Willkommen in meiner ganz persönlichen Bücherwelt! Ich tauche besonders gerne in deutsche Fantasywelten ab, halte mich gelegentlich aber auch im "Ausland" auf.

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Interview mit Susanne Gerdom

Susanne Gerdom wurde 1958 in Düsseldorf geboren und lebte bis zu ihrem Abitur mitten im Krupp-Gelände von Rheinhausen. Nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin im Düsseldorfer Stern-Verlag ging sie zur Deutschen Oper am Rhein, wo sie den Kostümfundus verwaltete.
In dieser Zeit hat sie nebenberuflich Theater gespielt, inszeniert, ein kleines Kellertheater geleitet und später angefangen zu schreiben.
Ihr erster Fantasy-Roman “Ellorans Traum” erschien 2000 bei Heyne. Heute schreibt sie Fantasy für Erwachsene (Piper), All-Age-Fantasy (Ueberreuter) und (unter dem Pseudonym Frances G. Hill) Jugend-Fantasy für den Verlag ArsEdition.

© Susanne Gerdom

Liebe Susanne – vielen Dank, dass Du Dir Zeit für dieses Interview nimmst!
Als erstes würde mich interessieren, wie Du Dich selbst beschreiben würdest.

O Schreck. :-) Ich bin ein nicht mehr ganz taufrischer Bücherwurm, Vegetarierin, Agnostikerin, liebe Opern und schöne Bücher, kann ohne Computer und Internet nicht mehr leben und wer mich sucht, findet mich an meiner Tastatur. Ich mag Gärten und Bäume und wenn ich mich denn mal bewege, was ja auch sein muss, damit ich nicht an der Tastatur festwachse, dann am liebsten per Yogamatte, Wanderschuh oder Fahrrad. Am Unliebsten mit einem Napf voll Katzenfutter in der Hand auf der Suche nach der Katze, die sich gerade in Luft aufgelöst hat. Mal vier. In drei Stockwerken. Und die Mistviecher haben ständig Hunger. :-)

In vielen Deiner Bücher tauchen Bibliothekare auf, was steckt dahinter? Gab es da ein reales Vorbild oder magst Du einfach Bibliotheken und ihre Hüter?

Ich bin gelernte Buchhändlerin. Ich liebe Ansammlungen von Büchern. Und Bibliothekare (möglichst alt und verschroben) sind so etwas wie Magier, genau wie Bibliotheken (möglichst alt und verwinkelt) magische Orte sind.

Schreibst Du lieber Jugendbücher/AllAger oder Romane für „Erwachsene“? Ist die Herangehensweise da sehr unterschiedlich? Und weißt Du bei neuen Ideen/Projekten schnell, für welche Zielgruppe sie passen?

Ich schreibe beides gerne – das eine gibt mir Schwung fürs andere. Mein erster Ausflug ins Jugendbuch hat mich aus einer echten Schreibkrise geholt. Ich hatte mich festgefahren, hatte das Gefühl, dass mir nichts Neues mehr einfallen wird, dass sich die Möglichkeiten, die vorher so vielfältig und verzweigt waren, auf eine einsame, begrenzte und ziemlich staubige Landstraße verengt hatten. Die Palette war plötzlich sehr eintönig, nur noch ein paar Farbtöne übrig, die mich nicht sehr angesprochen haben.
Der Weg ins Jugendbuch hat mir plötzlich wieder den Blick geweitet und ich konnte all die schönen Ideen wieder sehen, die am Wegrand auf mich warteten.
Und jetzt ist es umgekehrt: Der Weg wieder zurück ins Erwachsenenbuch hat mir eine völlig neue Welt eröffnet. Ich schreibe jetzt anders und ich genieße es. Die Palette ist wieder voller schöner Farben. ;-)

Der Nebelkönig

Wie wählst Du aus, welche Deiner Ideen Dein nächstes Projekt wird? Und inwieweit spielen Deine verschiedenen Verlage da eine Rolle?

Da ich im Moment drei Projekte im Jahr unterbringen muss, bleibt nicht viel anderes übrig, als meine Verlage nach ihren Wünschen zu fragen und mich danach zu richten. Das klingt beengend, ist aber ganz im Gegenteil sehr angenehm – weil meine Phantasie dann weiß, worauf sie sich zu fokussieren hat. (Ich sterbe sonst an der Qual der Wahl – es gibt so irrsinnig viele Themen, über die ich gerne schreiben würde …) Außerdem habe ich im Rahmen der Verlagswünsche einen sehr großen Spielraum, der mir genügend Freiheit lässt, das zu tun, was mir Vergnügen macht.

„Gaslicht“ (Arbeitstitel) ist eines Deiner nächsten Projekte, in der Du Dich Deiner (bisher) geheimen Leidenschaft widmen kannst – dem 19. Jahrhundert. Magst Du uns etwas von Deiner Faszination für diese Zeit und über die Geschichte erzählen?

Wenn es überhaupt eine Epoche gibt, die ich allen anderen in der Literatur vorziehe, dann ist es wahrscheinlich das 19. Jahrhundert. Und das, was heute „Steampunk“ oder „Steamfantasy“ genannt wird, ist ja auch keine neue Erfindung. Eigentlich bin ich kein großer Fan der High-Fantasy, ich finde es viel spannender, phantastische Welten und Geschöpfe näher am „Hier und Jetzt“ anzusiedeln. Das 19. Jahrhundert bietet da eine gute Mischung: Weit genug von uns weg, um eine ganz eigene Exotik zu transportieren, aber auch nah genug, um heutigere Probleme und Gefühle einzubauen. Wer von uns kann denn schon wirklich nachvollziehen, wie das Leben und die Problematiken einer quasi-mittelalterlichen Gesellschaft ausgesehen haben? Die High-Fantasy arbeitet doch mit so einer Art von Hollywood-Mittelalter. Die Schauspieler sind allesamt Menschen des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts, die eine pseudomittelalterliche Rolle spielen. Wenn man es goutieren kann, ist es gut. Mir hängt das allerdings inzwischen ziemlich weit zum Hals heraus. ;-)

Wie stehen die Chancen, dass Trurre irgendwann einen eigenen Roman bekommt? Oder ist er mittlerweile zu beschäftigt dazu?

Ach, Trurre. Mein Lieblingszwerg. Alles Schimpfen auf „pseudomittelalterliche“ Settings beiseite: Für Trurre würde ich noch mal Schwert und Axt rausholen. Aber ob das je einen Verlag interessiert, weiß ich nicht. Ich fürchte, nein. (Außer, die Verfilmung des „Hobbits“ lässt die Tolkien-Welle noch mal hochschwappen. Ich halte die Wettermeldungen jedenfalls im Auge.)

Mit den Elfen/Elben hattest Du es anfangs ja nicht so, aber es scheint besser zu werden. Wie hat sich das denn entwickelt? Und ist es zumindest nicht ganz abwegig, wenn ich noch immer auf ein Wiedersehen mit Olkodan hoffe?

Ich bin immer noch zwiegespalten, was mein Verhältnis zu Elfen/Elben betrifft. Im Grunde konstruiere ich doch immer nur Menschen mit spitzen Ohren. Das, was einen Elben wirklich ausmacht, habe ich nie in den Griff bekommen – da fehlt mir vielleicht auch ein bisschen der Background. (Wie gesagt: Ich bin kein High-Fantasy-Fan.) Aber wenn ich mich noch mal in diese waldreiche Gegend wage, dann ist Olkodan auf jeden Fall der Elbe, der „dran“ ist. Der ist mir ein bisschen zu kurz gekommen. (Vielleicht kann ich ihn ja mit Trurre zusammenschmeißen, die beiden konnten sich gut leiden … :-))

Sturm im Elfenland

Ein orientalisches Setting wie aus 1001 Nacht in „Drachenhaut“ (Arbeitstitel), nordische Götter im „ Projekt Armageddon“ (Arbeitstitel)… Magst Du Mythen und Märchen allgemein recht gerne oder bevorzugst Du eine bestimmte Richtung? Vielleicht reizen Dich ja auch einzelne Legenden ganz besonders?

Märchen und Mythen sind die Ursuppe. Ich habe als Kind schon supergerne Märchen gelesen – Hauff, Bechstein, Andersen, irische und chinesische, arabische und norwegische Märchen – was auch immer, ich habe es geliebt. Genauso die Götter- und Heldensagen: Griechische, römische, germanische, der Artussagenkreis … toll. Da steckt so viel Stoff drin, dass sich daraus ganze Bibliotheken an Fantasyromanen schreiben lassen.
Meine ganz besonderen Lieblinge sind die nordischen Götter – daran ist Wagner mit seinem Ring des Nibelungen schuld. Wotan und Loge, die sind für mich ein Dream-Team. ;-)

Wie sehr hat Dich Deine Zeit beim Theater geprägt? War es nicht eine große Umstellung, von so einer lebendigen Umgebung zu der größtenteils doch recht einsamen Arbeit als selbstständige Texterin und Autorin zu wechseln?

Ach, das ist schwer zu sagen. Natürlich war es eine schöne Zeit, in der ich viele inspirierende Operninszenierungen habe miterleben dürfen – zwei davon sogar auf der Bühne.
Aber noch viel schöner ist es, die Stücke selbst zu inszenieren. Und die Schauspieler nach eigenem Gusto zu formen. Die Welt zu erfinden, in der das Drama spielt. Das ist die absolute Freiheit.
Natürlich auch die Freiheit von einer regelmäßigen Gehaltszuwendung. Damit muss man zu leben lernen. Man darf sich einfach nicht zu viele Sorgen machen.

Das gefrorene Lachen

Was ist Dir beim Schreiben wichtig? Was möchtest Du dem Leser vermitteln?

Wichtig ist mir, so seltsam das für jemanden, der sich schreibend ausdrückt, dass die Sprache stimmt. Ich liebe unsere Sprache und möchte ihr einigermaßen gerecht werden.
Ich möchte vor allem unterhalten. Und es ist mir wichtig, glaubhafte Figuren ins Rennen schicken. Solche, deren Schicksal ein Leser verfolgen möchte. Interessante, möglichst vielschichtige Charaktere, die auch mich als Autorin noch überraschen können.
Ich glaube nicht, dass ich eine Botschaft habe, die ich vermitteln möchte. Außer den ganz globalen Aussagen: Wichtig ist Freundschaft. Wichtig ist, dass man sich treu bleibt (und wenn das nicht gelingt, wie man damit fertig wird). Ich hänge keiner Glaubensrichtung an, denke aber, dass alles einen Sinn hat – und wenn es nur der ist, dass alles irgendwie zusammenhängt. Man kann die Natur nicht zerstören ohne sich selbst zu zerstören. Man kann nicht töten, verstümmeln, ausbeuten, ohne dass das Auswirkungen auf einen selbst hat. Man kann kein Fleisch essen ohne dabei einem anderen Wesen das Leben zu nehmen. Gleichgewicht. Das ist immer die Frage: Bin ich im Gleichgewicht und ist es meine Umgebung auch?
Das Ungleichgewicht bildet den Stoff für Romane …

Gab es Reaktionen, über die Du Dich besonders gefreut oder geärgert hast?

Nicht anders als jede meiner Kolleginnen freue ich mich, wenn eins meiner Kinder anderen gefällt. Und ich bin betrübt, wenn es das nicht tut. Ganz normal.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel von dem, was ich versuche, rüberzubringen, wirklich auch ankommt. Ich kenne meine Schwächen (dazu gehört der Plot) und meine Stärken (Atmosphäre, Figurenentwicklung).
Ich ärgere mich aber nicht wirklich über Verrisse – nicht jedes Buch gefällt jeder Leserin. Kann ja nicht. Aber ich ärgere mich kolossal, wenn eine Rezensentin sich keine Mühe gibt. Pauschalurteile abliefert, ohne das Buch richtig gelesen zu haben. Und ich bin immer ein wenig verblüfft, dass manche Leute etwas lesen, was sie nicht verstehen (weil ich ein Wort benutze, das vielleicht heute nicht mehr so ganz gebräuchlich ist) und sich dann nicht informieren, indem sie es zum Beispiel nachschlagen, sondern gleich schreien: „Das Lektorat hat einen Fehler gemacht! Die Autorin ist eine Idiotin!“ (Ist so mit dem Wort „Toilette“ passiert – die eine meiner Protagonistinnen vor einem feierlichen Abendessen macht. Das wurde in einem Forum fatal missinterpretiert … LOL)

Welches Deiner Bücher ist am erfolgreichsten? Sind Übersetzungen geplant?

Ich habe noch keine aktuellen Zahlen, deshalb unter Vorbehalt: „Elbenzorn“. (Der schwächere Vorgänger von „Seele der Elben“.) Aber das Buch hat nicht unbedingt den Nerv der eingefleischten Elbenfans getroffen, deshalb kann ich mir den Erfolg nur bedingt auf die eigene Fahne schreiben. Da hat wohl hauptsächlich der Titel gezogen.

Elbenzorn

Wie wichtig ist Dir der Kontakt zu Deinen Lesern? Und was magst Du an Leserunden, wie erlebt man diese auf der „anderen“ Seite?

Der Kontakt ist mir sehr wichtig. Ich schreibe ja nicht für mich allein, deshalb ist das Feedback, das ich von meinen LeserInnen bekomme, mir sehr wichtig. Und gerade in Leserunden bekomme ich das ungeschminkt, sozusagen in „Echtzeit“ um die Ohren gehauen. Nee, meistens, sehr lieb, aber unverblümt gesagt. :-)
Geübte LeserundenteilnehmerInnen sind unbestechliche, scharfsinnige und -sichtige LeserInnen. Denen entgeht kein kleiner Logikklopfer, keine unausgegorene Handlungsstrecke, keine Unstimmigkeit in der Figurenzeichnung – kein Druckfehler. Das ist toll.
Aus jeder Leserunde lerne ich mehr über die Rezeption meiner Bücher. Das ist eine absolut unbezahlbare Schule, und deshalb investiere ich gerne die Zeit, die das benötigt (und das ist bei lebhaften Leserunden ganz schön viel.)

Womit verbringst Du Deine Freizeit?

Freizeit? Was ist das? ;-)
Also, ich lese. Ich sehe gerne gute Filme – die verteile ich mir aber in der Regel über mehrere Sitzungen, weil ich keine Geduld habe, anderthalb Stunden an einem Stück vor dem Fernseher zu hocken. Ich jage, wie schon gesagt, mit Näpfen in der Hand hinter meinen Katzen her. Ich bin im Internet unterwegs oder ich gehe spazieren. Ich sitze im Garten und denke nach. Ich spiele doofe Wimmelbildspiele (nach meiner letzten Schreibrunde, nachts, zum Runterfahren …)
Aber viel Freizeit habe ich nicht, deshalb sind das alles nur kurze Momente des Auftankens über Tag. Ansonsten arbeite ich 7/7.

Was liest Du selbst gern?

Immer noch: Märchen, Sagen, gute Kinderbücher. Krimis, manchmal Thriller. Gute Phantastik. Hm.
Bücher – genau genommen. ;-) Thema beinahe egal, Hauptsache, es ist gut geschrieben. Ich lese Bücher nicht weiter, auch wenn sie mich thematisch interessieren würden, wenn die Sprache lieblos oder schlecht ist. Das kommt leider häufig vor …
Und einen schönen Comic schubse ich auch nicht von der Tischkante.

Elidar

Hast Du einen Tipp für diejenigen, die mit dem Schreiben beginnen möchten?

Lesen. Lesen. Lesen. Dann: Schreiben. Sich eine Autorengruppe suchen, die das Geschriebene überprüft. Wieder lesen, weiter schreiben. Nicht aufgeben, aber dabei immer kritikfähig bleiben. Sich immer wieder überprüfen. Regeln kennen, um sie dann mit Wissen darum missachten zu können. Sprache ist lebendig und lässt einen schöpferischen Umgang gerne zu.
Und immer darauf achten, dass die Figuren stimmen. Würde jemand sich so bewegen, so reden, so agieren, wenn er im echten Leben vor dir stünde?
Die beste Schule fürs Schreiben ist meiner Meinung nach einfach immer noch das Lesen. So vielfältig wie möglich, so weit gefasst, wie es geht. Klassiker, um die Sprache zu schulen, Thriller, um etwas über Spannung und Tempo zu lernen usw.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview und wünsche Dir weiterhin viel Erfolg!

Ich danke dir für die schönen, kniffligen Fragen und dein Interesse! :-)


Bisher sind auf der fantastischen Bücherwelt folgende Rezensionen zu finden:

4 Kommentare zu „Interview mit Susanne Gerdom“

  • Hanne sagt:

    Ich surfe gerade durch mein Dashbord und fand diesen Hinweis. Meine Augen kleben nach diesem langen Wochenende am PC und ich ziehe jedes Wort des Interviews in mich hinein.
    DANKE an euch beide – zum einen an die Fragestellerin und zum anderen an die Autorin für dieses tolle Interview!
    LG HANNE

  • Katha sagt:

    Oh, wieder ein Interview, wie schön :) Und vor allem sehr informativ und vor allem die nächsten Projekte klingen wahnsinnig interessant, besonders “Gaslicht”, da ich den Hang zum 19. Jahrhundert sehr gut nachvollziehen kann ;)

    Dankeschön! :)

  • Cookie sagt:

    Ein wirklich tolles Interview! Damit wäre klar, dass ich unbedingt mal etwas von Susanne Gerdom lesen muss :)

  • admin sagt:

    Wie schön, dass es euch gefällt! :)

    @Katha
    Ja, ich tue es nun tatsächlich öfter – kaum zu glauben! ;)
    Auf “Gaslicht” bin ich auch schon gespannt, meine zwei Ausflüge in die Steamfantasy haben mir nämlich sehr gefallen.

    @Cookie
    Ha! Dann bin ich ja gespannt, auf welches Buch deine Wahl fällt! :)

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