Erscheinungsjahr: 2016
Gelesen im März 2017
Verlag: Piper
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In diesem Buch versammeln sich 11 Erzählungen – zwei davon sind neu, der Rest wurde zwischen 1995 und 2013 in diversen Anthologien und Magazinen veröffentlicht. Dazu gibt es ein Vorwort, in dem es neben Bibliografischem zu den einzelnen Geschichten auch ein wenig Biografisches zu entdecken gibt. Mich reizen solche Sammlungen, weil sie oft die Bandbreite eines Autors zeigen und ich sie daher als Abenteuer empfinde: Man kann ganz neue Seiten entdecken.

„Mondträume“ beginnt mit einem Abschiedsfest von Burg Reuschenberg, die dem Braunkohlebagger zum Opfer fallen wird. Es wird mystisch, tragisch und romantisch – eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe.

„Virus“ spielt in der nahen Zukunft und zeichnet eine für mich sehr bedrückende Welt. Steril, isoliert, eingesperrt. Diese Vorstellung hat mich noch eine ganze Weile beschäftigt, vielleicht auch, weil es für mich die Hölle wäre …

„Wolfsträume“ war für mich eine ungewöhnliche Werwolf-Geschichte, die so einige unheimliche Szenen bereit hielt. Sie wirkte beängstigend real – ich kann mir vorstellen, dass es so passiert sein könnte. Und möglicherweise verstärkte genau das meine Schauer an bestimmten Stellen.

„Ruth“ ist die einzige Geschichte in dieser Sammlung, mit der ich nicht soviel anfangen konnte. An der Länge von etwas über drei Seiten kann es aber nicht gelegen haben, denn „Verwunschenes China“ ist sogar noch etwas kürzer und hat mich total mitgerissen. Der Spaziergang im Nebel wurde immer mystischer, und zwischen den Zeilen war viel Liebe zu spüren.

„Tod im Labyrinth“ führt uns in das Kreta zur Zeit der minoischen Kultur und trifft damit eines der historischen Themen, die mich reizen. Die Geschichte war auf verschiedenen Ebenen spannend und ich konnte mich nur schwer von dem Setting trennen.

In „Stürmische Zeiten“ geht es nach Köln, wo der Archäologiestudent Stefan unbewusst eine verbannte Windsbraut erlöst. Genauer gesagt eine Tochter des Boreas, dem König der Winde, die von den Göttern verurteilt und ihres Leibes beraubt wurde. Der Hintergrund hat mich fasziniert, solche Windsbräute kannte ich noch nicht. Ich mochte aber auch die Beschreibungen der WG und den Humor, der in dieser Geschichte mitschwingt.

„Der Stab aus Elfenbein“ und „Das goldene Tor“ spielen zur Zeit der Kreuzzüge – eine Thematik mit der ich meistens nicht soviel anfangen kann, weil es mir zu christlich-religiös ist. In den beiden Erzählungen gab es aber vieles, was mich da vor einem „Overkill“ bewahrt hat. Spannende Entwicklungen, Geheimnisse und Tragik.

„Die Verschlingerin der Toten“ verbindet Archäologie und Gespenstergeschichten, was für mich eine reizvolle Kombination ist. Es geht nach Ägypten: Ein unbekanntes Grab in Amarna, der Stadt des Ketzerpharaos Echnaton! Es wird düster, aber auch angenehm unheimlich und sehr spannend.

„Geister lügen nicht“ ist in einer Fantasywelt angesiedelt, in der Totenbeschwörung eine Variante für die Aufklärung von Mordfällen ist. Mir hat das Setting so gut gefallen, dass ich gerne noch mehr über diese Welt und Magus Dario lesen würde. Und diese Geschichte hat mich tatsächlich ein wenig zum Weinen gebracht, auch wenn ich das Ende sehr genial fand.

Diese Sammlung hat mich sehr begeistert, weil die abwechslungsreichen Geschichten eine dichte Atmosphäre hatten und mich (bis auf die eine Ausnahme) inhaltlich und emotional berührt haben. Viele von ihnen wirken noch in mir nach … Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft: Alles bot Spannung, war manchmal düster und verursachte mir einige Gänsehaut-Momente. Es wurde aber auch mystisch, tragisch und/oder liebevoll. Und ich mag den Humor sehr, der trifft einfach voll meinen Geschmack!

Die „eine“ Lieblingsgeschichte kann ich nicht nennen, aber diese sind meine Top 5: Mondträume, Verwunschenes China, Tod im Labyrinth, Stürmische Zeiten, Geister lügen nicht.

Da man als Archäologiestudent ohnehin auf dem Weg ist, staatlich lizensierter Grabräuber zu werden, fühlt man sich unter Leichen manchmal wohler als unter Lebenden, jedenfalls wenn man solche Erfahrungen gemacht hat wie ich.

(Zitat aus Wolfsträume, Seite 193)

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