Zaren (Boris & Olga 1, Clockwork Cologne)

Erscheinungsjahr: 2014
Gelesen im März 2015
Autorenseite
Clockwork Cologne
Qindie

Rezension

Russland, 1898: Boris Sergejewitsch ist mit Leib und Seele Soldat und hat sein Leben dem Dienst am Zaren verschrieben. Ihm kommen nicht einmal Zweifel, als er einem geheimen Experiment zugeteilt wird und dort nicht nur seinen Arm sondern auch einen Teil seiner Menschlichkeit verliert. Zurück bei seiner Einheit kann er eines Tages seiner Kompanie nicht mehr folgen und während er auf den Tod wartet, erwecken seine quantenmechanischen Teile das Interesse der 12-jährigen Diebin und Revolutionärin Olga. So beginnt ein Abenteuer, das sie zu einem ungewöhnlichen Team zusammenschweißt – und in dem auch ein Flüchtling eine Rolle spielt, der Zar Nikolaus II. zum Verwechseln ähnlich sieht …

Der Einstieg in die Geschichte ist mir leicht gefallen, weil ich die Atmosphäre mochte und von der Tragik gefesselt wurde, die Boris‘ Leben begleitet. Alles fühlte sich so nah an, nicht nur die Figuren und ihre Emotionen sondern auch die beschriebenen Landschaften und Szenen. Ich war also schnell mittendrin, an der Seite von Olga und Boris.

Die erschaffene Welt hat mich sehr fasziniert, diese Mischung aus Realität und Phantasie, in der Mechanik sich manchmal wie Magie anfühlt. Es geht dort rücksichtslos und brutal zu, aber glücklicherweise wurde es für mich nie zu detailliert-blutig. Manche Szenen konnte ich einfach nur noch fassungslos miterleiden – und darauf hoffen, dass sich irgendwie ein Ausweg findet. Als Ausgleich dazu empfand ich die zwischenmenschlichen, freundschaftlichen Szenen. Außerdem gibt es rätselhafte Ereignisse und Zusammenhänge, die sich einem erst später erschließen. Also viel Stoff zum Spekulieren!

Boris ist hier meine absolute Lieblingsfigur, aber nicht nur wegen meiner Schwäche für tragische Figuren. Er hat sehr intensiv auf mich gewirkt, mit vielfältigen Empfindungen und Unsicherheiten. Außerdem hat mich seine Entwicklung sehr beeindruckt! Ihm wurde ein Teil seiner Menschlichkeit und seines Fühlens genommen, im Lauf der Geschichte entwickelt Boris sich aber wieder zu einem fühlenden Menschen und lässt auch den „einfachen“ Soldaten hinter sich.

Olga mit ihrer Klugheit und Anhänglichkeit mag ich aber auch sehr. Wie könnte man auch nicht? Genau wie Boris erzählt sie ihre Vergangenheit in Rückblenden, so dass ein facettenreiches Bild entsteht und man ihr ein glückliches Ende wünscht.

Eine Nebenfigur, die es mir sehr angetan hat, ist der Schriftsteller Lew Tolstoi. Aus Sympathie wurde schnell Interesse, denn was er zu erzählen hatte, fand ich sehr spannend. Darum habe ich mir das Glossar auch aufmerksam durchgelesen und überlege sogar, ob ich es nicht mal mit einem Buch von ihm versuche. Auch wenn ich mir bei Klassikern ja nicht soviel zutraue, die Neugier ist jetzt da …

Besonders gelungen finde ich auch die Schilderung einiger Szenen sowohl aus Boris‘ als auch aus Olgas Sicht, denn so wird deutlich, wie unterschiedlich diese von beiden wahrgenommen werden. Daran hatte ich viel Freude – und manchmal musste ich auch darüber grinsen.

„Tod dem Zaren“ war für mich eine vielschichtige und intensive Lektüre mit einer dichten Atmosphäre und so einigen Überraschungen. Ich wurde von vielen Dingen fasziniert und berührt, außerdem hat mich Boris‘ Entwicklung sehr beeindruckt. Die mitreißende Geschichte hinterlässt bei mir bleibende Eindrücke und die Vorfreude auf die Fortsetzung. Denn natürlich bin ich neugierig, wie es mit Boris & Olga weitergeht. Und mit dem einen oder anderen angeschnittenem Thema …

Neu im Clockwork-Cologne-Universum: Boris & Olga!

Neu im Clockwork-Cologne-Universum ist die Reihe Boris & Olga von Selma J. Spieweg, der erste Band „Tod dem Zaren“ ist gerade als eBook (Sammelband oder dreiteilige Serie mit kostenlosem ersten Teil) und Print (Sammelband) erschienen.

Boris & Olga: Tod dem Zaren

Boris Sergejewitsch ist Soldat, ein treuer Untertan des Zaren. Seit 45 Jahren kämpft er jede Schlacht für Nikolaus II., und es käme ihm nie in den Sinn, einen Befehl zu verweigern. Selbst dann nicht, als er einem geheimen Experiment zugeteilt wird, bei dem eine unbesiegbare Armee aus Blauen Kriegern erschaffen werden soll, Soldaten, die halb Mensch, halb Maschine sind.

Das Projekt entpuppt sich als totaler Fehlschlag. Boris verliert seinen rechten Arm, seine Gesundheit und einen Teil seiner Menschlichkeit. Man schickt ihn zurück zu seiner Einheit.

Eines Tages kann Boris seiner Kompanie nicht mehr folgen und wird zurückgelassen. Die quantenmagische Energiequelle, die den mechanischen Teil seines Körpers antreibt, erweckt das Interesse von Olga, einer 12-jährigen Diebin. Zur Bewegungsunfähigkeit verdammt muss er mitansehen, wie Olga versucht, ihn auseinanderzubauen. Der zu Tode erschöpfte und desillusionierte Boris hätte vielleicht noch akzeptieren können, auf diese Art zu sterben, nicht jedoch, dass die wertvolle Energiequelle ausgerechnet in die Hände von verräterischen Aufständischen fällt, denn Olga macht aus ihrer Gesinnung keinen Hehl. Aber „Tod dem Zaren!“ ist eine Parole, die man niemals in Boris’ Gegenwart aussprechen sollte.

Mit anderen Worten: Ihre erste Begegnung stand unter keinem guten Stern. Ebenso wenig die zweite …

In diese aufgeladene Szenerie platzt jetzt noch ein heruntergekommener Flüchtling, der Zar Nikolaus II zum Verwechseln ähnlich sieht. Nun geht das Abenteuer, das den zarentreuen Boris und die Revolutionärin Olga zu einem bizarren Team zusammenschweißt, erst richtig los.

In der Leseprobe hat mich Boris ja schon völlig erwischt, und das liegt nicht nur an der Tragik. Aber auch! Er hat eine starke Ausstrahlung und wirkt auf mich einfach ziemlich … intensiv. Ich bin schon extrem gespannt auf die Geschichte! Und jetzt kommt noch etwas mehr über die beiden Hauptfiguren, um eure Neugier zu wecken. ;)

© Selma J. Spieweg

Boris ist ein alternder Soldat, der keine Erinnerungen an eine Zeit vor dem seit 45 Jahren andauernden Krimkrieg besitzt. Im Alter von 6 Jahren zog er zum ersten Mal eine Uniform an und legte sie nie wieder ab. Kämpfen, Gehorchen und Hungern sind die einzigen Daseinszustände, die er kennt. Für ihn sind sie so natürlich wie der frühe Tod in der Schlacht … oder fast so natürlich. Denn Boris überlebt, während kaum einer seiner Kameraden das dritte Dienstjahr erreicht. So viel Glück macht unbeliebt.

Als er 48 Jahre alt ist, wählt man ihn zusammen mit hundert anderen aus, um einem Experiment als Testobjekt zur Verfügung zu stehen. Heimlich ins Land geschleuste Quantenmagier haben den Auftrag, eine unbesiegbare Armee aus Blauen Kriegern zu erschaffen – Soldaten, die halb Mensch und halb Maschine sind. Der Großteil der Versuchspersonen stirbt an den Folgen der Operationen, in denen ein Teil der Knochen durch Metallkonstruktionen ausgetauscht werden; der Rest, nachdem ihr Nervensystem mit der rätselhaften blauen Kartusche verbunden wird, die die Mechanik mit Energie versorgen soll. Doch auch diesmal überlebt Boris – als einziger. Von dem Erfolg beflügelt, amputieren die Quantenmagier seinen rechten Arm und tauschen ihn durch einen künstlichen aus.

An dem Tag, an dem das Ergebnis der Heeresführung präsentiert werden soll, offenbart sich durch Zufall der gravierende Fehler der Konstruktion: In der Strenge der russischen Winter friert das Metall fest und verdammt den Blauen Krieger zur Bewegungslosigkeit. Man gibt das Projekt auf und schickt Boris zurück zu seiner Kompanie.

Boris mag die Veränderungen nicht, die man an ihm vorgenommen hat, aber er käme nie auf die Idee, sich zu beklagen. Er war nie etwas anderes als Soldat, seine Existenz gehört dem Zaren, und Boris ist der Treueste seiner Untertanen. Müsste er das Dasein in einem Satz zusammenfassen, würde dieser lauten: „Lang lebe der Zar!“

© Selma J. Spieweg

Olga ist 12 Jahre alt. Sie kommt als Tochter rechtloser Leibeigener auf die Welt und Hungern gehört genauso zum Alltag, wie brutale Übergriffe durch die Armee. Aufgrund dieser Erfahrungen gelangt sie zu der Erkenntnis, der Diebesstand sei der einzig ehrbare Beruf, denn Diebe nehmen nur das, was sie zum Leben brauchen und bringen dabei niemanden um. In ihrem Dorf teilt man diese Ansicht nicht, und da auch ihre rebellischen Ideen auf keine Gegenliebe stoßen, jagt man sie fort.

Für kurze Zeit findet sie Unterschlupf bei einer jenen kleinen, revolutionären Zellen, die sich überall im kriegsgebeutelten Land bilden. Diese fordern Rechte für Arbeiter und Bauern, die Abschaffung der Leibeigenschaft und sogar etwas, was sie „Wahlen“ nennen. Auch, wenn Olga nicht alles von dem begreift, wofür sich ihre neuen Freunde einsetzen, so begeistert sie sich schnell für deren Ziele. Leider geht das nicht lange gut. Eines Tages sieht sie mit an, wie ihre Freunde von Soldaten umgebracht werden. Erneut heimatlos schlägt sie sich wieder als Diebin durchs Leben. Geblieben ist ihr nur der Kampfruf, der die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ausdrückt: „Tod dem Zaren!“

Quellen:
Boris & Olga auf der Autorenseite von Selma J. Spieweg
Clockwork Cologne

Interview mit Selma J. Spieweg

© Jacqueline Spieweg

Selma J. Spieweg (Jahrgang 1966) ist Grafikerin, Malerin und Autorin. 1986 nahm sie an der Universität der Künste in Berlin das Studium der Visuellen Kommunikation auf. 1992 erwarb sie den Titel „Meisterschülerin“. Als Grafikerin arbeitete sie unter anderem als Art Direktorin des Micky Maus-Magazins.

Mit dem Malen beschäftigte sich Selma J. Spieweg schon bevor sie laufen konnte und sie hat einfach nie aufgehört, Farbe auf weißen Flächen zu verteilen. Mit dem Schreiben wartete sie, bis sie das Alphabet beherrschte.

DPP-Rattenauge

 
Rattenauge ist in der Kategorie „Bestes deutschsprachiges Romandebüt“ für den Deutschen Phantastik Preis nominiert und freut sich über eure Stimme!

Wer den Roman noch nicht kennt, hat jetzt die Möglichkeit das eBook während der gesamten Votingphase, also bis zum 18. Mai, für nur 99 Cent bei Amazon zu kaufen.

 

Wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Oh je, vor dieser Frage habe ich immer etwas Angst. Alles was man dazu sagen kann klingt immer irgendwie banal oder eingebildet. Einmal sagte eine Freundin zu mir, dass viele mich um meine Kreativität beneiden würden. Das hat mich tief berührt und zugleich erschreckt, denn für mich ist es das Normalste auf der Welt, kreativ zu sein, zu malen oder schreiben.

In Deiner Galerie finden sich YarnArt, Macro Naturstudien, Linoldrucke und Reliefbilder. Machst Du etwas davon besonders gern?

Das wechselt. Ich probiere immer gerne neue Sachen aus oder greife alte Techniken und Themen wieder neu auf, um sie zu vertiefen. Die Reliefbilder mag ich, weil sie mich viele Jahre meines Lebens begleitet haben, bei YarnArt, womit ich im Augenblick arbeite, gibt es für mich viel Neues zu entdecken. Bei den Naturstudien kann man viel über das genaue Hinsehen lernen und über das Verstehen von dem, was man da sieht. Zur Zeit mache ich auch wieder Linoldrucke, ich mag das Handfeste daran, die verfärbten Finger, dass kein Abzug perfekt ist aber spannend mit all seinen Fehlern und einzigartig, dass keiner dem anderem gleicht.

Fühlst Du Dich eher als Grafikerin/Malerin oder Autorin? Gibt es einen Schwerpunkt?

Wenn man mich fragt, sage ich immer, ich bin Grafikerin. Klar, das ist mein Beruf, damit verdiene ich mein Geld und so ist es – auf eine Art – natürlich auch ein Schwerpunkt. Malerin und Autorin klingt für mich so abgehoben. Ich schreibe zwar auf meiner Webseite, ich bin Malerin und Autorin, aber eher um dem ein Etikett aufzukleben, das leicht verständlich ist. Lieber sage ich, ich male und schreibe. Das klingt natürlicher, zu sagen, was ich tue und nicht was ich bin.
Wenn ich zwischen Malen und Schreiben einen Schwerpunkt wählen müsste, dann Malen. Das kam zuerst, doch im Grunde ist beides nur eine Möglichkeit etwas einzufangen, zu erzählen, sei es eine Geschichte, eine Situation, eine Stimmung, oder etwas, was noch tiefer geht, was sich weder in Bildern, noch Worten, noch Klängen einfangen lässt.

Linoldruck © Jacqueline Spieweg

Wie bist Du zum Schreiben gekommen?

Ich muss gestehen, so genau weiß ich das gar nicht mehr. Es gab keinen Punkt, wo ich mich entschieden habe: „So, jetzt schreibe ich.“ Es war wohl ein fließender Übergang, von den Gruselgeschichten, die wir Geschwister uns als Kinder erzählt haben, dazu, diese Geschichten aufzuschreiben. Mit 15 habe ich einen Fantasyroman geschrieben, mit 16 zusammen mit meinem Bruder eine SciFi-Parodie: „Von Fröschen, Schiffen und Planeten!“. Diese Geschichte haben wir zum „Workshop Schreiben“ eingesandt und wurden eingeladen, an diesem einwöchigen Workshop teilzunehmen. Dort habe ich dann eine Menge junge Autoren kennengelernt, und viele Jahre lang war ich Mitglied in zwei Schreibgruppen, die sich regelmäßig trafen.

Letztes Jahr ist Dein Debütroman „Rattenauge“ erschienen. Verrätst Du uns etwas über die Hauptfiguren?

Ich fange mal mit der nebulösesten Figur an, IHM, dem Schwarzen Schatten. Er taucht in einigen meiner Kurzgeschichten auf und in einer langen Fantasysaga (alles unveröffentlicht). Er ist Wotan, und zwar nicht der Allvater, der Oberste der Asen, der er in vorchristlicher Zeit gewesen war, sondern der, der er heute wäre, nach der Götterdämmerung. Er verblasste zu einer Sagengestalt, ist nur noch eine Erinnerung, weder existent, noch nicht-existent. Er ist – das ist wörtlich zu nehmen – nur noch ein Schatten seiner selbst. Einst war er der Gott, der für die Einhaltung der Verträge verantwortlich war, jetzt, als Schatten, wird er davon getrieben, diese Aufgabe zu erfüllen, auch wenn diese Verträge schon lange nicht mehr existieren –oder nie existiert haben, je nachdem, wie man es sehen will.

Die neun Mädchen waren einst seine Walküren, doch ihnen war es im „Vergessen“ zu langweilig. Sie haben sich als Kinder gebären lassen, um „Wirklichkeit“ zu spielen.

Andere Figuren haben keine so direkten Vorlagen, sind aber von Liedern oder realen Personen inspiriert. So stammt Katharina aus einem Lied von Klaus Hoffmann: „Blinde Katharina gib mir Mut und halte mich, gibt’s morgen auch kein Wiedersehn. Ich bin doch der Blinde, darum führe mich, du kannst im Dunklen sehn.“

Zur Figur Patrik inspirierte mich der gelähmte Maler Mark Hicks. Vor sehr langer Zeit hatte ich einen Bericht über ihn gesehen, der mich tief beeindruckt hat. Er konnte den Bleistift nur mit dem Mund halten und zeichnete schwebende Wesen, die halb Prinzessin, halb Frosch waren.

Auch Marga Schulz, die alte Frau, wurde von einer realen Person entlehnt. Ich saß einmal in einem Park, war tierisch sauer auf meinen damaligen Freund, kaufte mir aus Trotz und Wut Bier und setzte mich damit auf eine Bank. Nichts was ich normalerweise tat. Ich grummelte vor mich hin, als eine alte Frau auf mich zukam. Ich dachte sie würde gleich über Jugend und Alkohol schimpfen, aber da hatte ich mich getäuscht. Sie fragte vielmehr, ob ich auch ein Bier für sie hätte. Später saßen wir dann in ihrem Wohnzimmer. Im Roman beschreibe ich es. Sie hatte tatsächlich eine Glasvitrine voller Froschfiguren. In der Bildergalerie meiner Website gibt es ein Foto, wo eine lebensgroße Figur des Wanderers/Wotans/Rattenfängers vor dem Eingang zu einem Mietshaus steht. In diesem Haus hat die alte Frau gelebt.

Das Buch ist meiner Meinung nach ein Highlight für etwas anspruchsvollere Leser, auch weil sich die Grenzen von Realität, Wahnvorstellungen und Mythen verwischen. Wie siehst Du das – welchen Lesern würdest Du „Rattenauge“ empfehlen?

Ja, ich weiß, Rattenauge ist „anders“. Manchmal denke ich beinahe, ich müsste mich dafür entschuldigen, weil es nicht das ist, was manche erwartet haben. Rattenauge ist für Leser, die sich darauf einlassen können, verwirrt zu werden und am Ende des Buches nicht alle Antworten zu erhalten, sondern ihre eigenen finden dürfen. Es ist ja nicht so, dass ich nicht alles aufklären könnte, oder, weil es eben mehr als nur eine mögliche Auflösung gibt, drei, vier, fünf, sechs alternative Enden hätte schreiben können. Aber das passt nicht zu dieser Geschichte.
Ich glaube wer Bücher wie „Das Experiment“ und „Die Schnecke am Hang“ von den Strugatzki Brüdern mag, oder Gustav Meyrinks „Walpurgisnacht“, „Der Golem“ oder Alfred Kubins „Die andere Seite“, dem könnte auch Rattenauge gefallen.

Wenn Du den Roman mit drei Stichworten beschreiben müsstest, welche wären das – und warum?

Bei drei müsste ich überlegen, bei einem Stichwort nicht: Erlösung!
Nicht im christlichen Sinne, aber genauso tiefgreifend.
Patrik, der eigentlich die positivste Figur des Romans ist, die, die am ehesten mit sich selbst im Reinen ist (okay, außer Irina), überwindet am Ende seine letzten Ängste, sein letztes Festhalten an Hoffnungen, die ihn hindern, in Frieden zu gehen.

Heinrich Lyth, der den Tod seiner Tochter verschuldet hat, wurde von seinen Schuldgefühlen in einen Abgrund gestürzt, er schlägt auf dem Boden auf und zerbricht daran. Aber es stellt sich heraus, dass was zerbrochen ist, war nur sein Gefängnis.
Auch Iris Lyth, seine Frau, wird am Ende aus ihrem Gefängnis erlöst, aus ihrem Wahn befreit und in die Realität zurückgeholt werden.
Bei Henrietta ist es anders herum, sie wird aus der Realität erlöst und findet Frieden in ihren Wahnvorstellungen.

Rattenauge © Jacqueline Spieweg

Hat Dich während des Schreibens eine bestimmte Musik begleitet oder brauchst Du dazu eher Ruhe?

Zum Schreiben brauche ich tatsächlich Ruhe. Es stört mich zwar nicht, wenn sich Leute neben mir unterhalten, doch Musik lenkt mich ab, weil ich da anfange zuzuhören.

In der Geschichte gibt es viele Verbindungen zu Märchen und Sagen, magst Du diese allgemein recht gerne oder hast Du da bestimmte Vorlieben?

Märchen, das ist eher eine Hassliebe. Unsere gängigen Märchen, in süßen Kinderfilmen verniedlicht, sind erschreckende, blutrünstige Geschichten, die eher ein „Freigegeben ab 16 Jahren“ erhalten sollen als im Kinderprogramm zu laufen. Bei den meisten Märchen hatte ich schon als Kind ein beklemmendes Gefühl, wie zum Beispiel beim Froschkönig. Was will uns dieses Märchen weismachen? Du musst garstige Frösche in dein Bett lassen, weil sie dir einen Gefallen getan haben, der sie keine Mühe kostete? Ich dachte auch als Kind schon: „Ich hätte das auch nicht getan“.

Das Märchen von Hänsel und Gretel ist nicht viel besser. Die beiden Kinder leben am Ende mit dem Mann zusammen, der zweimal versucht hat sie umzubringen. Der redet sich zwar darauf raus, dass er es nur auf Drängen seiner inzwischen verstorbenen Frau getan hat, aber macht es das besser?

Bei der Recherche für den Roman bin ich noch auf andere Märchen der Gebrüder Grimm gestoßen, nicht so bekannt – zurecht – zum Glück. Eines handelte von einem Bauern, der seiner Tochter die Hände abhackte, dann die Augen ausstach. Ich schätze mal, aus diesem Märchen wird Disney keinen Kinderfilm machen.

Was ist Dir beim Schreiben wichtig? Was möchtest Du dem Leser vermitteln?

Mir sind in all meinen Geschichten die Figuren am wichtigsten, nicht was mit ihnen geschieht, sondern wie sie damit umgehen, wie es sie verändert, wie sie die Situationen erleben. Ich möchte dem Leser ihre emotionalen Tiefen vermitteln, ihre Abgründe aber auch die klaren, positiven Seiten, ohne als Autorin dabei zu werten, sondern einfach nur zu beschreiben. Ich würde gerne Atmosphäre, Stimmungen, Gefühle vermitteln, etwas, was jenseits der reinen Handlung liegt.

Was liest Du selbst gern?

Es gibt ein paar Bücher, die ich mehrmals lese. Eliot Pattisons Krimis über Inspektor Chan zum Beispiel, oder Jasper Fforde, dessen Bücher lese ich in deutsch (um ja nichts zu verpassen) und in englisch (weil der Wortwitz leider nicht zu übersetzen ist). Oder „Eine kurze Geschichte von fast allem“ von Bill Bryson, ich finde Naturwissenschaften unglaublich faszinierend. Ich liebe die Bücher von Arkadi und Boris Strugatzki, Gustav Meyrink, Alfred Kubin. „Keinmärchen“ von Simone Keil ist eines der Bücher, wo ich mich freue, es nochmal zu lesen. Eine Erzählung von Florian Tietgen ging mir so nahe, dass mir die Tränen kamen. Dann habe ich noch eine lange Liste von Autoren, von denen ich demnächst mehr lesen möchte, wie Paul Auster, Michail Bulgakow und das Qindie-Bücherregal wächst auch immer weiter.

Woran arbeitest Du gerade?

Ich arbeite daran, mal wieder ein Wochenende zu haben, zu wissen was Freizeit bedeutet, um zum Schreiben zu kommen. Aber davon abgesehen schreibe ich im Augenblick an einer Steampunkgeschichte für die Clockwork Cologne-Serie und am nächsten Band meiner Serie rund um den Deserteur Alexej. Aber da sind auch noch ein paar Kurzgeschichten, die darauf warten, endlich aus meinem Kopf rausgelassen zu werden.

Deserteur Alexej: Serienauftakt © Jacqueline Spieweg

Ich bedanke mich herzlich für das Interview und wünsche Dir viel Erfolg!


Meine Rezension zu „Rattenauge“ kann man hier nachlesen.

Selma J. Spieweg – Rattenauge

Erscheinungsjahr: 2013
Gelesen im Mai 2013
Autorenseite
Qindie

Rezension

Patrik sitzt im Rollstuhl und lebt in einer verlassenen Fabrik. Bei ihm sind 9 Mädchen, die sich ähneln wie Spiegelbilder und eines Tages einfach auftauchten. Er weiß nicht, woher sie kamen und fürchtet den Tag, an dem sie ihm weggenommen werden. Als eins der Kinder verschwindet, versuchen die restlichen Mädchen, es vor ihm zu verheimlichen.
Der Wissenschaftler Viktor Winter findet in seinem Büro eine Kinderleiche, welche ihn an 9 Mädchen erinnert, die ihm ihre Existenz aber auch ihren Tod zu verdanken hatten.

An dieser Geschichte hat mir als erstes die dichte und wechselhafte Atmosphäre gefallen, die mich auf eine leise Art fasziniert hat. Die Sprache ist manchmal poetisch und transportiert viele Dinge. Bilder, Gefühle, Stimmungen. Auf eine ganz eigene Art und Weise, sehr intensiv.

Es gibt unzählige Realitäten, die sich verändern und überschneiden. In diesem Ausmaß war das eine neue Erfahrung für mich, sowohl von der Anzahl als auch den unterschiedlichsten Sichtweisen her. Eine Erfahrung, die mir sehr gefallen hat, auch weil mein Kopf schön beschäftigt war und ich einfach in ganz unterschiedliche Richtungen denken konnte.

Wo es so viele verschiedene Realitäten gibt, sind natürlich auch einige Figuren zu finden. Anfangs musste ich da schon ein wenig aufpassen, um auch alle zuordnen zu können. Aber da jede ihre ganz eigene Geschichte, individuelle Gedanken und Gefühle hatte, klappte das recht gut. Da gab es zu jeder Figur eine Verbindung, keine war mir gleichgültig.

Später wechselt die Erzählperspektive dann auch öfter mal absatzweise, womit sicher nicht jeder klar kommt. Mir hat gefallen, dass dem Leser dort auch etwas zugetraut wird – und es hat Spaß gemacht, die Perspektiven so „ungeordnet“ zu wechseln und manche Szenen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erleben.

In dem Roman gibt es auch viele Verbindungen und Hinweise auf Märchen. Die eingestreuten Märchen-Aspekte sind ein fester Bestandteil und tragen zum besonderen Charme dieser Geschichte bei. Dabei geht es nicht nur um den Rattenfänger, der auf der Suche nach den Kindern ist. Es geht um viele Märchen und jeder entdeckt da wohl ganz unterschiedliche Hinweise. Auch aus der nordischen Mythologie taucht eine Figur auf, diese war mir zwar etwas zu weit weg, aber ich habe die Andeutungen doch sehr genossen.

Im Verlauf der Geschichte fragt man sich immer öfter, was real und was Einbildung, Wahn oder Märchen ist. Die Grenzen verschwimmen, alles verbindet sich und wird miteinander verwoben, um es später wieder zu trennen. Das Ende kam für mich gefühlt plötzlich, aber nachdem sich mein Kopf eingeschaltet hatte und etwas sortiert hat, wirkt es auf mich dann doch rund. Nur wegen einer Figur grübele ich noch etwas…

„Rattenauge“ ist sicherlich keine Geschichte für jeden, aber alle, die tiefe Geschichten mit verschiedensten Realitäten, Märchenmotiven und einem gewissen Anspruch mögen, sollten es sich auf keinen Fall entgehen lassen! Ein spannender phantastischer Roman, der mich nicht nur fasziniert sondern auch noch länger beschäftigt hat.

SERAPH - Literaturpreis der Phantastischen Akademie

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