Erscheinungsjahr: 2010
Gelesen im Februar 2011
Verlag: Feder & Schwert
Website von Oliver Plaschka

London, Frühjahr 1851: Als am Vorabend der ersten Weltausstellung ein Mitglied der königlichen Kommission auf mysteriöse Weise ermordet wird, ahnt Miss Niobe noch nicht, dass dieser Fall ihre Welt für immer verändern soll. Im Besitz des Toten befand sich ein Artefakt, das ein Mysterium birgt, das bis weit in die Vergangenheit des fernen Indiens reicht. Feindliche Agenten und eine rätselhafte Loge streben danach, es in ihren Besitz zu bringen und seine fantastischen Kräfte zu entfesseln. In einem Wettlauf gegen die Zeit trifft Niobe auf zwei ebenbürtige Gegner: den niederländischen Spezialisten Frans, der im Dienste finsterer Mächte steht, und Captain Royle, der für eine ultrageheime Sektion der britischen Armee arbeitet. Jeder von ihnen verfügt über besondere Gaben und Waffen; bald aber müssen sie erkennen, dass sie aufeinander angewiesen sind, wenn sie in diesem tödlichen Spiel bestehen und die Wahrheit über das Artefakt und sich selbst herausfinden wollen. Alle Spuren führen zum Kristallpalast, dem prunkvollen Bauwerk aus Eisen und Glas, in dem in wenigen Tagen die Königin, ihr Hofstaat und Besucher aus aller Herren Länder zusammenkommen wollen…

Rezension

Die drei Autoren entführen uns in das viktorianische London, in dem zu dieser Zeit durch die erste Weltausstellung noch mehr als sonst los ist. Die Straßen sind von den vielen Besuchern verstopft, Faszination und Misstrauen liegen dicht beieinander. Im Nachwort erfährt man unter anderem, dass die meisten Beschreibungen der Stadt weitestgehend zeitgenössischen Quellen entnommen wurden. Vielleicht wirkten sie deshalb so real auf mich? Möglicherweise aber auch, weil sie sowohl Licht als auch Schatten zeigten – und damit ein umfassendes Bild boten.

Der Roman hat mich von Anfang an gefesselt, woran die besondere Atmosphäre und meine beiden Lieblingsfiguren sicher nicht ganz unschuldig waren. Dieses Gefühl verstärkte sich mit jeder weiteren Seite, die Handlung wurde vielschichtiger und rätselhafter – und ich steckte schnell mitten in wilden Spekulationen. Mir macht das sehr viel Spaß! Man sollte dieses Buch allerdings aufmerksam lesen, um nicht zu viele Hinweise zu übersehen. Die vielen kleinen aufgesammelten Puzzleteile wollen dann ja auch noch verbunden werden, und fügen sich später zu einem großen Ganzen zusammen.

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt, und jede dieser Figuren gehört zu einer anderen Gruppierung. Man lernt sie (mal früher, mal später) besser kennen, erfährt etwas über ihre Vergangenheit und fühlt sich mit den sehr unterschiedlichen Charakteren verbunden. Zumindest ging es mir so: Ich hatte zwar schnell eine Lieblingsfigur, konnte aber nach einiger Zeit auch einer für mich anfangs ein wenig unsympathischen Figur einiges abgewinnen.

„Der Kristallpalast“ war für mich eine ziemlich intensive Lektüre, ich war mit meinen Gedanken sehr oft beim Buch und habe vor mich hin gegrübelt. Es gab so viele Eindrücke, Andeutungen und Rätsel, die mich einfach nicht losgelassen haben. Ganz besonders haben mich da ja mythische Anspielungen und eine merkwürdige Weltanschauung zum Spekulieren verführt, auch wenn ich für letzteres ein wenig Zeit benötigte. Die Geschichte lässt auch viel Platz für eigene Interpretationen und erklärt nicht alles, die Richtung wird jedoch vorgegeben. Es ist also ein Buch, das die grauen Zellen ordentlich fordert und einen noch länger beschäftigt. Mir hat es nicht nur sehr gefallen, ich war auch ziemlich beeindruckt – auch von den Ideen und dem Themsetunnel, der meine Neugier geweckt hat.

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