[fantastischer Adventskalender] 06
Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Susanne Gerdom, von der ich bisher Elbenzorn, Die Seele der Elben und die Kurzgeschichte “Das Elfenauge” aus der Anthologie “Fantastische Weihnachten” gelesen habe.
Und sie hat etwas ganz besonderes für uns: Die längste Kurzgeschichte der Welt, die deshalb auch in 3 Teilen erscheint! Ihr dürft euch da also noch auf zwei weitere Türchen freuen…
Susanne Gerdom wurde 1958 in Düsseldorf geboren und lebte bis zu ihrem Abitur mitten im Krupp-Gelände von Rheinhausen. Nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin im Düsseldorfer Stern-Verlag ging sie zur Deutschen Oper am Rhein, wo sie den Kostümfundus verwaltete.
In dieser Zeit hat sie nebenberuflich Theater gespielt, inszeniert, ein kleines Kellertheater geleitet und später angefangen zu schreiben.
Ihr erster Fantasy-Roman “Ellorans Traum” erschien 2000 bei Heyne. Heute schreibt sie Fantasy für Erwachsene (Piper), All-Age-Fantasy (Ueberreuter) und (unter dem Pseudonym Frances G. Hill) Jugend-Fantasy für den Verlag ArsEdition. Ihr inzwischen achtes Buch “Sturm im Elfenland” erscheint dort im Februar 2011.
Sie ist Gründungsmitglied der 42er Autoren und lebt in einer Mini-WG samt vier Katzen am Niederrhein.
Bonnie & Clyde reloaded
Bonnie and Clyde were pretty lookin’ people
But I can tell you people They were the devil’s children.
They used to laugh about dyin’,
But deep inside ‘em they knew
That pretty soon they’d be lyin’
Beneath the ground together
Pushing up daisies to welcome the sun
And the morning dew.
Bonnie and Clyde, they lived a lot together
And finally together they died.
Georgie Fame
Die Sirenen der Polizeiautos schrillten wie das Heulen einer Höllenmeute, die ihnen auf den Fersen war, und die Blaulichter blitzten auf dem nassen Asphalt.
Sie klammerte sich an ihn und schrie gegen den Höllenlärm an: gegen die Sirenen, das Brüllen des Motorrads, das Quietschen der Reifen und gegen ihre eigene Angst. “Sie kriegen uns”, schrie sie. “Drück drauf, Rav, schneller!”
Sein Rücken war angespannt. Sie wusste, dass er sie nicht hören konnte, aber sie musste schreien, damit sie nicht vor Angst von der Maschine sprang. Sie umklammerte seine Taille und hielt den Atem an. Das Motorrad legte sich auf die Seite, als es in eine enge Kurve schoss, und die Fußrasten schlugen kreischend Funken. Statt sich wieder aufzurichten, rutschte die Maschine wie ein rasender Dämon aus Metall weiter über den Asphalt, zerriss und zertrümmerte Fleisch und Knochen.
“Rav!”, schrie sie wieder seinen Namen, und dann schrie sie nur noch ohne Worte ihre Todesangst in das Inferno aus Lärm, Schmerzen und Blut.
Das letzte, was sie hörte, war eine tiefe Stimme, die monoton aufzählte: “Ravi Malhotra – weiß. Ashley Schneider – schwarz.”
Der Rettungswagen fuhr ruhig und ohne Eile davon. Jemand streute Sand auf die Spuren auf der Straße. Letzte Blitzlichter von Kameras, ein Polizist diktierte den Hergang in ein Aufnahmegerät.
“Sie haben eine Tankstelle überfallen”, sagte ein Journalist. “Die beiden waren fast noch Kinder … Nein, außer ihnen hat es keine Toten gegeben.”
Er klappte sein Handy zu und pfiff ein paar Töne einer alten Blues-Ballade. “Bonnie and Clyde began their evil doin’ one lazy afternoon down Savannah way …”
***
Beleth hatte sie wieder geschlagen. Ash leckte sich über die wunde Lippe. Dann fuhr sie sich über ihr stoppeliges Haar und kniff die Augen zusammen, um die zerklüftete Ebene zu beobachten.
Beleth war alles in allem kein übler Ausbilder, wenn auch gelegentlich ein wenig jähzornig. Sie hätte es schlechter treffen können. Malphas zum Beispiel war ein echter Mistkerl, der seine Leute bis aufs Blut zu schinden pflegte.
Sie stützte sich auf ihren Lichtstab, mit einem Mal so müde, als hätte sie ihre Arbeit schon hinter sich. Es war eins der schwereren Gefechte gewesen, das unter dem bleigrauen, sonnenlosen Himmel stattgefunden hatte. An guten Tagen mussten sie nur ein paar Leichen umdrehen, ihre Lichtstäbe und Ausrüstung einsammeln und durften alles andere den geflügelten kleinen Dämonen überlassen, die die Überreste fraßen.
Aber heute lagen überall auf dem zerschründeten Grund noch Verwundete zwischen den Gefallenen, und zwischen ihnen wanderten die Weißen mit ihren verfluchten Flammenschwertern herum, um nach ihren Leuten zu suchen, die das Gemetzel überlebt hatten.
Ash reckte sich. Wenn die Obristen der Hellen das Feld verlassen hatten, waren sie und die anderen Rekruten an der Reihe. Beleth hatte ihnen eingeschärft, besonders auf die vermeintlich toten Feinde zu achten, denn die Obristen der Hellen übersahen gelegentlich einen Sterbenden – oder taten so, als übersähen sie ihn. Und ein verwundeter Weißer war gefährlicher als eine wütende Harpyie.
“Warum bergen sie ihre Verwundeten überhaupt?”, fragte Sergiu, einer der Rekruten. “Warum machen sie es nicht wie wir? Azrael schickt doch andauernd Nachschub.” Er deutete nachlässig mit dem Lichtstab auf den Koloss am Horizont, und ein Blitz löste sich aus dem Stab, fuhr blauweiß und laut krachend in das mollige Mädchen, das neben ihm stand, und verbrannte sie zu Staub.
Beleth gab dem vorlauten Burschen eine kräftige Ohrfeige. “Gehst du gefälligst anständig mit deiner Waffe um!”, brüllte er, und seine roten Augen sprühten Funken.
Sergiu wischte sich mit mürrischer Miene das Blut von der Nase und nickte. “Aye, Sir.” Er warf Ash einen Blick unter gesenkten Lidern zu und grinste verstohlen.
“Sie bergen sie, weil es zu ihrem Codex gehört”, erläuterte Beleth. Seine glänzend schwarzen Schwingen öffneten sich ein Stück und zuckten nervös. “So, wie es zu unserem Codex gehört, niemanden durchzuschleppen, der nicht voll kampftauglich ist. Du!” Er deutete auf Ash. “Wie lautet unsere Parole?”
“Wir fressen die Weißen, bis wir Sahne scheißen”, antwortete Ash ohne große Begeisterung.
Beleth musterte sie scharf, aber dann nickte er nur und stemmte die narbigen Hände in die Seiten. Seine dunkelgrünen Klauen kratzten über das rissige Leder des Brustpanzers. Die Blitze der Lichtstäbe und Flammenschwerter auf dem Schlachtfeld spiegelten sich matt in den eisernen Beschlägen seiner Rüstung.
Er hob die Stimme, um den erneuten Ansturm der Pferdedämonen zu übertönen. Das Kreischen und Heulen der Sirenenstimmen drohte Ashs Trommelfelle zu zerreißen, aber sie zwang sich, die Hände an der Seite zu lassen und ballte nur die Fäuste, bis ihre Nägel sich schmerzhaft ins Fleisch ihrer Handballen bohrten.
“Jetzt geht an eure Arbeit, Rekruten. Und denkt daran: Wir oder sie. Nur einer kann das letzte Gefecht gewinnen. Und wer wird das sein?”
“Die Dunklen Mächte”, brüllten die Rekruten.
Die letzten Weißgeflügelten verließen das Feld. Ash sah ihnen nach, wie sie den Rand der Ebene erreichten und hinter Hügelreihe Neun verschwanden. Der helle Schein ihrer Schwerter ließ die Kuppen golden aufglänzen, dann verschwand das Licht. Trüber Dunst senkt sich über die Ebene. “Auf”, flüsterte Ash. “Ans Werk.” Sie hob den Lichtstab und ließ ihn aufflammen. Wie zur Antwort erstrahlten rechts und links von ihr die Stäbe ihrer Kameraden. Sie winkte grüßend mit ihrem Stab und ließ einen Blitz zum Himmel zucken. Die tiefhängenden Wolken – oder was immer es war, das da über ihren Köpfen lastete – warfen das grelle Licht zurück und tauchten die Ebene in ein kaltblaues Licht.
Ash rannte über den steinigen Pfad und breitete im Laufen ihre Flügel aus, um das Gleichgewicht zu halten. Ihre Stiefel unter der zerrissenen Jeans waren so zerschrammt und staubig, dass die ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war.
Sie ignorierte den kalten Wind, der immer gegen Abend aufkam. Zumindest nahm sie an, dass Abend war, weil das Licht dämmriger wurde und überall in den Hügeln kleine Feuer aufflammten. Es erinnerte sie an etwas, aber während sie den Gedanken zu greifen versuchte, zerfaserte er wie ein flüchtiger Nebelstreif und war verschwunden.
Seit der Kampflärm verstummt war, konnte sie wieder Azraels gleichmäßige Stimme über die Ebene rollen hören, in seiner endlosen, ununterbrochenen Aufzählung von Namen : “Arthur Johnson – weiß. Mehtav Güçlü – schwarz. Te Rangitu Hakopa – weiß. Giustina di Lauro – schwarz. Chan Fong Hui – weiß. Ulrich Bündner – schwarz …”
Ash blendete die Stimme des Kolosses aus und konzentrierte sich auf den unebenen Grund, über den sie lief. Ihr Lichtstab beleuchtete die zernarbte, steinige Fläche, auf der die reglosen Körper lagen, wie sie hingefallen waren. Sie seufzte und begann mit der Arbeit.
Irgendwann streckte sie ihren Rücken, blies in die kalten Hände und blickte sich um. Ihr Quadrant war sauber, die Ausrüstung der Gefallenen lag aufgeschichtet neben ihr, die kleinen Dämonen waren aus ihren Löchern gekrochen und beschäftigten sich damit, die organischen Reste zu beseitigen. Zeit für eine Pause.
“He, Ash”, hörte sie einen Mann rufen. Sie drehte sich suchend um und sah den Rufer neben einem Felsbrocken sitzen. Er winkte ihr zu. “Zigarette?”
Sie winkte zurück und ging auf ihn zu. Das war Joel. Er war eine Periode länger hier als sie und sollte demnächst als Soldat eingesetzt werden. Mit ein bisschen Pech würde sie ihm an einem der nächsten Abende seine Ausrüstung abnehmen und den geflügelten Dämonen in ihrem Kielwasser zusehen, wie sie Joels Reste vertilgten.
“Hast du eine Zigarette oder willst du eine?”, fragte sie und hockte sich neben ihn. Sie nickte dem blassen Mädchen zu, das an Joels anderer Seite saß und mit unruhigen Fingern ihr rötliches Haar zu Locken drehte.
Der Mann grinste und hielt ihr die Handfläche hin, auf der ein paar krumme Selbstgedrehte lagen. Ash nahm sich eine davon, steckte sie in den Mund und zündete sie mit ihrem Lichtstab an. Sie lachte und hustete gleichzeitig. Den Trick mit dem Lichtstab hatte sie einem der älteren Rekruten abgeschaut, und beim ersten Versuch hatte sie sich fast die Nase abgefackelt. Das passierte jedem Neuzugang auf die eine oder andere Weise. Die Lichtstäbe waren kitzlige Dinger, die leicht in die falsche Richtung losgingen. Gelegentlich brannte sich ein Rekrut damit den Fuß weg oder den halben Kopf. Futter für die kleinen Dämonen.
Sie stieß eine Rauchwolke aus, nahm die Zigarette aus dem Mund und sah sie angewidert an. “Was ist das für ein Zeug, Joel? Geräucherter Engel?”
Der Mann grinste und legte seinen Arm um die Schultern des Mädchens neben ihm. Das war gar nicht so einfach, weil sie die Flügel nicht richtig eingefaltet hatte. Typischer Anfängerfehler, dachte Ash. Das gibt einen üblen Muskelkater. Sie zog unwillkürlich ihre Schulterblätter zusammen und fühlte, wie die Federn übereinander rieben.
“Und?”, fragte Joel und kratzte sich den fetten Bauch. Er trug eine ähnliche Lederjacke wie Ash, nur dass auf seinem Rücken der Schriftzug: “Hellhounds” prangte. Sehr passend.
“Und – was?”
“Wann bist du dran?” Er wies mit dem Kinn auf das Schlachtfeld und zog an seiner Zigarette. Die Glut flammte auf und beleuchtete rötlich sein Gesicht.
Ash zuckte gleichgültig mit den Schultern. “Morgen noch nicht.”
Das rothaarige Mädchen schluckte. “Ich weiß gar nicht, was ich hier soll”, beklagte sie sich mit weinerlicher Stimme. “Ich war krank, wisst ihr? Der Arzt im Krankenhaus hat gesagt, ich würde ganz bestimmt bald entlassen. Ich war immer brav. Und jetzt bin ich hier!” Ihre Stimme wurde schrill. Joel zog eine Grimasse.
“Das hier ist nicht die Hölle”, intonierte Ash grinsend. “Für die Katholiken: Das hier ist nicht das Fegefeuer.”
Joel fiel in die Litanei ein: “Juden, bitte herhören: Das hier ist nicht Sheol. Muslims aufgepasst: Das hier ist nicht Dschahannam.”
“Nicht der Hades, nicht Hel, nicht der Orkus”, fuhr Ash singend fort.
“Nicht die Unterwelt, nicht das Nichts!” Joel sang weiter und wippte mit dem Fuß. Wie oft hatten sie den Vortrag gehört? Jedes Mal, wenn eine neue Gruppe eingewiesen wurde. Jammernde, weinende, zähneklappernde Rookies, die nach ihrer Mama schrien oder zu irgendeinem Gott beteten.
“Irgendwelche Buddhisten da?”, riefen beide im Chor. “Ihr habt keine Probleme, oder? Alles ist eins!” Joel reckte beim letzten Wort den Mittelfinger in die Luft und Ash drückte lachend ihre Zigarette aus.
Beleth liebte es, den Neuen diesen Vortrag zu halten. Jeder, der hier eintraf, glaubte in irgendeiner Form in der Hölle zu sein. Dabei war das hier nur ein Schlachtfeld. DAS Schlachtfeld. Der Übungsplatz für die letzte, entscheidende Schlacht. Armageddon. Ragnarök. Das Ende der Welt.
Das rothaarige Mädchen hatte aufgehört zu weinen und zog einen Flunsch. “Dumm”, flüsterte sie. “Dumm und falsch. Ich war immer gut. Ich müsste dort drüben sein.” Sie deutete auf die Seite der Weißen.
Ash schüttelte den Kopf. “Vor dir ist ein Weißer reingekommen, also bist du schwarz. Das hat nichts mit deinem Leben vor diesem hier zu tun. Es ist Zufall.”
Das Mädchen starrte sie an. “Du siehst aber aus, als wärst du schlecht”, sagte sie. “Er auch.” Joel bleckte grinsend die Zähne.
Ash zuckte wieder mit den Schultern. “Ich weiß nicht, was ich war.”
Das Mädchen kniff misstrauisch die Augen zusammen. “Wieso nicht? Ich kann mich doch auch an alles erinnern.” Sie fing wieder an zu weinen.
Joel wechselte einen Blick mit Ash. “Ash ist wahrscheinlich durch einen Unfall gestorben”, sagte er. “Bei den gewaltsamen, plötzlichen Toden dauert es länger, bis die Erinnerung hinterherkommt. Schwirrt wahrscheinlich irgendwo da draußen herum und sucht nach ihrem Gedächtnis.” Er lachte kurz und rau.
“Erinnerst du dich?”, fragte Ash. Das war eigentlich eine verpönte Frage. Aber Joel nahm sie gelassen.
“Noch nicht an mein Leben”, sagte er. Er hob die Hand und schob seinen Kragen beiseite. “Seit ein paar Tagen weiß ich aber wieder, wie ich gestorben bin.” Er neigte den Kopf, und Ash sah das Einschussloch. Es sah aus wie eine alte, lang verheilte Wunde. “Erschossen”, sagte er nüchtern und ließ den Kragen wieder zurückklappen.
Ash nickte. Sie hatte Narben am Körper, die nach einem Unfall aussahen. Ihr Name war das Einzige, was sie mit Sicherheit wusste. Den hatte Azrael bei ihrem Eintreten genannt: Ashley Schneider – schwarz.
Sie stand auf und schulterte ihren Lichtstab. “Ich muss das Zeug noch ins Lager bringen”, sagte sie. “Wir sehen uns.”
Ausrüstung und Lichtstäbe lagen noch da, wo sie sie hingeworfen hatte. Ash steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Sie hockte sich auf einen Stein und zog die Jacke aus. Dieser eigentlich alltägliche Vorgang faszinierte sie jedes Mal aufs Neue. Sobald sie ihren Arm aus dem Jackenärmel zog, verloren ihre Flügel an Substanz, sie verblassten und durchdrangen das feste Leder der Jacke wie geisterhafte Auswüchse. Sobald Ash sich ausgezogen hatte, waren auch die Flügel wieder da, fest und kräftig, mit langen, biegsamen Schwungfedern und kleineren Deckfedern, die glänzend schwarz schimmerten.
Ash inspizierte den langen Kratzer auf ihrem Arm, den sie beim letzten Einsatz abbekommen hatte. Sie hatte Glück gehabt, dass der katzenähnliche Dämon sie mit seinem Hieb nur gestreift hatte. Ein verwundeter Dämon konnte gefährlich werden, vor allem, wenn er befürchten musste, bei der Säuberung getötet zu werden.
Ihr Ausbilder Beleth hatte dröhnend gelacht und nur gemeint, das würde sie lehren, nicht ohne Jacke übers Feld zu laufen. “Aye”, murmelte sie grimmig und rieb sich über den juckenden Riss. Er berührte die Tätowierung auf ihrem Handgelenk und löschte einen Buchstaben des Namens aus, der dort in ihr Fleisch gestochen war.
Ash verlor sich in der Betrachtung des Tattoos. Zwei ineinander verschlungene Namen und ein Herz. Der eine, den der Kratzer verstümmelt hatte, gehörte ihr: “Ash ey”. Sie tippte mit dem Finger darauf, murmelte “Ashley. Das bin ich.”
Der zweite Namenszug lautete “Ravi”. Ash berührte ihn mit dem Fingernagel, fuhr daran entlang, kratzte leicht darüber, als wollte sie ihn zwingen, eine Erinnerung freizugeben. “Ravi”, sagte sie laut.
Der Klang des Namens löste kein Bild aus. Ihre Erinnerung blieb dunkel und still wie ein verschlossenes, unbewohntes Zimmer. Sie seufzte und schlüpfte hastig wieder in ihre Jacke, denn über ihrem Kopf ertönte der misstönende Schrei einer Lasten-Harpyie. Ash winkte und deutete auf die aufgehäuften Ausrüstungsgegenstände.
Die Harpyie wirbelte mit ihren kräftigen Flügelschlägen so viel Staub auf, dass Ash blinzelnd die Augen schloss. Sie hörte, wie das Wesen landete und ein paar Schritte heranhüpfte, und roch den scharfen Raubtierdunst, der von der Harpyie ausging. Ash hatte sich inzwischen an den Anblick der verschiedensten Dämonen und Zwitterwesen gewöhnt, aber die Harpyien waren so scheußlich anzusehen, dass sie es vorgezogen hätte, ihre Augen geschlossen zu halten. Aber das Wesen sprach sie an. “Das alles?”, zischte es mit einer Stimme, die Glas zersplittern lassen konnte.
Ashley zwang sich, ihr ins Gesicht zu sehen. Ein Frauengesicht. Langes, dunkles Haar. Glitzernde grüne Augen. Ein mörderischer Schnabel, ein dicker Hals und muskulöse Schultern, die genauso gut einem Türsteher oder Bodyguard gehören könnten. Volle Brüste, ein sehniger Vogelkörper, der auf kräftigen Greifklauen stand. Riesige Schwingen. Neben ihr, gerade abgesetzt, ein Transportkorb mit stabilen Henkeln, die eine Greifklaue packen konnte.
“Das alles, ja”, erwiderte Ash unbehaglich. Sie sah das anzügliche Grinsen des Mensch-Vogelgesichtes und schluckte.
“Also los, worauf wartest du?”, schrillte die Harpyie. “Ich hab heute noch was anderes zu tun. Hopp, kleines Wesen, an die Arbeit.” Sie lachte grell und faltete die Schwingen. Eine Welle Gestank brandete heran und verschlug Ash den Atem. Sie presste die Lippen aufeinander und beeilte sich, den Korb der Harpyie zu füllen. Je eher dieses Ding mit seiner Last wieder in der Luft war, desto besser. Ash schaufelte Lichtstäbe und Rüstungsteile von dem Stapel in den Behälter und bemühte sich, die wartende Harpyie zu ignorieren.
Ein paar Schritte neben ihr stritten sich zwei der kleinen Dämonen um etwas, das aussah wie ein Arm. Ash war mit einem Mal so müde, dass sie sich am liebsten gleich hier auf dem zerklüfteten Boden zusammengerollt hätte, die Arme um den Kopf geschlungen, um all das nicht mehr sehen zu müssen.
Stattdessen biss sie die Zähne zusammen und warf die letzten Helme und Beinschienen auf den sich türmenden Berg. Der Korb war so voll, dass sie sich kaum vorstellen konnte, wie die Harpyie ihn und sich in die Luft heben sollte. Aber das Wesen sprang mit einem Schrei in die Luft, und Ash atmete endlich ein – puren Schwefel. Über ihr lachte die Harpyie, die hoch über ihr kreiste und sich dann in einen schwindelerregenden Sturzflug fallen ließ. Kurz über dem Korb warf es sich herum, streckte die Fänge vor und packte die hochstehenden Henkel. Ein weiterer Schlag der mächtigen Schwingen und sie war wieder in der Luft. Ash sah ihr nach, wie sie im endlosen Grau verschwand. So sehr sie diese Wesen auch verabscheute, so sehr bewunderte sie die Kraft und Unbekümmertheit, mit der sie sich durch die Luft bewegten.
Unwillkürlich spreizte sie ihre Flügel. Sie konnte damit fliegen, aber mit ungeschickten und langsamen Bewegungen, die sie nur schwerfällig vom Boden trugen. Manche der Geflügelten waren ebensolche Flugkünstler wie die Harpyien, andere, wie Ash, ähnelten eher übergewichtigen Hühnern. Wer die Fähigkeit besaß, wurde für den Luftkampf eingesetzt. Ash fühlte sich am Boden wohler. Sterben würde sie so oder so, aber der Gedanke, hoch oben in der Luft von einem Flammenschwert getroffen zu werden und sterbend zurück auf den Boden zu stürzen, ließ sie erschaudern.
Sie erhob sich aus der Hocke und klopfte ihre Hände an den Beinen ab. Jetzt war Ruhezeit für beide Seiten. Zeit der Waffenruhe.
Sie würde sich einen Platz an einem der Feuer suchen, sich in ihre Decke wickeln und auf den Morgen warten. Vielleicht hatte Beleth eine Ration Bier ausgeben lassen oder etwas Härteres. Die Dämonenvariante des irdischen Wodkas brannte wie Feuer, aber sie sorgte für etwas Ähnliches wie Schlaf, und nach dem sehnte Ash sich wie nach einem warmen Essen oder einem Bad.
Nur gab es auf dem Schlachtfeld keinen Hunger oder Durst, kein Schlafbedürfnis, keine körperlichen Beschwerden außer den Schmerzen, die eine Verletzung verursachte, oder einer allgemeinen Erschöpfung der Muskeln und des Geistes. Aber auch das würde vergehen, wenn sie eine Weile länger hier war, sagte Beleth. Ash wusste nicht, ob sie es bedauern oder herbeiwünschen sollte. Sie genoss den Muskelkater wie eine zärtliche Berührung. Nur er und ihre Müdigkeit verbanden sie noch mit der Sphäre der Menschen, die sie für immer hinter sich gelassen hatte. Unwiederbringlich.
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