Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich wieder ein Lieblingsautor von mir, Bernd Perplies. Bisher habe ich die Tarean-Trilogie (1, 2, 3), Magierdämmerung 1 + 2 und den ersten Teil der Drachengasse 13 gelesen. Ich bin schon gespannt, was mich da noch erwartet – auch wenn ich noch total unentschlossen bin, ob das im September erscheinende Flammen über Arcadion etwas für mich ist. Aber ist ja noch lang hin… ;)

Bernd Perplies, geboren 1977 in Wiesbaden, studierte Filmwissenschaft, Germanistik, Buchwissenschaft und Psychologie in Mainz und arbeitet heute im Deutschen Filminstitut – DIF in Frankfurt am Main. Darüber hinaus ist er freiberuflich als Schriftsteller, Übersetzer und Journalist tätig, unter anderem für das Rollenspiel-Rezensions-Portal Ringbote.de, das Genre-Magazin „Space View“ und für Pegasus Spiele.

© Bernd Perplies

Über den Dächern von London fiel der erste Schnee. Weiß und zart wie Vogelflaum segelten die vom Licht der Gaslaternen erhellten Flocken aus dem samtschwarzen Abendhimmel und an den rauchenden Schornsteinen vorbei, bevor sie auf den schmutzigen Schindeln zur Ruhe kamen, die vor Olivers kleinem Dachfenster lagen. Der Junge schaute aus dem Fenster – dick eingemummt, denn Kohle war knapp und im Kanonenofen brannte nur ein schwaches Feuer –, und er fragte sich, ob der wirbelnde Tanz der Schneeflocken wohl irgendeinem Muster folgte oder ob ihre Bewegungen reiner Zufall waren.

Unten auf der Straße ging ein Mann vorbei. Er trug einen langen Wollschal und einen Hut und hatte einen dichten weißen Bart, in dem sich Schneeflocken verfingen. Als er sich direkt unterhalb von Olivers Fenster befand, blieb er unerwartet stehen. Er schaute nach links und nach rechts, als wolle er sich vergewissern, dass niemand sonst auf der abendlichen Straße unterwegs war. Dann schlug er die behandschuhten Hände zusammen, rieb sie kurz aneinander und hob sie wie ein Dirigent vor seinem Orchester. Gleich darauf fing er zu Olivers Verblüffung tatsächlich an zu dirigieren! Er schwang die Arme von links nach recht, deutete mit den Fingern nach hier und da und bildete dabei die eigentümlichsten Figuren in der Luft.

Im nächsten Augenblick geschah etwas, das Olivers Verblüffung ins Grenzenlose steigerte. Die fallenden Schneeflocken fingen an, um den Alten zu tanzen! Erst war die Bewegung so schwach, dass sie auch einem Windhauch, der durch die Straßen fegte, hätten zugeschrieben werden können. Doch ihr Wirbeln und Huschen wurde rasch stärker und deutlicher. Wie ein ferner Schwarm Vögel hoch am Himmel oder eine Schule winziger glitzernder Fische im Meer schwebten die Schneeflocken hin und her und glitten dabei um den alten Mann herum, der nicht müde wurde, sein lautloses Orchester – oder vielleicht besser: Ballett – anzuführen.

Immer wilder trieben es die weißen Flocken, jagten durch die kalte Finsternis, ballten sich zu Wolken und stoben wieder auseinander. Schließlich sammelten sie sich vor Olivers Dachfenster zu einem etwa mannsgroßen tosenden Trichter. Die Augen des Jungen weiteten sich, und sein Mund öffnete sich vor Unglauben. Wie gebannt starrte er auf das Schauspiel, wartete auf den letzten Paukenschlag. Keinen Atemzug später explodierte der Wirbel. Einem funkelnden Feuerwerkskörper gleich erblühte er in der Dunkelheit, und glitzernd schossen die Schneeflocken in alle Himmelsrichtungen auseinander.

Oliver entfuhr ein ebenso erschrockener wie begeisterter Aufschrei. Geschlagene zehn Sekunden starrte er vollkommen fassungslos nach draußen. Schließlich kam er blinzelnd wieder zu sich und senkte den Blick zur Straße, um zu schauen, was mit dem alten Mann geschehen war.

Der Alte stand noch immer unten vor dem Haus, doch er hatte den Kopf gehoben und schaute nun direkt zu Olivers Fenster auf. Sein Gesicht war von Falten durchzogen und freundlich, wie das eines gutmütigen Großvaters. Einen Moment lang war da eine Bewegung auf seinen Zügen. Irrte sich Oliver, oder hatte der Mann ihm soeben zugeblinzelt? Er wollte gerade das Fenster öffnen, um zu ihm hinunterzurufen. Doch da steckte dieser bereits die Hände in die Manteltaschen, wandte sich ab und spazierte die verschneite Straße hinunter in die stille Nacht.

© Bernd Perplies

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