„Was hat Wodan denn mit den Kelten zu tun?“, werde ich oft gefragt, wenn jemand meine Buchtitel überfliegt. Alle Bände meiner Saga „Von keltischer Götterdämmerung“ tragen in ihrem Titel den Namen des germanischen Göttervaters und spielen im zweiten Jahrhundert v.Chr., lange vor jener Zeit, die uns den Gott Wodan mit all seinen Facetten überliefert hat. Und die Frage ist berechtigt.

Wer ist Wodan?

Der Name Wodan taucht zum ersten Mal in frühmittelalterlichen Quellen auf. Am besten überliefert ist er aus dem skandinavischen Sagenstoff des Mittelalters. In der eddischen Mythologie ist er der Allvater und zählt zu den vielseitigsten Göttergestalten mit den meisten Attributen – und nicht zuletzt Namen! Rund 170 Namen sind für Wodan überliefert, viele davon aus den Göttersagen der Edda, in welchen Wodan sich unter anderen Namen tarnt oder gemäß seiner Funktionen und Rollen angesprochen wird.

In der Edda tritt Wodan/Odin vielfach als Kriegsgott auf. Als Krieger mit Speer auf seinem achtbeinigen Pferd zeigt er sich mit den Attributen germanischer Reiterelite des Frühmittelalters. Sein Name ist vermutlich von „Wodanaz“ abgeleitet, was „zornig“, möglicherweise aber auch „besessen“ bedeutet. Es passt zu dem Herrn des Berserkerzorns, der Krieger in überirdischen Blutrausch versetzt. Zugleich zieht Wodan jedoch mit den Geistern der gewaltsam Verstorbenen umher und bildet mit ihnen die „Wilde Jagd“ – ein Sagenbild, das in dieser Form in ganz Mitteleuropa verbreitet ist.

Besessenheit und Ekstase sind Attribute, die ihm in all diesen Darstellungen gemein sind. Wodan tritt dabei nicht nur als Krieger, sondern als Zauberer auf. In den Merseburger Zaubersprüchen beispielsweise heilt Wodan mit einem Zauber ein verletztes Pferd. Und natürlich ist Wodan der Sehergabe mächtig. Die Edda beschreibt, wie der Göttervater neun Tage und Nächte an der Weltenesche hängt und zuletzt sogar sein Auge hergibt, um die Gabe des Runendeutens zu erlangen. Seine steten Begleiter sind die Raben Hugin und Munin und dienen ihm zugleich als Augen und Ohren in der Welt.

Wodan in römischer Überlieferung

Wodan in seiner Vielseitigkeit ist für mich eine der faszinierendsten Göttergestalten der zentraleuropäischen Mythologie. Blickt man jedoch weiter in die Vergangenheit zurück, werden seine Spuren deutlich diffuser. Um die Zeitenwende wird kaum ein Detail über die Religion der Germanen und Kelten aufgeschrieben. Bereits unter römischer Herrschaft hinterlassen die romanisierten Gallier zwar eine Fülle von Götternamen, Reliefen und Statuen. Selten ist sogar aus dem Kontakt zwischen Kelten und Griechen zuvor bereits ein Göttername in griechischen Buchstaben überliefert. Vor der Eingliederung ins römische Reich bleibt den Kelten und Germanen die Schriftkultur jedoch weitgehend fremd. Alles wird mündlich überliefert. So sind es also Römer und Griechen, die uns von den keltischen und germanischen Göttern erzählen. Und bei der Vielfalt an Göttern machen gerade die Römer es sich leicht und ordnen fremden Gottheiten ihre eigenen zu.

So gilt Merkur als einer der wichtigsten Götter der Germanen in Tacitus´ Überlieferung. Nach seiner Berichterstattung ist Tuisto oder auch Tiwaz, vermutlich der spätere Tyr der Edda, der Stammvater der Stämme, Merkur werde jedoch am meisten verehrt. Aber wer ist dieser Merkur? Verschiedene germanische oder gallorömische Regionalgottheiten werden mit dem Namen des römischen Gottes des Handels, der Wege, der Händler, aber auch der Diebe assoziiert. Oft sind nur die Namen dieser Gottheiten auf Altären überliefert. Bei der Vielfalt der Stämme und zum Teil der geografischen Distanzen, die zwischen den Fundorten verschiedener „Merkur“-Gottheiten gelegen haben, wird es sich dabei keinesfalls um die gleichen Götter gehandelt haben, sondern vielmehr um Gottheiten mit vergleichbaren Eigenschaften oder Fähigkeiten.

Und so ist auch Wodan einer von mehreren Göttern, die in der langen Geschichte der römischen Eroberung fremder Völker und Stammesgebiete mit Merkur assoziiert wurde. Versuchen wir also dieser Spur der Götter zurück in die Vergangenheit zu folgen, macht es keinen Sinn ein direktes Abbild des Wodan der Edda bei den Germanen der Zeitenwende oder gar bei den Kelten zu suchen. Denn so wie die Stämme, die auf dem Gebiet des heutigen Mitteleuropas in den Jahrhunderten um die Zeitenwende siedelten, durch gesellschaftliche Umbrüche, Stammes- und Völkerwanderungen oder einfach den Zahn der Zeit ihre Kultur immer wieder weiterentwickelt haben, so haben sich auch die Götter mit ihnen verändert.

Manche Symbole, Bilder und Attribute von Gottheiten wiederholen sich jedoch durch viele Epochen.

Einäugige, speertragende Götter, Vogelgötter

Sie alle finden sich im gallisch-keltischen Einflussgebiet. Und so viele verschiedene Stämme diese Region bewohnten, so unterscheiden sich zum Teil auch die wenigen überlieferten Mythen. Während Tacitus von der Schöpfungssage germanischer Stämme durch Tuisto und Mannus erzählt, nennt Caesar den Totengott bzw. Gott der Unterwelt als Ahnherr der Gallier. Der Name Sucellus wird hier zugeordnet.

Ein Gott, der später als Merkur gedeutet wurde, ist Esus, der auf verschiedenen Reliefen aus Frankreich aber auch Trier mit Namen dargestellt ist. Sie zeigen einen Mann, der einen mächtigen Baum fällt. Auf dem Baum sitzen drei Vögel und ein Stier. Der Mythos dahinter ist aus der römischen Zeit nicht überliefert, findet sich aber mit großer Ähnlichkeit in irischen Sagen wieder und vereint die Erzählungen mit einem einäugigen, speertragenden Gott, dessen Namen womöglich etymologisch mit „fliegen“, „Vögel“, aber auch „Raben“ in Verbindung steht.

Wer diesen Bildern und Spuren folgt, die später als wichtige Attribute des Göttervaters Wodan genannt werden, findet sich schnell im vielschichtigen, aber mindestens ebenso faszinierenden Wirrwarr der bruchstückhaften Überlieferung des keltischen Götterglaubens wieder. Und leider ist zu wenig davon in die heutige Zeit gerettet worden, um befriedigende Antworten auf viele Fragen zu erhalten.

Damit um diese Thematik eine Geschichte gesponnen werden konnte, habe ich in „Anation“ und „Völva“, den bisher erschienen Teilen der Saga „Von keltischer Götterdämmerung“, mit entsprechend viel Fantasie von Göttern und ihrem Wandel erzählt. Ich wollte eine Geschichte um das Ende der letzten, keltischen Blütezeit in Deutschland erzählen, dem Beginn der fraglichen Jahrzehnte, in welchen keltische Siedlungen allmählich aufgegeben wurden, die Bevölkerung in einigen Regionen Deutschlands abnahm und andere Siedlung, vielfach aus dem Norden Deutschlands, in den Siedlungsraum der sich zurückziehenden Kelten einwanderten. Eine Zeit des Wandels, des Umbruchs. Womöglich von Hungerjahren und klimatischen Einbrüchen geprägt.

Niemand weiß, ob im späten zweiten bzw. frühen ersten Jahrhundert vor der Zeitenwende bereits ein Gott namens Wodan verehrt wurde. Oder ein Sturmgeist, der die Seelen der gewaltsam Verstorbenen holt. Vielfach wird jedoch angenommen, dass ein so vielschichtiger Gott wie Wodan möglicherweise die Attribute mehrerer älterer Gottheiten in sich vereint. Und dass er an der Grenze zwischen dem keltischen und germanischen Einflussbereich entstanden ist, über viele Generationen hinweg. Ein Gott mit vielen Gesichtern, Namen und Geschichten, ein Gott, dessen Attribute sich zu keltischer Zeit gar auf verschiedene Gottheiten verteilt, ein Zauberer, ein Berserker, ein Sturmherr.

In meiner Trilogie „Von keltischer Götterdämmerung“ habe ich mir aus den Überlieferungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die bisher über diese Zeit und deren Götter gewonnen wurden, meine ganz eigenen Gedanken zu Wodan gemacht. Im Oktober ist der dritte und letzte Teil erschienen, der meine Geschichte zu diesem Thema zu Ende bringt.

Was sich damals wirklich zugetragen hat, das wissen aber wohl nur die Götter allein.

© Astrid Rauner

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