Erscheinungsjahr: 2013 (Taschenbuch) bzw. 2016 (eBook)
Gelesen im Oktober 2013
Verlag: Heyne (Taschenbuch) bzw. hockebooks (eBook)
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Rezension

In Talunys, der Welt der Einhörner, herrschte lange Zeit Sicherheit und Frieden. Mit dem Auffinden des zerbissenen und angefressenen Leichnams von Edoryas kehrt nicht nur der Tod zurück, sondern auch ein alter Feind – die Uruschge, Kelpies. Kanura, der Prinz des Herrscherclans, wird während eines Kampfes unter Wasser gedrückt und gelangt mit Hilfe einer Nymphenseele in die Welt der Menschen.

Er taucht in der Quelle des heiligen Caolán in Irland auf, wo er auf die 18jährige Una trifft, die ihn verarztet, auch wenn sie ihrem Fluchtreflex zu gern nachgegeben hätte. Als auch dort ein Uruschge auftaucht, zieht Kanura das Menschenmädchen mit unter Wasser und wechselt erneut die Welten. Sie gelangen in einen Teil von Talunys, den Kanura nicht kennt und in dem viele Gefahren auf sie warten.

Diese Geschichte hat mich von der ersten Seite an gefesselt, weil mich die nachdenkliche Stimmung angesprochen hat und ich gleich eine Verbindung zu Kanura hatte. Da waren eindringliche Bilder und Emotionen, die dafür sorgten, dass ich wissen wollte wie es weiter geht. Außerdem mag ich den manchmal poetischen Schreibstil und den Umgang mit der Sprache, den ich zwar nicht als „gehoben“ bezeichnen würde, der aber einfach eine gewisse Qualität hat. Es werden scheinbar so leicht die verschiedensten Stimmungen und Bilder erzeugt.

Die Einhörner in diesem Buch können die Gestalt von Menschen annehmen, in der sie schwächer aber auch wendiger sind. Mir hat dabei auch gefallen, dass sich das Zentrum ihrer Magie dabei ebenfalls wandelt und bei ihnen ist, auch wenn man es nicht sieht. Sie sind nicht rein, edel und gut, sondern haben ihren eigenen Charakter mit all den Ecken und Kanten. Lebendig und facettenreich, daher gibt es bei ihnen Freundschaft und Liebe genauso wie Neid, Missgunst und Intrigen.

Diese Geschichte ist sehr komplex, was nicht nur an den unterschiedlichen Erzählperspektiven und Welten, sondern auch am Aufbau von Talunys liegt. Es gibt verschiedene Völker, Clans und Wesen wie Erdworge, Nymphen, Pelzschrate und Kentauren. Alte Legenden und Gesänge, mit denen sich die Schanchoyi beschäftigen, die zugleich Barden und Historiker sind. Menschen, die zu verschiedensten Zeiten nach Talunys gelangt sind und dort als Traumwerker arbeiten – als Künstler und Kunsthandwerker. Und natürlich die Magie!

Vieles ist miteinander verbunden, mir hat die Auseinandersetzung mit den Andeutungen und Geheimnissen viel Freude bereitet. Die rätselhaften SIE-Kapitel bringen eine ganz neue Ebene in die Geschichte, die bei mir für so einige Spekulationen gesorgt hat. Ich mag es sehr, wenn mich Bücher ein wenig fordern und auch außerhalb der Lesezeit beschäftigen! Es geht um Macht und Magie, Gefahren und Intrigen, Zusammenhalt und Freundschaft, Liebe, Musik – und um lebendig gewordene Mythen, die dann doch etwas anders als erwartet sind.

Gut gefallen haben mir auch die Figuren, sie waren vielschichtig und lebendig. Alle hatten ihre ganz individuellen Beweggründe, nichts passierte „einfach so“, ich konnte es immer nachvollziehen. Das gilt für die Hauptfiguren genauso wie für die Nebenfiguren, und bei beiden „Gruppen“ hatte ich Lieblinge. Beispielsweise mochte ich Unas Mutter sehr, die mich auch mit ihrer Einstellung zur Esoterik beeindruckt hat – für sie existieren die verschiedensten Möglichkeiten theoretisch. Sie hat keine feste Glaubensvorstellung, sondern ist offen und etwas unsicher. Es könnte so oder so oder auch ganz anders sein.

Die Vermarktung oder besser gesagt die Aufmachung des Romans finde ich allerdings ungeschickt. Das Taschenbuch-Cover ist sicherlich schön und sorgt für Aufmerksamkeit, aber es passt für mich überhaupt nicht zur Geschichte und zieht so womöglich die falschen Leser an. Die dann vom Buch enttäuscht sind, weil sie aufgrund des Covers etwas völlig anderes erwartet haben. Das eBook-Cover passt für mich allerdings wunderbar zu der Geschichte.

Der Roman bietet – glücklicherweise – keine rosa Glitzerwelt, sondern eine vielschichtige und emotionale Geschichte, die mit trockenem Humor, Überraschungen und vielen Perspektiven glänzen kann. Dazu passt für mich auch das ein wenig offene Ende, in dem es Hoffnung gibt – und viele Möglichkeiten, die Geschichte für sich weiterzuspinnen. Daher war „Die Quellen der Malicorn“ für mich ein sehr rundes, emotionales und abwechslungsreiches Buch, dessen starke Bilder und Eindrücke noch immer anhalten!

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