Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich ein Lieblingsautor von mir – Oliver Plaschka. Fairwater, Die Magier von Montparnasse, Der Kristallpalast sowie seine Story „Drachenschwingen“ aus der Anthologie Geisterhafte Grotesken habe ich begeistert gelesen und freue mich schon darauf, noch einige Kurzgeschichten entdecken zu können.

Oliver Plaschka, Jahrgang 1975, studierte Anglistik und Ethnologie in Heidelberg. Er ist Verfasser, Herausgeber und Übersetzer einer Handvoll Geschichten und schreibt Romane, wenn niemand hinsieht. Sein Herz schlägt für alle Spielarten der Phantastik, was man mittlerweile auch in seiner Dissertation nachlesen kann.

Oliver Plaschka liebt italienisches Essen und alte britische Rockmusik; sein Geld gibt er am liebsten für Reisen und Margaritas aus. Die neue deutsche Rechtschreibung hält er für ein ungesühntes Verbrechen, benutzt sie aber gegen Bezahlung. Wenn er sich nicht gerade in fernen Welten herumtreibt, lebt Oliver Plaschka in Speyer, einer kleinen und alten Stadt, die er für unterschätzt hält.

© Oliver Plaschka

Diesmal gibt es einen winterlichen Teaser auf seinen im nächsten Jahr erscheinenden Roman, für den es noch keinen endgültigen Titel gibt. Ich bin ja gespannt, ob ihr davon auch so angetan seid wie ich – viel Spaß beim Lesen! :)


Der Zauberer im Schnee

Für April beginnt die Geschichte an einem Wintertag. Schneeflocken treiben durch die kristallklare Luft wie Kirschblüten im Frühjahr, und April, gerade sieben und wie immer allein, rennt in ihrem Wollmantel über die alte Weide, spürt Eichhörnchen nach oder malt Figuren in den Schnee. Sie hat wenig Freunde, und ihren Vater vermeidet sie, so gut sie kann. Der plötzliche und unerwartete Wintereinbruch ist eine willkommene Abwechslung.
Da sieht sie den Mann in dem seltsamen blauen Mantel. Er steht in einiger Entfernung auf der anderen Seite des Zauns, wo die Wiese hin zum Fluss hin abfällt. Die Ufer des Flusses sind seit Wochen von einer dünnen Eisschicht überzogen, die Nebel und Schnee haben blind werden lassen. Der Mann steht in einem Wald silbernen Schilfgrases verloren, dessen erstarrte, gebrochene Halme in alle Richtungen weisen. Auf dem Kopf trägt er einen eigenartigen Hut, der sie an einen vornehmen Herrn denken lässt.

Neugierig tritt April näher.
Der Fremde ist groß und gehört eindeutig nicht hier her. Wie ein seltenes Tier schreitet er aus dem Schilf auf die schneebedeckte Weide und schaut sich um. Er hat sie noch nicht bemerkt. Er richtet seinen dreieckigen Hut und sein nachtblaues Gewand; und auf wunderbare Weise fühlt er sich ganz an.
Es ist, als sehe sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine neue Farbe und könne nun mit dem Finger darauf zeigen und sagen, das ist, was ich mein ganzes Leben lang vermisst habe!
Mittlerweile hat er sie entdeckt und geht die letzten Schritte durch das nachlassende Schneegestöber auf sie zu. Nur der Zaun mit seinen Kappen wie Zuckerhüte trennt sie jetzt noch.

„Hallo“, grüßt er sie. „Wie geht es dir?“ Er sieht sich um, schüchtern, verunsichert, als sehe er alles zum ersten Mal. Silbersträhnen schimmern in seinem Umhang und in seinem dunklen Haar, und April denkt an Sternenlicht am Morgenhimmel, kurz bevor die Sonne aufgeht.
„Mir geht es gut“, erwidert sie vorsichtig. „Und dir?“
Sorgsam streicht er sich ein paar Schneeflocken von seinem Gewand. Der Stoff macht einen teuren Eindruck; es sieht aus, als ob kleine Sternschnuppen aus ihm regnen. Ebenso sicher aber ist er zu kalt für die Jahreszeit.
„Sag mir“, bittet er sie, „wo bin ich?“
„In Gabors Furt. Woher kommst du?“
„Ich weiß es nicht“, sagt der Fremde und runzelt die Stirn. Beim Blick in seine Augen, kalt und grau wie der Himmel, fällt es schwer zu glauben, dass es etwas gibt, was er nicht weiß.

„Bist du ein Fürst?“
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Wohl kaum. Fürsten reisen mit Gefolge und haben Pferde und Kutschen. Ich dagegen muss mich wohl verlaufen haben. Wie ist dein Name?“
„April“, sagt sie. „Weil ich da geboren bin.“
„Das ist ein schöner Name“, sagt er und runzelt die Stirn.
„Was ist?“
„Ich frage mich, ob wir uns nicht schon einmal begegnet sind?“
„Wann denn?“
„Ich weiß nicht.“ Eine seltsame Mischung von Gefühlen zieht wie Wolken über sein Gesicht: Hoffnung, dann Kummer, und Schuld. „Ich weiß nur, dass ich ein Zauberer bin.“
„Nein, bist du nicht!“, protestiert sie, dann sieht sie, wie sehr ihn ihr Unglaube verletzt, verloren, wie er da steht in seinem Gewand aus Sternen und Nacht.
„Gut“, sagt er leise. „Ich werde es dir beweisen.“
Einen Moment kann sie ihren eigenen Herzschlag hören.

„Wenn ich dir einen Regenbogen schenke, glaubst du mir dann?“ Er scheint sein Angebot noch im selben Moment zu bereuen, doch kaum, dass sie nickt, klatscht er in die Hände, schließt die Augen und hebt die Arme zum wolkenverhangenen Himmel.
Und April sieht einen Regenbogen entstehen, wie sie noch nie zuvor einen gesehen hat, in Farben, die sie nur aus ihren Träumen kennt: sattes Türkis wie ein kühler Teich und zartes Lapislazuli dahinter; taufrischer Flieder und samtenes Rot, das an den Rändern zu gleißendem Rosenquarz erglüht; und sie verliert jeden Zweifel, den sie jemals gekannt hat.
Der Regenbogen verblasst in silbergrauem Rauch.
„Das war der letzte Regenbogen, den ich je machen werde“, sagt der Zauberer ernst. „Ich hoffe, er hat dir gefallen.“
„Er war wunderschön“, antwortet April.
„Glaubst du mir jetzt?“
„Ich glaube dir“, sagt sie vorsichtig.
Die Schneeflocken fallen wieder dichter …

© Oliver Plaschka

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