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... in meiner ganz persönlichen Bücherwelt! Mein Schwerpunkt liegt bei deutschen Fantasy-Autoren, weil mich ihre Bücher begeistern und ich finde, dass sie nicht genug Aufmerksamkeit erhalten.

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Einträge mit dem Schlagwort Gastbeitrag

[Gastbeitrag] Das Making-of vom „Geheimnis der Sternentränen“

Heute darf ich euch wieder einen Gastbeitrag präsentieren! Diesmal erzählt uns Anke Höhl-Kayser etwas über die Vorgeschichte von „Das Geheimnis der Sternentränen“. Der Roman ist im Januar 2017 im Bookspot Verlag erschienen – und jetzt übergebe ich die Tastatur an Anke!

Gastbeitrag

Unverhofft kommt oft, oder: das Making-of vom „Geheimnis der Sternentränen“

Im Dezember 2014 stieß ich auf einen faszinierenden Kurzgeschichtenwettbewerb. Der DrachenStern Verlag – ein Imprint des Bookspot Verlags – hatte eine Ausschreibung in den Rubriken Fantasy und Science-Fiction gestartet. Man konnte ein Preisgeld und einen Buchvertrag gewinnen – aber das war nicht das Spannendste.
Was mich an dieser Ausschreibung so faszinierte, war die Tatsache, dass es keinen Ideenrahmen gab. Meistens haben Ausschreibungen Themen, die relativ klar vorgeben, worum es in den Geschichten gehen soll. Hier gab es nur die beiden Titel für die Rubrik Fantasy („Schattenfeuer“) und für die Rubrik Science-Fiction („Sternenfeuer“). Keinen Tipp für die Handlung. Während sich bei anderen Ausschreibungen meine Fantasie am Handlungsrahmen entzündet, schaute ich hier sozusagen ins Leere. Auf der Vor-Cover-Abbildung ein Drache mit gespreizten Flügeln. Das war alles. Sollten es also Drachen sein? Ich bin gar nicht so der Drachenfreund. Also doch was ganz anderes?

Ich schreibe seit 2009 hauptsächlich Fantasy, bislang weitgehend drachenfrei. In diesen sieben Jahren habe ich zehn Romane und über 30 Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht. Ich habe schon bei sehr vielen Wettbewerben mitgemacht, aber das hatte ich noch nicht: nicht wissen, was ich schreiben sollte.

Schwierigkeiten reizen mich. Probleme beim Schreiben wollen gelöst sein. Das Ganze ließ mich nicht los. Dazu musste mir doch was einfallen. Und am besten nicht nur irgendwas, denn man versucht ja immer, der eigenen Story die maximale Chance zu geben, danach in die Anthologie aufgenommen zu werden. An einen möglichen Gewinn dachte ich erstmal gar nicht.

In der Rubrik Science-Fiction sah es nicht anders aus. SF-Kurzgeschichten hatte ich alte Fantasytante aber schon geschrieben, ich bin auch eine begeisterte Sci-Fi-Leserin: Clarke, Asimov, Lem, die Strugazki-Brüder gehören zu meinen Lieblingsautoren. Warum also nicht zu beiden Rubriken etwas einreichen? Das war erlaubt.
Und dann hatte ich sozusagen die Erleuchtung.

Was, wenn ich zwei miteinander verbundene Kurzgeschichten einreiche? Eine, die im Jahr 2162 auf der Erde spielt und eine in einem mittelalterlichen High-Fantasy-Setting? Mit Drachen, um sicherzugehen? Und dazwischen eine Schnittstelle, ein Weltentor, durch das die Protagonisten hinüberwechseln können?

Ich schrieb die Geschichten, und während sie sich entwickelten, wurde mir klar: Das ist der Stoff für einen Roman. Für den dicksten, den ich bisher geschrieben habe.

Der Wettbewerb endete im April 2015. Ich hatte beide Geschichten eingereicht. Die Ausschreibung schlug Wellen in der Autorenwelt, die Facebookseite war viel frequentiert, und als ich las, dass 750 Stories eingegangen waren, rechnete ich mir für meine krause Idee nicht mehr viele Chancen aus.
Das Jahr verging. Anfang Dezember 2015 wurden die beiden Shortlists vom Verlag bekanntgegeben. Ich fasste es nicht: Meine beiden Geschichten waren dabei!
Nun stand die Gewinnerbekanntgabe an. Das ist der Moment, wo man sich als Autorin erstmalig Hoffnungen erlaubt, aber ich versuchte, realistisch zu bleiben. Die Geschichten hatten den Juroren gefallen – aber bedeutete das auch, dass ihnen das Gesamtkonzept gefiel? Dass sie mir für meine Geschichte einer dystopischen und einer Fantasywelt, verbunden durch eine uralte Technologie, einen Buchvertrag geben würden?

Was soll ich sagen. Unverhofft kommt eben doch oft. Zwei Tage vor Weihnachten bekam ich von Verleger Burkhard P. Bierschenck die Nachricht, dass ich den 1. Preis in der Rubrik Science-Fiction gemacht hatte.
Das Jahr 2016 stand dann ganz im Zeichen des Schreibens: 100 Seiten hatte der Roman zu diesem Zeitpunkt schon, weitere 330 kamen dazu.
Zwei Welten, an deren Spitzen Despoten stehen. Ein Matriarchat auf der dystopischen Erde, ein Patriarchat auf dem mittelalterlichen Planeten Ägeon. Jade, eine 32jährige Wissenschaftlerin und Ranon, ihr 18jähriger Geliebter. Wygo, der Handlanger des Patriarchen, der nicht mehr weiß, auf welcher Seite er stehen soll, nachdem er seine väterlichen Gefühle für Jades Zwillingsschwester entdeckt hat. Melody, die sich in einer Welt der durch Präimplantationsdiagnostik erschaffenen perfekten Menschen mit Down-Syndrom durchschlägt.

© Anke Höhl-Kayser

Und dann meinte das Leben, mir noch rasch dazwischen grätschen zu müssen: Meine Mutter, die mein größter Fan und meine begeistertste Leserin war, starb am 30.8.2016 mit knapp 88 Jahren. Einen Tag später war mein Abgabetermin für „Das Geheimnis der Sternentränen“. Weil sie mich in den Jahren als Autorin stets innig begleitet hat und ich wusste, wie viel ihr meine Arbeit bedeutete, konnte ich selbst in dieser Situation den Termin einhalten. Ihr gilt mein größter Dank.

Und so ist „Das Geheimnis der Sternentränen“ für mich mein emotionalstes Buch – es wird mich immer an riesengroße Freude, aber auch an Trauer erinnern und ein Stück weit Abschied sein. Dieses Gefühl mit meinen LeserInnen zu teilen, ist das Schönste, was mir passieren kann.

© Anke Höhl-Kayser

[Gastbeitrag] Romanfiguren in Lebensgröße – oder: Wie baut man sich einen Blauen Krieger?

Heute darf ich euch wieder einen Gastbeitrag präsentieren! Diesmal wird es sehr kreativ, denn Selma J. Spieweg zeigt uns, wie man sich eine Romanfigur in Lebensgröße bauen kann. Und auch wenn es Boris wahrscheinlich nicht so gefallen hat, musste er als Beispiel herhalten. Oder höre nur ich ihn leise grummeln? Und jetzt übergebe ich die Tastatur an Selma!

Gastbeitrag

Hallo liebe Leserinnen und Leser, ich möchte euch Boris vorstellen. Einige wissen vielleicht schon, dass ich meine Romanhelden in Lebensgröße aus Pappmaschee modelliert habe. Heute möchte ich euch erzählen, wie diese Figuren entstanden sind und vielleicht ist es für die eine oder andere eine Anregung, sich selbst an so einer Figur zu versuchen.

© Selma J. Spieweg

Ihr braucht:

  • Einen Arbeitsplatz, den ihr für ein paar Wochen in ein Chaos verwandeln könnt.
  • Abdeckplanen
  • Schüsseln, um Kleister und Papiermehl anzurühren.
  • Pinsel
  • Säge
  • Teppichmesser
  • Schleifpapier
  • Modelliergriffel (zur Not gehen auch Holzspieße und Schraubenzieher)
  • 1 Schaufensterpuppe
  • 2 bis 3 Packungen Tapetenkleister
  • 1 bis 2 Liter Holzleim
  • ca. 5 Kilo Papiermehl
  • ca. 10 Rollen Toilettenpapier
  • 500 Gramm Ton
  • Sämtliche alte Zeitungen aus der Nachbarschaft.
  • Kaninchendraht

Für den künstlichen Arm:

  • 1 PETling (aus diesen Rohformen werden PET-Flaschen hergestellt)
  • Leuchtende Schnürsenkel

Zum Bemalen und Imprägnieren:

  • ca. 1 Liter weiße Dispersionsfarbe
  • Öl- oder Acrylfarbe
  • Zwei-Komponenten Epoxidharz

Materialkosten ca. 350 Euro
Arbeitszeit ca. 4 Wochen

Als Grundgerüst bietet es sich an, eine Schaufensterpuppe zu verwenden. Das hat mehrere Vorteile, man hat einen relativ leichten und stabilen Unterbau und stimmige Proportionen. Wenn die Arm- oder Kopfhaltung nicht passt, kann man der Schaufensterpuppe mit einer Säge zuleibe rücken und die gewünschte Pose erst mit Gipsbinden und später mit vielen Lagen Zeitungspapier fixieren.

Wenn man so weit ist, wird die Schaufensterpuppe mit langen Streifen Zeitungspapier umklebt, bis sie vollständig umwickelt ist. Als Klebstoff bietet sich eine Mischung aus Tapetenkleister und Holzleim an und das Zeitungspapier sollte am Ende mehrlagig sein, damit es später auch die Aufbauten halten kann.

© Selma J. Spieweg

Nachdem das Grundgerüst vollständig mit Zeitungspapier bedeckt ist, kann man mit dem Modellieren beginnen. Schaufensterpuppen sind so dünn, dass es schon anatomisch falsch ist. Um das zu beheben, kann man ein Stützgerüst aus Pappe oder Maschendraht bauen, was dann wiederum mit Zeitungspapier beklebt werden muss.

Kleinere Formen, wie der Faltenwurf der Kleidung oder in diesem Fall auch der Kragen von Boris‘ Uniform werden aus Toilettenpapier-Pappmaschee oder Papiermehlpappmaschee vorgeformt. Was man verwendet, ist eine Kostenfrage. Toilettenpapier-Pappmaschee ist preisgünstig, braucht jedoch lange zum Trocknen und schrumpft zusammen, sodass man diesen Arbeitsschritt wiederholen muss. Papiermehl ist deutlich teurer und schrumpft leider auch etwas, doch es trocknet schneller und hat danach eine ähnliche Stabilität wie Holz.

© Selma J. Spieweg

Die Zahnräder in Boris‘ Arm sind aus Papiermehl hergestellt. Ich habe eine Mischung verwendet, in der der Kleber bereits enthalten ist und es nur noch mit Wasser angerührt werden musste. Die Zahnräder wurden einzeln angefertigt und nach dem Trocknen die Grate mit einem Teppichmesser abgeschnitten und die raue Oberfläche mit Schleifpapier geglättet. Danach habe ich die Zahnräder mit Papiermehl am Oberarm montiert.

© Selma J. Spieweg

Wenn eine Schicht Zahnräder fest und durchgetrocknet war, habe ich darauf die nächsten angebracht.

© Selma J. Spieweg

Das Gesicht ist eine besondere Herausforderung. Die feinen Formen lassen sich kaum mit Papiermehl herstellen und die Masse bleibt viel lieber an den eigenen Fingern kleben, als an den Stellen, wo sie hin soll. Und wenn man es doch geschafft hat, dann schrumpft sie über Nacht und am nächsten Morgen sieht das Gesicht ganz anders aus, als man sich vorgestellt hat. Hinzu kommt, dass auch die Streifen aus Zeitungspapier beim Trocknen etwas zusammenziehen, so entstehen beispielsweise Hohlräume um die Nase herum und in den Augenhöhlen. Diese musste ich mit dem Teppichmesser aufschneiden und zurecht schnitzen. Feinere Formen kann man sehr gut aus Ton modellieren, in Boris Fall sind es die Augenlider. Diese müssen danach aber mit kleinen Schnipseln Zeitungspapier überklebt werden, denn Ton hat den Nachteil, dass er nicht so elastisch wie Pappmaschee ist. Auch Bart, Haare und Augenbrauen sind aus Ton und einzeln Haar für Haar angeklebt. Nach einer Woche fing der Ton-Bart an, sich von den Wangen zu lösen, da das Gesicht beim Trocknen schrumpfte, der Ton jedoch nicht. Zum Glück konnte ich mit Epoxidharz verhindern, dass der Bart abfiel.

Nachdem Boris fertig modelliert war, habe ich ihn mit weißer Wandfarbe aus dem Bauhaus grundiert und konnte anschließend mit dem Bemalen beginnen. Ich habe dafür Ölfarbe genommen. Um Boris vor Spritzwasser und leichten Stößen zu schützen, habe ich ihn mit Epoxidharz eingestrichen. Man trägt es wie Klarlack auf. Die Zahnräder haben mehrere Anstriche bekommen, um sie bruchfester zu machen.

© Selma J. Spieweg

Im Roman leuchten in Boris‘ künstlichem Arm eine Energiekartusche und blaue Leitungen. Als Kartusche habe ich einen Industrie-PETling verwendet und für die Leitungen leuchtende Schnürsenkel. Die Batterien dafür sind im Unterarm und in einem Hohlraum im Nacken versteckt.

© Selma J. Spieweg

Nach vier Wochen Arbeit (und noch einmal zwei Wochen Trocknungszeit für die Ölfarbe) war Boris fertig. Und wenn er mir nicht beim Schreiben seiner Geschichte zusieht, ist er unterwegs und macht Werbung für sein Buch.

© Selma J. Spieweg

© Selma J. Spieweg

[Gastbeitrag] Hörbuch und Recherche zu „Schottlands Wächter“

Heute darf ich euch einen Gastbeitrag präsentieren! Katharina Gerlach erzählt uns etwas über das Hörbuch zu „Schottlands Wächter“ und die Recherche zur Reihe. Zu gewinnen gibt es auch noch etwas – aber erstmal übergebe ich die Tastatur an Katharina. :)

Gastbeitrag

Danke, Marny, dass ich mein Hörbuch „Schottlands Wächter“ vorstellen darf. Ich weiß, dass dir die Geschichte gut gefallen hat (denn wer hat mich immer wieder gebeten, einen Folgeband zu schreiben?). Ich muss zugeben, dass ich selbst lieber lese als höre. Aber ich weiß, dass es sehr viele LeserInnen gibt, die gleichzeitig HörerInnen sind.
In Schottlands Wächter geht es um Bryanna, ein junges Mädchen aus Schottland. Sie entdeckt, dass die Wesen, die sie aus Fabeln, Märchen und Legenden kennt, tatsächlich existieren, als sie ihren gekidnappten Vater retten will. Dabei gerät sie zwischen die Fronten eines drohenden Krieges.

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Als ich “Schottlands Wächter” geschrieben habe, war die Recherche einfach. Die meisten Fabelwesen kannte ich aus den Erzählungen meiner schottischen Adoptivfamilie. Natürlich legte ich mir ein paar Sagen- und Märchenbücher zu, um die Erinnerungen zu vertiefen, aber das war alles. Jetzt, beim zweiten Band, ist das alles komplizierter geworden.
Ein Teil der Geschichte spielt in einer ausgedachten Welt, in die Kaylee gerät und aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Ich habe lange gebraucht, um diese dunkle Welt so zu gestalten, dass sie vom Gefühl her zu den Sagen und Märchen passt, die ich bereits verwendet habe.

Der weitaus schwierigere Teil betrifft Bryannas Reise. Sie muss nach Cornwall, Wales und Südengland, und sich dort nicht nur gegen die Fabelwesen behaupten, sondern auch mit dem Wächter dieser drei Länder zurecht kommen. Keine leichte Aufgabe. Um die Fabelwesen möglichst gut darstellen zu können, lese ich seit etwa einem Jahr das Mabionigon, eine Sammlung keltischer Sagen und Legenden, sowie etliche Märchenbücher speziell über Wales und Cornwall.

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Mein größtes Problem dabei ist die Fülle an Wesen, die die keltische Kultur mit sich bringt. Ich brauche eine möglichst ausgewogene Balance zwischen Wesen, die bekannt sind (in diesem Fall sind das überwiegend Figuren aus der Artus-Sage, denn die ist im Süden von GB am stärksten verbreitet) mit den weniger bekannten. Gleichzeitig will ich mir aber auch genügend für den Abschlussband der Trilogie aufheben, der Bryanna und Kaylee voraussichtlich nach Irland führen wird, zumindest zeitweise. Vor meinem inneren Auge sehe ich bereits eine Szene mit einer Banshee (einem Fabelwesen, das den Tod ankündigt).

Wenn aber einer von euch ein paar Lieblingswesen hat, die in Wales, Cornwall oder Südengland leben, dürft ihr sie mir gerne nennen. Wenn sie in meine Geschichte passen, bringe ich sie unter. Versprochen!

© Katharina Gerlach


GEWINNSPIEL

Verlost werden zwei Audible-Codes für einen kostenlosen Download des Hörbuchs oder für diejenigen, die lieber selber lesen, das eBook.
Das Gewinnspiel läuft bis zum 31. Juli 2016. Du bist mindestens 18 Jahre alt oder hast das Einverständnis deiner Erziehungsberechtigten.

Um teilzunehmen, beantwortet als Kommentar mit Angabe eurer eMail-Adresse (im dafür vorgesehenen Feld nur für Admins sichtbar) und der Info, für welchen Gewinn (Hörbuch-Code oder eBook) ihr in den Lostopf hüpfen wollt, folgende Frage:

Gibt es einen Sagenkreis oder eine bestimmte mythologische Figur/Wesen, das euch ganz besonders reizt?

Viel Glück! :)

[Gastbeitrag] Ein Rundgang durch Rihalimon (Teil 2)

Und schon geht es weiter mit dem Rundgang durch Rihalimon! Ich hoffe, ihr seid alle noch da und niemand hat den Anschluss verpasst, denn es gibt besondere Orte und einen geheimnisvollen Gegenstand zu sehen. Also los!

Gastbeitrag

Nach diesem ausführlichen Blick in den Ostflügel kehren wir noch einmal in den Teil des Schlosses zurück, den die Windsbräute bewohnen. Neben den Schlafräumen finden sich dort auch die Versammlungsräume, in denen besonders kundige Windsbräute sich um die Klärung wichtiger Fragen bemühen. Werfen wir mal einen Blick in einen der größeren Räume.

Hope bedankte sich und schloss die Tür hinter sich. Ihre Gesprächspartnerin wies auf eine Reihe von Stühlen, die wie in einem Wartesaal nebeneinander an der Wand aufgereiht standen. Hope setzte sich auf die Kante des Stuhls, der am weitesten von den Bräuten entfernt war. Schließlich wollte sie nicht stören, hier wurde gearbeitet, so viel wusste sie.
In der Mitte des Raums stand ein runder, fein gearbeiteter Tisch. Er bot Platz für zehn Stühle und hatte Ähnlichkeit mit den Tischen in Helianas Räumlichkeiten. Jetzt, da Hope erfahren hatte, wie die Möbel entstanden, betrachtete sie die Verzierungen genauer. Anders als in den Räumlichkeiten der Ältesten befanden sich an diesem Tisch keine Blüten- und Blätterranken. Stattdessen schienen sich Tiere an den Beinen festzuhalten oder um sie herum zu winden. Überall lugten sie wie neugierige, kleine Kinder hinter den Tischbeinen hervor oder hielten ein Spielzeug in den Pfoten.
Die Stühle wiederum boten Heimstatt für Vögel. Auf den Arm- und Rückenlehnen hockten sie, pickten imaginäre Körner auf oder bauten ein Nest an einer geeigneten Stelle.
Neben dieser Sitzgruppe befanden sich noch die Stuhlreihe an der Wand, auf der Hope Platz genommen hatte und mehrere wuchtige, aber schlichte Arbeitstische im Raum. Dort lagerten Papiere und Bücher.

Aus Windsbraut: Rihalimons Geheimnis, KAPITEL NEUN – Peace

Für das Ende dieses kleinen Rundgangs habe ich noch zwei besondere Orte und einen sehr heiklen Gegenstand aufgehoben, die allesamt streng geheim bleiben müssen. Also: Pssst! Bitte nicht weitersagen. Zuerst schauen wir uns den geheimen Ort von Hopes bester Freundin an. Bitte folgt mir, es ist ein Stück zu gehen.

Peace schritt voran, und Hope folgte ihr durch die langen Korridore des Schlosses. Zu ihrem Erstaunen hielt ihre Führerin an einer Tür, hinter der eine verborgene Treppe zum Vorschein kam. Seit wann gab es hier mehrere Stockwerke? Bisher hatte sie Rihalimon immer für eingeschossig gehalten, sehr breit und auch recht hoch, aber der Aufbau mit seinen Zinnen und Türmchen aus Wolkengespinst, war doch nur zur Zierde. Zumindest hatte es von außen so ausgesehen, und da Hope bei ihren Wanderungen durch das Schloss noch nirgends auf Stufen gestoßen war, verwirrte sie dieser Anblick im ersten Moment.
Die Treppe führte aufwärts. Peace grinste, legte den Finger an die Lippen und wies nach oben, ehe sie sich umwandte und den Aufgang mit schnellen Schritten hinaufstieg. Hope hastete hinter ihr her.
Zuerst ging es gerade hinauf. Auf einem schmalen Absatz endete der Aufstieg. Peace blieb stehen, winkte Hope heran und signalisierte ihr erneut leise zu sein. Sie lauschte die Treppe hinab, die sie soeben hinaufgekommen waren. Kein Laut war zu hören. Dann öffnete sie eine winzige Tür, die Hope zunächst nicht wahrgenommen hatte. Im nächsten Augenblick packte Peace Hope bei den Schultern, schob sie hindurch und schloss die Tür hinter ihnen.
In dem Zimmer war es stockdunkel. Peace griff mit den Händen in das Wolkengespinst neben der Tür. Sofort glühte im Inneren der Wolke ein sanftes Licht auf. Es reichte gerade aus, um die Umgebung einigermaßen erahnen zu können.
Hope sah sich um. Schon wieder standen sie am Fuß einer Treppe, diesmal handelte es sich jedoch um eine Wendeltreppe. »Führt die in einen der Türme?«, fragte sie leise.
»Lass dich überraschen.« Peace‘ Stimme war kaum mehr als ein Hauch. »Dort oben ist es wunderschön und wir können uns in Ruhe unterhalten.«
Warum sie flüsterten, wusste Hope nicht. Konnte man sie hören? Und wenn ja, wer? Womöglich war es auch verboten, sich in den Türmen aufzuhalten. Aber wozu dann diese Treppe? Die sich als so endlos erwies, dass Hope schnaufte wie ein ersterbender Westwind, lange, bevor sie das Ziel erreichten. Peace hingegen schien der Aufstieg nichts auszumachen, sie atmete nicht einmal schneller.
Je höher sie stiegen, desto heller wurde es. Licht sickerte aus den Wänden wie durch Watte, im gleichen Maße erlosch das Leuchten des Wolkengespinstes.
»Halt dich fest!«, befahl Peace, die vor Hope die Treppe hinaufstieg. »Wir sind gleich oben.«
Hope sah sich um. Woran um alles in der Welt sollte sie sich festhalten? Außer den Wolken sah sie nichts, das ihr Sicherheit geboten hätte. Erst als sie die letzten Stufen beschritt, entdeckte sie in der Wolkenwand einen metallenen Ring und einige Kettenglieder, die daran baumelten. Hope griff nach der Kette und ließ deren Glieder durch die Finger gleiten, während sie aufwärts kletterte. Noch eine Kurve. Dahinter war es so hell, dass es blendete. Vorsichtshalber kniff Hope die Augen zusammen, um nicht plötzlich völlig blind dazustehen.
Die Kette fest in der einen Hand verließ sie die Wendeltreppe, mit der anderen stützte sie sich auf einem Knie ab und versuchte erst einmal zu Atem zu kommen, ehe sie sich mit ihrer Umgebung befasste.
Endlich endete das unangenehme Ziehen in der Brust und Hope blickte auf. Tatsächlich standen sie auf der Plattform eines Schlossturmes, von Zinnen aus Wolkengespinst bekränzt. Hier oben wüteten ungestüme Winde. Es dauerte einen Moment, bis Hope begriff, dass es die Auf- und Abwinde sein mussten, die Rihalimon an dieser Stelle festhielten.
Es war eine gute Entscheidung gewesen, die Augen zusammenzukneifen, denn nicht nur die Helligkeit, sondern auch die Luftströme waren von solch unglaublicher Intensität, dass Hope sich am liebsten gekniffen hätte, um herauszufinden, ob sie nicht doch im Tiefschlaf lag, und das alles nur träumte. Zumal keinerlei Brausen zu hören war.
»Wo sind wir genau?«, flüsterte sie und musste beinahe selbst lachen, als sie die Ehrfurcht bemerkte, die sich in ihre Stimme geschlichen hatte.
»Das ist der sogenannte Westturm«, erklärte Peace. »Hierher kommt nie jemand. Sie sollten uns dennoch besser nicht erwischen. Sonst ist das Geheimnis dahin. Niemand weiß von diesen Treppen und dem Ausgang.«
»Dann hast du sie entstehen lassen?«
Peace grinste mit unverhohlenem Stolz. »Das hätte jede tun können, aber außer mir ist keine Windsbraut auf die Idee gekommen.«
»Dein geheimer Platz, ich verstehe.« Hope blinzelte ihrer Freundin verschwörerisch zu. »Danke, dass du ihn mir zeigst.«
Hope ließ die Kettenglieder ein Stück weiter durch die Finger gleiten und trat an den Zinnenkranz, um hinabzusehen.
Unter ihr lag nichts als bodenlose Tiefe, durchzogen von Wolken der unterschiedlichsten Art. Sie blinzelte und schaute nach oben, von wo die Sonne auf sie herablachte, als könnte es keinen schöneren Tag geben. Hope ging noch näher heran. In ihrem Herzen spürte sie die Sehnsucht, ihrem Ruf zu folgen und sich hineinzuwerfen und forttragen zu lassen. Doch sie widerstand dem Sog.

Aus Windsbraut: Rihalimons Geheimnis, KAPITEL NEUN – Peace

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Auch in den Räumlichkeiten der Ältesten gibt es Geheimnisse zu entdecken. Aber wen wundert das? Wo sonst, wenn nicht in deren Gemächern, sollten die Windsbräute wichtige Gegenstände verstecken? Hier müssen wir besonders vorsichtig sein, denn wenn uns die Älteste dabei erwischt, dass wir in ihren Räumlichkeiten schnüffeln, fliegen wir hier im hohen Bogen raus. Also psst! Schön leise sein und bitte nichts anfassen.

Nachdenklich ging sie in Helianas Zimmerflucht auf und ab. Der Unterricht fand gewöhnlich im dritten der aufeinanderfolgenden Räume statt. Weiter hinein war Hope bisher nicht gekommen. Ohne nachzudenken, betrat sie das nächste Zimmer. Es glich dem Besprechungszimmer, in dem ihre Lektionen stattfanden aufs Haar, lediglich erschien es eine Spur kleiner zu sein. Bis auf das Wolkenmobiliar war der Raum leer.
Immer tiefer drang Hope in Helianas Reich ein. Auch im nächsten Raum entdeckte sie nichts, was einen zweiten Blick wert gewesen wäre, außer dass auch dieses Zimmer wieder etwas weniger groß wirkte, als das zuvor. So ging sie von Raum zu Raum. Als sie das siebte Zimmer erreicht hatte, war dieses bereits sehr viel kleiner als der Unterrichtsraum. Ihre Wahrnehmung hatte sie nicht getäuscht.
Wenigstens sah es hier endlich einmal anders aus als in den übrigen Räumlichkeiten, die sich höchstens in der Farbe der Wände unterschieden, sah man von dem Schrumpfeffekt ab. An diesem Ort standen nicht nur Tische und Stühle sowie ein paar vereinzelte, meist leere Regalbretter, sondern auch ein Schrank und eine Truhe.
Neugierig trat Hope an die Kiste heran. Sie war wie alles hier aus Wolkengespinst geformt, wirkte aber wie aus Holz geschnitzt. Bei genauerem Hinsehen ließen sich Riefen, wie sie durch ein Sägeblatt entstanden, erkennen, und dazu täuschend echt aussehende Astlöcher. Es fehlte nur noch der Duft, den Gehölz manchmal verbreitete. Was für eine filigrane und langwierige Aufgabe musste es sein, die Wolken um diese Formgebung zu bitten. Anerkennend nickte Hope mit dem Kopf. Wow! Hier war eine große Künstlerin am Werk gewesen.
Liebevoll strich Hope mit den Fingerkuppen über die zauberhafte Arbeit. Was sich wohl in diesem Wunderwerk versteckte? Ob sie nachsehen sollte? Die Neugier fuhr in ihrem Körper Achterbahn und kribbelte von den Haar- bis in die Zehenspitzen. Zu gern würde sie einmal hineinschauen, nur einen winzigen Blick hineinwerfen. Schon ertasteten ihre Finger den Spalt zwischen Deckel und Korpus, ganz eigenmächtig, so als hätte Hope keine Macht mehr über ihre Hände.
Nur reinschielen, sagte sie sich. Sie würde die Truhe sofort wieder schließen. Sie schob die Daumen unter die Kante und drückte den Deckel ein kleines Stück hoch. Mist! Die Öffnung war zu schmal und die Lichtverhältnisse in diesem Raum zu dunkel, um auch nur erahnen zu können, was im Inneren der Kiste sein könnte. Also noch ein Stückchen anheben.
Fast erwartete Hope ein Quietschen der Scharniere, als sie den Truhendeckel Zentimeter für Zentimeter nach oben stemmte. Aber natürlich blieb das Geräusch aus, Wolken quietschten nun mal nicht. Sie unterdrückte ein Grinsen, während sie konzentriert in den Schlund der Truhe starrte, deren Maul sich langsam weiter öffnete. Endlich reichte das Licht aus, um das Innere zu beleuchten.
Hope runzelte die Stirn. Die Kiste war leer, nur tief unten, am Boden, stand eine Art Ball auf einem Sockel. Das Ding wirkte nicht sonderlich spektakulär und war den Aufwand und das schlechte Gewissen, hier herumzuschnüffeln, keinesfalls wert. Dennoch langte Hope in die Truhe und packte die Kugel. Sie war unerwartet schwer, ja es kam Hope sogar so vor, als wehrte sie sich dagegen, herausgehoben zu werden. Hope stieß den Truhendeckel ganz auf, erhob sich, beugte sich vor und griff mit beiden Händen zu. Trotzdem musste sie ihre komplette Kraft aufwenden, um das Ding herauszuheben. Sie richtete sich auf und stapfte auf den Tisch zu, der in der Mitte des Zimmers stand.

Aus Windsbraut: Rihalimons Geheimnis, KAPITEL ZEHN – ERINNERUNGEN

Das allergrößte Geheimnis habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben. Und diesmal lasse ich euch im Dunkeln, um was für Räumlichkeiten es sich handelt und wer oder was dort zu finden sein wird. Ihr seht, Rihalimon versteht es, seine Geheimnisse zu wahren. Aber nun, kommt mit, diesmal geht es abwärts.

Weiter führte der Weg durch endlose Gänge. Nach einer Weile hatte Hope das Gefühl, sich in einer Abwärtsspirale zu befinden. Der Flur weckte den Eindruck leicht bergab zu gehen, es mochte allerdings ebenso gut eine optische Täuschung sein. Der Korridor, dem sie folgten, nahm kein Ende. Es gab weder Abzweigungen noch Kreuzungen, da war nur dieser Gang, der sich in einem stetigen Bogen abwärts wand.
Gerade als sie nachfragen wollte, wie lange der Weg dauern würde, blieb ihre Führerin stehen und zeigte auf eine Tür, die Hope allein übersehen hätte, da sie die gleiche weißgraue Farbe hatte, wie das Wolkengespinst, aus dem Rihalimons Wände bestanden. Nur ein unauffälliger Türknauf und ein winziger Spalt, der Tür und Wand voneinander trennte, deuteten auf die Tür hin. Wer sich nicht auskannte, ging garantiert daran vorüber.
»Da wären wir«, sagte Hopes Begleiterin und drehte den Knauf. Sofort schwang die Tür nach innen und gab den Blick frei auf einen kleinen Raum. »Bitte schön.« Sie winkte einladend und ließ Hope den Vortritt.
Gemessenen Schrittes, betrat Hope den Raum. Es roch muffig, ein wenig nach ungewaschener Wäsche, aber der typische Geruch fehlte. Sie musterte die Wände auf der Suche nach einer weiteren Tür, die sie in die eigentlichen Räumlichkeiten führen würde. Doch da war keine Tür.
Sie stutzte und besah sich den Raum genauer. Er war beinahe leer, bis auf ein paar anscheinend willkürlich im Zimmer verstreute Gegenstände. Aus einer der Wände wuchs ein dünner Stab – vielleicht ein Kleiderhaken, mutmaßte sie. Allerdings hingen daran weder Mantel noch Hut, sondern nur ein alter Lederlappen oder eine Art Cape, von dem der üble Geruch auszugehen schien. Ein Spiegel stand auf einem winzigen Tisch, der kaum als Beistelltisch bezeichnet werden konnte. Stühle gab es gar nicht. Dafür entdeckte Hope ein Regal, in dem fein säuberlich mehrere Teller aufgestapelt waren, daneben lag Besteck, und auch ein paar Gläser und eine Karaffe Wasser fanden darin Platz. Allerdings war alles, was dort lagerte, nicht in der Größe vorhanden, wie es in einem menschlichen Haushalt zu finden wäre, sondern war höchsten ein Viertel so groß. Das Geschirr erinnerte Hope an Spielzeug. Hatte sie nicht selbst als kleines Mädchen mit Puppen gespielt und mit ihnen gemeinsam grandiose Teepartys gefeiert? Aber was suchte Kinderspielzeug gerade hier?
Hopes Führerin hatte stumm da gestanden und lächelnd Hopes Minenspiel beobachtet. Nun erwachte sie wieder zum Leben und kam heran. »Kann es losgehen?«, fragte sie spitzbübisch.

Aus Windsbraut: Schwester der Winde, KAPITEL EINS

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Nun sind wir am Ende unserer kleinen Schlossführung angekommen. Ich hoffe ihr hattet Spaß und habt den Rundgang genossen. Sollten noch Fragen bestehen, schießt los. Wenn es euch gefallen hat, freue mich über eine kleine Anerkennung in Form eines Trinkgelds. Diese dürft ihr gern in Form eines Buchkaufes entrichten. ;)

Anlässlich des Erscheinens des 2. Bandes der Trilogie erhaltet ihr den 1. Band der Trilogie „Windsbraut: Verdammter Ostwind“ als E-Book zum Schnäppchenpreis von 99 Cent. Und auch den 2. Band „Windsbraut: Rihalimons Geheimnis“ gibt es derzeit zum reduzierten Preis von 2,99 € statt 3,99 €. Außerdem findet ihr beide Bücher in der kostenlosen Ausleihe von Kindle Unlimited, folgt mir einfach ein letztes Mal HIER entlang zu „Verdammter Ostwind“ und HIER entlang zu „Rihalimons Geheimnis. Beide Titel gibt es natürlich auch als Taschenbuch.
Wenn ihr mehr über mich wissen möchtet und über die Bücher, die ich bisher geschrieben habe, dann werft doch mal einen Blick auf meine Homepage oder abonniert meinen Newsletter, dann versorge ich euch aus erster Hand jederzeit mit Neuigkeiten.

© Regina Mengel

[Gastbeitrag] Ein Rundgang durch Rihalimon (Teil 1)

Heute darf ich euch einen Gastbeitrag präsentieren! Regina Mengel führt uns durch Rihalimon, dem Wolkenschloss der Windsbräute und überwiegendem Handlungsort von „Rihalimons Geheimnis“, dem zweiten Teil der Windsbraut-Trilogie. Und weil ein Rundgang durch so ein Schloss natürlich etwas länger dauert, habe ich den Beitrag aufgeteilt – also verpasst morgen nicht den Anschluss zum zweiten Teil. ;) Und jetzt übergebe ich die Tastatur an Regina!

Gastbeitrag

Guten Tag liebe Besucherinnen und Besucher. Mein Name ist Regina Mengel und ich freue mich heute euer Schlossführer sein zu dürfen. Rihalimon ist nicht irgendein Schloss, das werdet ihr schon bei eurer Anreise bemerkt haben. Schließlich fliegt man nicht alle Tage so weit hinauf in die Wolken.

Natürlich werdet ihr euch nach diesem Rundgang im Schloss nicht besser darin zurechtfinden, als jeder andere, der dort neu eingezogen ist. In den ersten Tagen und Wochen verläuft sich jeder, was vor allem an den endlos langen Gängen liegt, die völlig fensterlos daherkommen und alle gleich aussehen. Gänge von denen Türen abgehen, gelegentliche Kreuzungen und wieder endlos lange Korridore. Auf Rihalimon zu leben ist leicht – zumindest auf den ersten Blick-, sich dort zurechtzufinden dauert jedoch seine Zeit. Aber fangen wir von vorn an – oder besser gesagt: von außen.

Hopes Blick blieb an einem Gebilde hängen, das mit einem Mal nicht weit entfernt im Licht des Sonnenaufgangs erstrahlte. Was war das? Schwebte da tatsächlich ein Schloss über den Wolken? Sie kniff die Augen zusammen und starrte das Phänomen an. So etwas hatte sie hier oben noch niemals gesehen.
Die Sonne stieg langsam höher, und mit jedem Augenblick, der verging, wanderte ihr Leuchten ein Stück aufwärts, bis es endlich das komplette Gebäude erfüllte. Unfassbar, da hing ein Schloss in der Luft, jedoch nicht, wie Hope es zuerst angenommen hatte, über den Wolken. Stattdessen bildeten Wolken die Mauern, die Zinnen und Türme, die in zahlreichen Tönen von Weiß bis zu zartem Grau changierten. Lediglich das Eingangstor, das einer hochgezogenen Zugbrücke glich, bestand aus einem anderen Material.
Neugierig tastete Hope nach einem Wind, der sie näher an das Wolkenschloss herantragen sollte. Sie musste nicht lange warten, ein laues Lüftchen von einem Seitenwind schwebte an ihr vorbei. Sie stieg um und ließ sich langsam vorwärtstreiben. Das Wolkenschloss schien unbeweglich zu schweben. Merkwürdig, normalerweise bliesen die Luftströme die Wolken vor sich her, dieses Gebilde aber blieb an ein und derselben Stelle, als wäre es fest verankert.
Als Hope näher herankam, nahm sie die Ausläufer zweier gegenläufiger Winde wahr. So funktionierte das also. Ein kraftvoller Abwind drückte von oben auf das Schloss, und ein ihm ebenbürtiger Aufwind hielt von unten dagegen. Gemeinsam brachten sie eine gleichbleibende Kraft auf, die das Wolkenschloss unverrückbar in der Luft schweben ließ und dafür sorgte, dass sich seine Position weder nach oben oder unten veränderte, noch dass es davongetragen wurde.
Aufgeregt sah Hope dem Schloss entgegen. Wer wohl dort wohnte? Nicht mehr lange und sie würde an das Tor klopfen, vorausgesetzt, das Material des Tores ließ ein solches Geräusch zu.

Aus Windsbraut: Verdammter Ostwind, KAPITEL ACHTZEHN – GENESUNG

So einfach, wie Hope sich das vorstellt – einfach mal anklopfen und man lässt sie rein – ist die Sache aber leider nicht. Lauschen wir doch mal, welches Geräusch das Tor von sich gibt, wenn man dagegen klopft. Übrigens: Inzwischen kennt Hope auch den Namen des Schlosses: Rihalimon.

Wieder harrte Hope vor dem Tor aus. Wieder klopfte sie vergeblich, wartete und wartete, bis sie schließlich in ihrer Not in die Knie ging und unablässig gegen die Tür hämmerte. Sie würde hierbleiben und ihre Fäuste gegen das unbekannte Material des Portals erheben. Und wenn sie ihre Fingerkuppen blutig schlagen würde, wenn ihr die Hände abfielen, irgendwann musste denen da drinnen der andauernde Lärm auf die Nerven gehen, so sehr, dass sie hoffentlich endlich ihre Arroganz abstreiften und sich der demütig zu ihren Füßen kauernden Windsbraut annahmen.
Eines hatte Hope bei ihrem Plan jedoch unterschätzt: die Empfindlichkeit ihrer eigenen Ohren. Im Gegensatz zu denen der Windsbräute im Inneren des Schlosses, befanden diese sich unumgänglich in unmittelbarer Nähe der Stelle, auf die Hope eindrosch, als gäbe es kein Morgen mehr. Und die Geräusche hatten es in sich, sie erinnerten an den Klang von bronzenen Kirchenglocken. Mit jedem Schlag erbebte Hopes Körper, und ihre Trommelfelle schienen im Inneren ihres Ohres hin und her zu schlingern wie ein Fischerboot im Sturm.
Irgendwann, nach nicht allzu langer Zeit, ließ Hope die Fäuste sinken und gab ihren Plan auf. Wenn sie nicht ihr Gehör zu Grabe tragen wollte, durfte sie unmöglich noch länger diesem Lärm ausgesetzt sein. Eine neue Idee musste her.

Aus Windsbraut: Rihalimons Geheimnis, KAPITEL ZWEI – FAITH

Manchmal hat das Schicksal Erbarmen mit uns armen Sündern. ;) Das darf auch Hope erfahren, denn schließlich wird sie doch nach Rihalimon eingelassen. Wie mag das Schloss von innen aussehen? Folgt mir und ihr werdet es mit eigenen Augen sehen.

Der Weg führte sie durch lange Gänge, die allesamt aus verdichteten Wolken bestanden. Wie Mauerwerk fügten sich große Wolkenblöcke aneinander. Doch anders als bei Stein wirkte die Oberfläche leicht uneben, ein wenig aufgeraut, als läge eine dünne Schicht flauschiger Wolkenschleier über der verdichteten Masse. Dieser Eindruck verstärkte sich noch, da der Boden unter Hopes Füßen bei jedem Schritt minimal nachzugeben schien. Sie lief im wahrsten Sinne des Wortes auf Wolken.
Nach einer scheinbar unendlichen, fensterlosen Flut an Gängen blieb Faith endlich stehen, und Hope schloss zu ihr auf. Sie rang um Luft, während Faith an eine Tür klopfte und um Einlass bat. Die Tür bestand aus dem gleichen Material wie Rihalimons Eingangstore.

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Nachdem Hope eine erste Unterredung mit der Ältesten der Windsbräute durchgestanden hat, wird sie auf ihr Zimmer geführt. Eine gute Gelegenheit sich mal anzuschauen, wie die ganz normalen Schlafzimmer einer Windsbraut so aussehen und was es dort an Besonderheiten gibt. Bitte hier entlang zu den Schlafgemächern.

So blieb ihr genug Zeit, sich ein wenig umzusehen und auch die eine oder andere Frage zu stellen. Genau genommen überschüttete sie ihre Führerin geradezu mit Fragen, all jenen, die sie nicht gewagt hatte, der Ältesten zu stellen.
»Hat das Schloss keine Fenster? Was macht ihr hier den ganzen Tag? Wie viele Windsbräute gibt es eigentlich? Warum sagt ihr den neugeborenen Schwestern nichts von Rihalimon? Wie kann ein Schloss aus Wolken bestehen, oder sind es gar keine Wolken? Wie wird mein Zimmer aussehen?
Hopes Führerin lächelte gütig und gab sich sichtlich Mühe, Hope ein paar Antworten zu geben. Über die Beschaffenheit des Schlosses wusste sie nichts, nur, dass es sehr wohl Fenster gäbe. Einzig, wie Hopes Zimmer aussähe, beantwortet Lavendel schließlich umfassend, indem sie ganz einfach eine der metallenen Türen auf der rechten Seite eines Seitenkorridors aufstieß. Sie trat ein Stück in den Raum und bat Hope zu sich.
Der quadratische Raum maß nur wenige Schritte und wies tatsächlich eine Art Fenster auf, ein rechteckiges Wolkenloch in Brusthöhe. Glasscheiben waren anscheinend bei den Windsbräuten unbekannt. Wozu hätten sie ihnen auch dienen sollen, die Schwestern haderten nicht mit dem Wetter, und es lag ihnen fern, zu frieren oder zu schwitzen.
Während ihre Führerin sich verabschiedete und schließlich die Tür hinter sich schloss, steuerte Hope direkt auf die Öffnung zu und blickte hinaus. Nicht mehr lange und die Sonne würde untergehen.
Sie sah einige Minuten aus dem Fenster, ehe sie sich umwandte und den Raum, der nun ihr Zuhause sein sollte, in Augenschein nahm. Eine Ruhestätte, ebenfalls aus Wolken gebildet, stand an einer Wand des Zimmers. Sie konnte ebenso als Bett wie als Sofa genutzt werden. Ein Sessel stand daneben und dazwischen bildete ein Wolkenquader eine Art Tisch. Ansonsten war der Raum komplett leer.
Es klopfte.
»Herein.«
Die Tür schob sich langsam auf und eine weitere, Hope unbekannte, Windsbraut spähte hindurch. »Die Älteste hat mich zu dir geschickt, um dir ein paar Dinge zu bringen, und dich auf die Nacht vorzubereiten. Darf ich hereinkommen?«
»Aber selbstverständlich.« Hope trat an die Tür, um diese für ihre Besucherin, die einen unhandlichen, großen Korb unter dem Arm trug, zu öffnen. Als sie den Türknauf ergriff, schwang die Tür sofort nach innen. Hope wunderte sich, sie hatte mit einem höheren Kraftaufwand gerechnet, schließlich wirkte das Material massiv, und auch der Klang, wenn man daran klopfte, ließ auf ein schweres Metall schließen.
»Warum ist die Tür so leicht?«
»Du stellst merkwürdige Fragen. Das Schloss ist das Schloss. Es ist, wie es ist. Wir hinterfragen das hier nicht.«

»Ich habe dir ein paar Kleinigkeiten mitgebracht.« Die freundliche Stimme ihrer Besucherin unterbrach Hopes Gedanken. Sie sah auf und betrachtete die Dinge. Da war zunächst eine Haarbürste. Außerdem gab es einen gut gefüllten Obstkorb, einen Handspiegel sowie einen großen, schwarzen Kasten, dessen Bestimmung Hope nicht zu deuten wusste.
»Was ist das?«
»Wir nennen es Bildverstärker.« Die Besucherin hob die Kiste aus dem Korb und drückte sie gegen die Wand, von der sich daraufhin ein feiner Wolkenschleier löste und sich um den Kasten legte, sodass dieser an der Wand festgehalten wurde. Die dünne Wolkenschicht fiel kaum auf und behinderte nicht die Sicht auf den Apparat, auf dessen Mitte sie nun deutete. »Du musst nur auf diese dunkle Fläche schauen und dir eine Sache, eine Landschaft, einen Menschen oder eine Begebenheit bildlich vorstellen, dann greift der Bildverstärker dein Gedankenbild auf und verstärkt es. Es wird abgebildet wie ein Gemälde bei den Menschen. Wenn du ein neues Bild haben möchtest, machst du es einfach erneut, denkst an etwas anderes und schon wird es auf die schwarze Fläche projiziert.«

Aus Windsbraut: Rihalimons Geheimnis, KAPITEL ZWEI – FAITH

Nach einer ersten Nacht im Schloss erwartet Hope ein erneutes Gespräch mit der Ältesten, aber diesmal in deren offiziellen Gemächern. Werfen wir doch einmal einen kurzen Blick in die Gemächer der Ältesten. Sind alle da? Ihr dahinten, bitte nicht trödeln, wir wollen doch nicht, dass ihr im Schloss verloren geht.

Lautlos schloss sich die Tür hinter Hope, während sie ihre Blicke umherschweifen ließ. Diesmal befand sie sich nicht in dem kleinen Zimmer, in dem die Älteste sie am Vorabend empfangen hatte. Diese Räumlichkeiten hier bildeten eher eine Zimmerflucht, die durch offene Durchgänge miteinander verbunden waren. Jeder Raum für sich war etwa vier Mal so groß wie Hopes Gemach und wesentlich effektvoller eingerichtet. Aus dem Boden wuchsen aufwendig verzierte Tische und Stühle, natürlich ebenfalls aus Wolkengespinst, das sich zu Ranken und Bändern, zu Blüten und Blättern geformt hatte, die sich um die Beine der Wolkentische schlangen. Auch changierten die Tische und Stühle in unterschiedlichen Pastellfarben. Neben den allgegenwärtigen Grau- und Weißtönen herrschte hier ein zartes Rosa sowie ein Hauch von Frühlingsgrün vor.

Aus Windsbraut: Rihalimons Geheimnis, KAPITEL ZWEI – FAITH

Die Windsbräute wohnen nicht allein im Schloss. Da sie um ihre Sehnsucht zu vertreiben, des Nachts bei einem Menschen liegen müssen, wohnen auch immer einige Menschen im Schloss. Dafür haben die Windsbräute eigens den Ostflügel hergerichtet. Bis auf den Gemeinschaftsraum, in dem sich allabendlich die Schwestern und die Menschen treffen, unterscheidet sich die Einrichtung des Ostflügels sehr deutlich von der üblichen Möblierung Rihalimons. Neugierig? Dann auf in den Ostflügel. Zunächst werfen wir einen Blick in den dortigen Gemeinschaftsraum.

Im Gemeinschaftsraum warteten die Bewohner bereits. Sie saßen aufgereiht auf den Stühlen und Bänken, die entlang der Wände aus den Wolken gebildet worden waren.

Aus Windsbraut: Rihalimons Geheimnis, KAPITEL ZWÖLF – TRANSPORT

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Sieht nicht sehr aufregend aus, nicht wahr? Aber dieser Raum dient auch nur dem einen Zweck. Das alltägliche Leben der Menschen spielt sich anderswo ab. Bitte folgt mir. Es geht mal wieder einige Gänge entlang. Ihr da, ganz am Ende, bitte zur Gruppe aufschließen.

Hope wanderte ziellos im Ostflügel umher. Womit beschäftigten sich die Menschen denn den ganzen Tag? Sie hatte von Büchern gehört, die die Menschen mitbrachten, vielleicht gab es irgendwo eine Bibliothek? Und ihre Nahrung mussten sie ja auch zubereiten. Gerade war Zeit für das Frühstück. Sicher gab es in diesem Flügel mindestens eine Küche und einen Speisesaal oder so etwas Ähnliches.
Hope hielt die Nase in die Luft und schnupperte. Roch es hier nach Rührei? Sie glaubte auch, den Duft von Kaffee auszumachen. Schnüffelnd wie ein Jagdhund folgte sie der Duftspur. Mit der Zeit hörte sie Geräusche. Geschirr klapperte, über einem Feuer zischte ein Topf oder eine Pfanne und leise Gesprächsfetzen drangen an ihr Ohr. Sie folgte dem Korridor weiter bis zu einer hölzernen Tür, hinter der all diese Geräusche ihren Ursprung hatten. Hope betrachtete die Tür genauer. Bestand sie tatsächlich aus Holz? Alle anderen Türen im Schloss waren aus diesem fremdartigen Metall gemacht. Rihalimon steckte wirklich voller Geheimnisse.
Einen Augenblick harrte sie vor der Tür aus und lauschte. Das Klappern der Töpfe und Pfannen erinnerte sie an die Abende, die sie in Nicolas‘ Küche verbracht hatten, Nicolas hatte gekocht, während Hope ihm dabei zusah. Langsam drückte sie die Tür auf und spähte in den Raum. Aus einem Grund, den sie nicht benennen konnte, empfand sie es als Unrecht, hier einfach einzudringen. Diese Küche strahlte, schon ohne sie betreten zu haben, so viel Wärme und Intimität aus. Hope zögerte. Schließlich entschied sie sich, zu klopfen.
Sie schlug die Fingerknöchel gegen das Holz der Tür und rief zugleich: »Hallo, darf ich eintreten?«
Alle Geräusche erstarben. Gleichzeitig verstummten die Gespräche. Es war, als fröre die Zeit für einen winzigen Augenblick ein. Als hielte die Welt den Atem an. Oder all die Menschen, die sich in diesem Raum versammelt hatten. Langsam trat Hope einen Schritt näher und sah sich staunend um. Alles hier erinnerte an die Küchen von mittelalterlichen Burgen und Schlössern, wie Hope sie in Irland gesehen hatte. Statt aus Wolkengespinst schienen die Wände aus Mauerwerk zu bestehen. Überhaupt schien die Küche nicht hierher zu gehören, sie wirkte wie ein Bild im Bild. So als hätte irgendjemand oder irgendetwas diese Küche als Ganzes genommen und mitten in das Wolkenschloss gepflanzt wie einen fremdartigen Baum. Wie war das nur möglich? Hope schüttelte den Kopf, angesichts der vielen Fragen, die sich ihr stellten, je länger sie über diese Küche nachdachte. Es war ja nicht nur das Holz und das Mauerwerk. Physikalisch stimmte hier gar nichts. Wie kam dieser Raum hierher? Wie blieb er an Ort und Stelle, vermochte das Wolkengespinst tatsächlich einen ganzen Raum, zudem einen besonders schweren, aus massivem Stein gemauerten Raum, zu tragen?
Neugierig betrachtete Hope die Wunder, die sich sonst noch in dieser Küche offenbarten. Über einer riesigen, offenen, ebenfalls gemauerten Feuerstelle spannte sich ein baldachinartiger Kamin aus gehämmertem Eisen, in dem sich der Rauch nach oben kräuselte. Aus dem Kamin hingen eiserne Ketten, an denen mit einem ebensolchen Haken ein Topf befestigt war, der so groß war, dass Hope ihn mit ihren Armen nicht hätte umfassen können. Darin blubberte träge eine dicke Suppe, deren köstlicher Duft Hope schon vor der Tür in die Nase gedrungen war.
Nun also auch noch Eisen. Müsste Eisen nicht eigentlich rosten innerhalb der Wolken? Aber hier innerhalb der Mauern schienen die Wolken keinen Einfluss zu haben. Tatsächlich schienen die Wolken im kompletten Schloss keinerlei Feuchtigkeit zu enthalten.
Während diese Dinge durch Hopes Kopf schossen, löste sich die Starre der Menschen, die sich in dieser heimeligen Küche versammelt hatten. Einige sprangen von ihren Sitzen auf, und kamen Hope entgegen, andere löffelten weiter ihre Suppe oder bereiteten an den langen, hölzernen Arbeitstischen, die neben der Feuerstelle standen, die nächste Mahlzeit zu. Eine Mehlwolke stob auf und ein lautes Klatschen verriet, dass jemand einen Teigklumpen schwungvoll auf die Arbeitsfläche geworfen hatte. Ein Stück entfernt von der Feuerstelle hatte man mehrere Sitzgruppen aufgebaut, an denen Männer und Frauen saßen, die nun ihre Gespräche leise wieder aufnahmen. Nur wenige starrten Hope an, die meisten schienen sie beinahe ängstlich zu ignorieren.
Diese Küche unterschied sich von allen Räumen im Schloss, nicht nur hatten sich hier viele Menschen versammelt – Windsbräute sah man selten in größeren Gruppen -, vor allem jedoch bestand das komplette Mobiliar aus Holz oder Metall. Alles hier war echt und stammte eindeutig von Menschenhand, wenn auch aus einem vergangenen Jahrhundert. Eine moderne Küche, so wie sie im Haus am Ende des Strandes verbaut gewesen war, sah völlig anders aus. Vor langer Zeit mussten die Windsbräute das komplette Mobiliar hier hinaufgeschafft haben. Wobei Hope keine Möglichkeit bewusst war, wie all die schweren Gegenstände transportiert worden waren, schließlich bestanden die Tische und Stühle aus massivem Holz und alle Kochutensilien aus Gusseisen.

Aus Windsbraut: Rihalimons Geheimnis, KAPITEL FÜNF – JUPITER

Gemütlich, diese Küche, oder was meint ihr? Nein, tut mir leid, wenn ihr jetzt Hunger habt, Rihalimon hat kein Café, es ist ja schließlich kein Museum. Bedenkt bitte, diese Führung ist exklusiv nur für geladene Gäste. Außerdem war das natürlich noch lange nicht alles, was es im Ostflügel zu bewundern gibt. Ein Blick in die Wohn-/Schlafräume gefällig? Hier entlang bitte, zunächst geht es zurück auf den Flur.

Der Moment, als sie auf dem aus Wolkengespinst gemachten Flur zurückkehrte, erschien Hope irgendwie unwirklich. Das feste Mauerwerk der Küche, der steinerne Boden und die massiven, hölzernen Möbel, all das hatte Hope das Gefühl gegeben, am Boden zu sein. Und nun, kaum zwei Schritte weiter, befand sie sich wieder in den Wolken.
Der junge Mann, der sie führte, hielt vor einer weiteren hölzernen Tür, an die eine Drei genagelt war. Ohne anzuklopfen, öffnete er sie, trat zur Seite und bat Hope mit einer höflichen Geste, einzutreten.
Neugierig ging Hope ein paar Schritte in den Raum hinein und sah sich um. Sie befand sich in einem Saal, der zugleich als Schlafraum und Wohnraum eingerichtet war. Genau wie die Küche bestand der Raum rundum aus Mauerwerk. Auf der einen Seite standen mehrere Sofas, deren dunkelroter Samtbezug abgeschabt und an manchen Stellen so stark verblasst war, dass man die Farbe kaum noch erkennen konnte. Wie viele Menschen hier wohl schon gesessen hatten? Auch einige Sessel in einem ähnlichen Stil – zwar klobig, aber doch mit Liebe gearbeitet, wie die geschwungenen Formen bewiesen – standen dazwischen. Gemeinsam umrahmten sie einen offenen Kamin. Dieser war von einem enormen Ausmaß, wenn auch nur etwa halb so groß wie der Küchenkamin.
Auf der anderen Seite des Zimmers standen die Betten, jedes einzelne mit einer Leinenmatratze und dicken Plumeaus und Kopfkissen versehen. Die Schlafstätten wirkten einladend, deutlich einladender als Hopes Bettstatt aus Wolkengespinst. Insgesamt zählte Hope zehn Betten, zwischen denen jeweils ein Paravent etwas Sichtschutz und Privatsphäre bot.
In einer Fensternische lagen dicke Kissen. Ein gemütlicher Platz um zu lesen.

Aus Windsbraut: Rihalimons Geheimnis, KAPITEL FÜNF – JUPITER

Lesen ist ein gutes Stichwort. Neben Kochen und Schlafen müssen die Menschen sich ja irgendwie beschäftigen. Was liegt da näher als eine Bibliothek? Folgt mir also in die wunderbare Welt der Bücher.

Erneut folgte Hope dem jungen Mann durch die endlosen Wolkengänge des Ostflügels. In einer Sackgasse hielt ihr Führer schließlich an. Hope erblickte eine Doppeltür, deren Höhe auf die enorme Größe der dahinterliegenden Räumlichkeiten schließen ließ.
Doch dieses Mal hatte sie sich getäuscht. Waren bisher alle Räume im Ostflügel deutlich größer gewesen, als Hope es erwartet hatte, so enttäuschte die Bibliothek auf den ersten Blick. Allerdings hielt dies nicht lange an, denn schon im nächsten Augenblick entfaltete das winzige Zimmer seinen Charme.
Wie in einer Hobbithöhle, dachte Hope. Der Raum war kaum breiter als die Doppeltür, exakt eine Regalbreite auf beiden Seiten. Auf dem Boden lagen Teppiche, in denen Hopes Fuß tief einsank, als sie den ersten Schritt in den Raum tat. Unmittelbar an den Türrahmen begannen die Bücherregale, und sie gingen durch bis zum Ende des Raumes. Sie bestanden aus den gleichen rötlichen Holzbrettern, die auch die Wände und die Decke täfelten. Möglicherweise stammten sie von einem Kirschbaum. Vom Boden bis zur Decke reihten sich die Bücher aneinander. Anscheinend hatte sich irgendwann mal jemand die Mühe gemacht und die Titel nach Genre geordnet, zumindest wiesen die handgeschriebenen Zettel, die an einigen Regalbrettern klebten, darauf hin. Zwischen den Regalwänden standen schmale, rechteckige Stehtische, auf denen grünbeglaste Leselampen im altenglischen Stil für Beleuchtung sorgten. Ein paar einzelne, rothölzerne Barhocker mit Rücken- und Armlehnen vervollständigten das Ensemble. Sie mochten ebenfalls aus England stammen, allerdings eher aus einem Pub als aus einer Bibliothek. Im Vergleich zur Küche und zu den Schlafräumen, schien dieser Raum aus einer anderen, späteren Epoche zu stammen.
Auf dem Tisch, der von Hopes Standort am weitesten entfernt war, türmte sich ein Bücherstapel und davor lehnte eine junge Frau an einem der Hocker und starrte konzentriert in einen dicken Wälzer.

Aus Windsbraut: Rihalimons Geheimnis, KAPITEL FÜNF – JUPITER

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© Regina Mengel

[Gastbeitrag] Ju Honisch: Bisse

Heute darf ich euch einen Gastbeitrag präsentieren! Ju Honisch erzählt uns etwas über ihre Kurzgeschichtensammlung Bisse, die nach einem Dasein im Verborgenen nun wiederbelebt wurde. Ungewöhnliche Geschichten mit bizarr-phantastischen Ideen. Und jetzt übergebe ich die Tastatur an Ju!

Gastbeitrag

BISSE – 17 ungewöhnliche Geschichten. Gesammelt habe ich sie über ein paar Jahre. Und irgendwann hat damals ein brandneuer Kleinstverlag sie veröffentlicht und danach leider schnell die Lust verloren. Jahrelang lagen die Bücher in irgendeinem Zimmer, und es rührte sich nichts.

Nichts.

Nichts ist verflixt wenig und überhaupt nicht gut. Und so freue ich mich, dass BISSE nun erfolgreich wiederbelebt wurde. Tatsächlich ist es – eigentlich – neu. Denn vorher lebte es ein Leben im Geheimen. Es war ein wenig wie Schrödingers Katze, verborgen im Nirgendwo, gleichermaßen existent und nicht existent. Niemand kannte es. Niemandem wurde es angeboten. Es fand den Weg zu keiner Con – außer in meinem Gepäck. Gelegentlich fand mal ein persönlicher Bekannter zu dem Buch. Viele waren es nicht.

Damit könnte ich es jetzt „Geheimtipp“ nennen, aber so lustig ist das für eine Autorin gar nicht, wenn es ein Buch von ihr gibt, an das keiner rankommt, von dem tatsächlich nie einer gehört hat.

Doch nun ist alles gut. Hockebooks hat sich der E-Book-Ausgabe angenommen. Und die Rechte für das Druckwerk sind auch zurück, so dass einer Neuerscheinung als gedrucktes Buch irgendwann nichts mehr im Wege steht. Ein Buch, das man dann tatsächlich finden und kaufen kann.

Kaufen kann (und soll!) man es natürlich jetzt auch schon – als E-Book.

BISSE war mein „Erstlingswerk“, lange vor dem ersten Roman angefangen. Übrigens auch lange, bevor es diese Vampirserie mit Bissen zu bestimmten Tageszeiten gab. BISSE hieß schon vorher so. Ich lege tatsächlich Wert darauf, hier nicht als schnöder Nachahmer oder Trendzutodereiter dazustehen.

Die Geschichten in BISSE sind alle ein wenig abstrus. Sie sind gruselig auf sehr eigene Weise, nicht im klassischen Sinn der Lagerfeuer-Geistergeschichte, sondern eben anders. Es mangelt nicht an magischen oder mythischen Wesen, doch vor der dummdreisten Grausamkeit, zu der die so gar nicht mythischen Mitmenschen und lieben Nachbarn fähig sind, verblasst ihr Schrecken.

© Ju Honisch

© Ju Honisch

Was hört man immer, wenn etwas grauenhaft Schreckliches passiert ist? Als unauffällig, freundlich und nett werden dann die Täter beschrieben, die irgendwann losziehen und etwas Furchtbares tun. Der normale Mitbürger trägt den Nukleus der Zerstörung in sich. Vielleicht haben wir ihn alle, vielleicht nur manche. Vielleicht ist die zivilisatorische Schale um unseren bösen Kern verschieden dick – oder es sind die Umstände, die von innen an dieser Schale nagen, bis das Unsägliche hervorbricht.

Es ist nicht neu, wenngleich auch politisch brisant, dass wir als Menschen uns vor dem Unbekanntem fürchten. Als „eine auf Kohlenstoff basierende, zweifüßige, vom Affen abstammende Bioform“ (Zitat: Douglas Adams) mögen wir es „norm-al“. Das heißt, dass aus der üblichen Abfolge von Realitäts-Ritualen möglichst nichts als fremd oder seltsam hervorstechen soll. Denn dann müssten wir neu denken, selbst bewerten, Mut zeigen, aus unseren Starren Strukturen ausbrechen.

Unsere Vorurteile, seien sie positiv oder negativ, stützen uns in der völlig subjektiven Wahrnehmung unseres Lebens. Sie geben uns ein Gerüst – und manchmal hängen wir recht schief darin, wenn es nicht passt.

Die „Helden“ in BISSE passen in ihre Realität. Und dann auch wieder nicht. Gar nicht. Das, was diese Geschichten gruselig macht, ist das Normale. Dieses Durchgenormte, Angepasste, Brave. Denn was lauert in manchen Menschen, vielleicht gar in einem selbst: All das Verborgene, Verdrängte, Gemeine, das aus Irrtum oder Wahn Geborene.

Dass das Böse so nah und vertraut sein kann, das möchten wir nicht wahrhaben. Wir schützen uns vor der Erkenntnis mit Plausibilitätsbekundungen und statistischen Daten, als könnten die Worte „nicht wahrscheinlich“ etwas an der „Tatsächlichkeit“ einer unerwartet neuen Realität ändern.

Die Welt ist anders. Wir sind anders: Wir sind nicht alle nett.

Genau da setzt „BISSE“ mit 17 ungewöhnlichen Geschichten an. Geschichten, die die Norm durchbrechen. Die unbequem sind, aber spannend. Die das Unerwartete bieten, weil sie sich drehen und wenden und dann doch wieder anders sind. Wild. Böse. Fies.

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BISSE – 17 ungewöhnliche Geschichten
Ju Honisch
ISBN: 9783957511119
Leseprobe
Erscheinungsdatum: 30.10.2015
(Erstveröffentlichung: 2007)
Preis: 6,99 €
E-Book-Download: http://www.hockebooks.de/ebook/bisse

 

© Ju Honisch

[Gastbeitrag] Katharina Gerlach über ihre Serie mit Märchenneuerzählungen

Am 4. Oktober ist die erste Novelle aus Katharina Gerlachs Reihe mit Märchenneuerzählungen erschienen, die sich einem meiner früheren Lieblingsmärchen annimmt: Schneeweißchen und Rosenrot! In diesem Gastbeitrag erzählt uns Katharina, wie es dazu gekommen ist und was sie da noch geplant hat. Jetzt aber viel Spaß beim Lesen! :)

© Katharina Gerlach
 

Ich wurde 1968 geboren und wuchs mit drei jüngeren Brüdern mitten in einem Wald im Herzen der Lüneburger Heide auf. Während einer Lehre zur Landschaftsgärtnerin schrieb ich meinen ersten Roman, ein Buch voller Anfängerfehler. Zum Glück gab es auch Bücher darüber, wie man es richtig macht, und so erschienen bald die ersten Kurzgeschichten.
 
 

Seit ich lesen gelernt habe liebe ich fantastische Geschichten, insbesondere Märchen. Trotzdem dachte ich nicht an eine Serie, als ich anfing meine erste Märchen-Neu-Erzählung zu schreiben. Meine Muse (das ist die Personifikation meiner kreativen Seite – ja, ich bin etwas verrückt) überredete mich dazu, indem sie mich mit Ideen überschüttete.

Bisher schrieb ich Variationen zu “Schneeweißchen und Rosenrot” (Grimm, erhältlich bei Amazon), “Die Schöne und das Biest” (Joseph Jacobs, voraussichtlich Januar 2015), und “Brüderchen und Schwesterchen” (Grimm, evtl. April 2015). Im Augenblick arbeite ich an “Das Waldhäuschen” (Grimm). Es ist das Lieblingsmärchen meiner Mutter und relativ unbekannt. Anfang nächstes Jahr werde ich mich dann der Geschichte “Die sieben Schwäne” zuwenden. Geplant ist eine Veröffentlichung alle 3-4 Monate. Mal sehen, wie schnell ich die Novellen fertig schreiben kann.

Das Besondere dieser Serie kam, als meine Muse nach Beendigung der ersten Geschichte, die ganz mit traditioneller Magie gefüllt ist, darauf bestand, dass der zweite Band eine Steampunk Novelle sein müsse. Als ich sie dazu genauer befragte, erhielt ich die Grundlagen für das dritte Buch der Serie. So wie es meine Muse geplant hat, wird in meiner Welt die Magie langsam von der Technologie verdrängt. Die beiden scheinen sich nicht gut zu vertragen. Je mehr ich über diese Welt lerne, desto mehr Geschichten möchte ich in ihr ansiedeln. Zum Glück gibt es dort ebenso viele winzige (und größere) Königreiche, wie es Märchen gibt, die ich nacherzählen kann.

Das eBook “Der Zwerg und die Zwillinge” enthält die Nacherzählung, eine Bonus Kurzgeschichte und das Original der Brüder Grimm. Es kostet weniger als eine Tasse Kaffee im Bistro um die Ecke.

P.S.: Als Steampunk bezeichnet man Geschichten, die in einem fiktiven Zeitalter spielen, in dem alle Maschinen mit Dampf angetrieben werden. Meistens ist die Gesellschaft viktorianisch geprägt, in meinen Geschichten aber nicht.

Der Zwerg und die Zwillinge

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