Dieses Interview habe ich für die dritte Ausgabe des Qindie-Magazins geführt, darf es aber auch hier auf dem Blog veröffentlichen. Das Magazin gibt es als Download in den Formaten ePub, Mobi & PDF, man kann es aber auch online lesen. Wer zukünftige Qindie-Aktionen unterstützen möchte, kann das Magazin aber auch für einen Obolus von 1,99 Euro bei Amazon kaufen oder über Kindle-Unlimited ausleihen.


© Manuel Charisius

© Manuel Charisius

 
 
Manuel Charisius, 1979 in Stuttgart geboren, liest und schreibt seit seiner Jugend phantastische Geschichten, bevorzugt mit Mischwesen und Gestaltwandlern in den Hauptrollen. Er studierte Anglistik und Germanistik in Heidelberg und Auckland, Neuseeland.

Manuel Charisius arbeitet hauptberuflich als Autor und Texter in Heidelberg.
 

Neben dem Schreiben macht er Musik und liebt lange Fahrradtouren und Wanderungen, bei denen ihn meist ein lauffreudiger Schlittenhund begleitet. Ab und zu bastelt er auch gerne mit Software und Elektronikkram herum oder spielt Videospiele, die heutzutage als »Retro« bezeichnet werden.

Nie anzutreffen ohne: meinen Hausschlüssel
Besondere Kennzeichen: Pferdeschwanz
Motto: Was ich nicht selber kann, kann ich mir selber beibringen.
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Wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Kind der neunziger Jahre mit unstillbarem Hunger nach guten Geschichten und schönen Liedern. Ohne großes politisches Interesse, aber als Wähler definitiv im links-grünen Spektrum zu verorten. Überzeugter Agnostiker und Skeptiker. Seit jeher Einzelkämpfer. Kein Überflieger, aber ein Pedant.

Wie sieht für Dich ein „normaler“ Tag aus?

Die Sonne geht auf, ich werde viel zu spät wach, begebe mich über diverse Zwischenstopps in Bad und Küche an den Schreibtisch, surfe viel zu lange im Internet und wundere mich über viel zu viele Dinge, die es eigentlich gar nicht wert sind. Ich bemühe mich um ein ausgewogenes Mittagessen, vertrete meine Eltern in puncto Hundebetreuung, gehe meinen Hobbies nach und produziere alles in allem viel zu wenig Text.
Aber zur Abwechslung gibt es ja immer mal wieder auch diese gewissen »unnormalen« Tage …

Herrscht auf Deinem Schreibtisch eher Chaos oder Ordnung?

Ich sage mal – kontrolliertes Chaos. Mein Arbeitsplatz ist vielleicht nicht penibel geordnet, aber auch nicht mit überflüssigem Kram beladen. Was ich nicht brauche, wird meistens gleich weggeräumt, ich muss also nie irgend etwas suchen.

Während Deines Studiums warst Du auch in Neuseeland, welche Auswirkungen hatte die Zeit in Auckland auf Dich?

Neuseeland vereint nicht nur alle Naturschönheiten, die man sonst von den verschiedensten Teilen der Welt her kennt, auf kaum mehr als zwei größeren Inseln, sondern hat mit der University of Auckland auch eine der besten und renommiertesten Bildungsstätten auf der Südhalbkugel anzubieten. Nicht zuletzt begegnen sich im »Land der langen weißen Wolke« viele Kulturen, vor allem aber die polynesische, die asiatische und die europäische. Gerade Auckland ist eine unglaublich weltoffene, internationale Stadt. Mit anderen Worten, Auckland war von Anfang an mein absolutes Traumziel, dicht gefolgt von Kanada und Südafrika. Das Bewerbungsgespräch verlief eher unglücklich, und umso überraschter und himmelhochjauchzend war ich, als ich das Stipendium erhielt. Ich verbrachte zwei Semester »down under«, und ich kostete jede Sekunde voll aus. Ohne Übertreibung kann ich heute sagen, die Zeit in Auckland war die beste Zeit meines Lebens.

Leider war sie auch die schrecklichste. Ich war noch vollständig sozial eingebettet und keineswegs bereit für eine Rückkehr, da erreichte mich die Nachricht aus der alten Heimat, dass meine ältere Schwester nach einer plötzlichen, schweren Erkrankung im Sterben läge. Natürlich buchte ich meinen Rückflug sofort um. Zwei Tage später war ich wieder zu Hause.
Seither bin ich ein anderer Mensch – zumindest fühle ich mich so. Falls ich eines Tages nach Auckland zurückkehren werde, so wird dies mit großen Schmerzen und noch größeren Ängsten verbunden sein. Also rechne ich nie mehr damit – so sehr ich mich auch nach Neuseeland zurück sehne …

© Manuel Charisius

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Du spielst Flöte, Klavier und Gitarre – wann greifst Du zu welchem Instrument? Und wie unterschiedlich wirkt die Musik auf Dich?

Die Blockflöte war das erste Instrument, das ich überhaupt erlernt habe. Dank privatem Flötenkreis habe ich es bis in die späte Pubertät hinein auch regelmäßig gespielt, zumeist die Tenor- oder Bassstimme. Bis heute besitze ich aus jeder der fünf wichtigen Lagen ein Instrument, nur die Bassflöte fehlt. Allerdings habe ich erst in den letzten Jahren wieder öfter mal Blockflöte gespielt, meist zusammen mit Gitarren- oder Klavierbegleitung. Wie fast alle Blasinstrumente erlaubt es auch die Flöte ihrem Spieler, quasi einen großen Anteil seiner Persönlichkeit in den Klang hineinzuweben. Du gibst deinen Atem, und das Instrument wandelt ihn in Töne um. So lässt sich allein durch die Atmung eine unendliche Fülle von klanglichen Nuancen erzielen, die im Grunde nur noch von Sängern übertroffen wird.

Das Klavier kam dann gegen Ende der Grundschulzeit hinzu. An den Tasten habe ich wohl die meiste Übungspraxis. Unzählige Vorspielabende und Wettbewerbe wie Jugend Musiziert haben wir, d. h. Freunde und ich, im Zusammenspiel (Klavier vierhändig, zwei Klaviere, Klavier und Cello/Geige etc.) bestritten. Auch heute noch spiele ich regelmäßig, um meine Fingerfertigkeit weitgehend zu erhalten. Schmerzlich vermisse ich das gemeinsame Musizieren im Duo oder Trio, nachdem meine damaligen Spielpartner längst in aller Welt verstreut sind. Das Klavier ist für mich eine Art musikalisches Zuhause. Hier fühle ich mich wohl, hier kann ich mich voll entfalten. Und es ist dasjenige Instrument, bei dem ich auch heute noch den meisten Ehrgeiz verspüre. Wenn mir schon die Nachbarn beim Üben zuhören müssen, so sollen sie zumindest auch keine dilettantische Klimperei ertragen müssen.

Die Gitarre kam als letztes hinzu – autodidaktisch und ohne große Ansprüche. Ein paar Lieder begleiten zu können oder mal rasch ein paar neue Akkordfolgen auszudenken, das reicht mir schon. An der Gitarre kann ich entspannen, es ist für mich sozusagen ein reines Chill-out-Instrument. Um keine Gitarristen vor den Kopf zu stoßen: Mir ist natürlich voll bewusst, dass es jede Menge Literatur für die Gitarre gibt, darunter auch hochvirtuose Werke aller möglichen Länder und Epochen. Aber ich habe nicht den Anspruch an mich selber, diese einzustudieren – zumal ich derzeit leider nicht einmal ein eigenes Instrument besitze.

Gibt es ein Instrument, das Du gern noch spielen können würdest?

Neben der Querflöte, die mich schon als Jugendlicher gereizt hat – meine Mutter behauptete allerdings immer, dass sie den Klang nicht mag, also bekam ich auch keinen Unterricht –, würde mich prinzipiell mal ein Streichinstrument tieferer Lage interessieren, z. B. Cello oder Bratsche, zumal das Repertoire an Orchester- und kammermusikalischer Literatur ja ganze Bibliotheken füllt. Und dann ist da natürlich die »Königin der Instrumente«, die Orgel, für die man als Pianist die besten Voraussetzungen mitbringt. Vor vielen Jahren habe ich mich mal daran versucht, fühlte mich durch das zusätzliche Pedal jedoch recht schnell überfordert.

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Welche Rolle spielt Musik in Deinem Leben?

Sie hat mich seit frühester Kindheit begleitet und geprägt. Sie ist nichts weniger als lebenswichtig für mich.

Welche Musik hörst Du gern?

Am liebsten höre ich Musik, die mir auf schwer beschreibbare Weise Horizonte eröffnet – allermeistens ist das klassische Musik, aber nicht nur. Am besten rede ich nicht lange drum herum und gebe stattdessen ein paar Beispiele: Bach (z. B. h-Moll-Messe), Mozart (Klavierkonzerte, Jupiter-Sinfonie), Beethovens gesamtes Klavierwerk, fast alles aus der Romantik (Chopin, Rachmaninow, Borodin, Ravel, Schumann, Clara Schumann geb. Wieck, Mendelssohn-Bartholdy, Debussy, Brahms, Grieg usw.), des weiteren Mel Bonis (Mélanie Bonis), Darius Milhaud, Jean Sibelius, Paul Hindemith, Erwin Schulhoff, Scott Joplin, George Gershwin, Andrew Lloyd Webber, die Beatles, Peter, Paul and Mary, Simon & Garfunkel, Irisches und (pseudo-)Keltisches aller Art, Erich W. Korngold, Bert Kaempfert, Vangelis, alle mögliche Filmmusik bzw. Soundtracks … um nur einige zu nennen.

Was hat Dich zu „Weltenlied“ inspiriert bzw. kannst Du Dich noch an Deine ersten Ideen dazu erinnern? War der hohe Stellenwert der Musik von Anfang an geplant?

Die allererste Idee war die: Ein Junge verwandelt sich in einen Löwen. Sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Da war ich gerade 16 Jahre alt. Um ganz ehrlich zu sein, habe ich diese Idee vor Weltenlied schon einmal als erzählte Geschichte zu verarbeiten versucht; und in der Rückschau bin ich daran gescheitert. Die Musik spielte bereits in der ersten Fassung eine Rolle, allerdings wurde mir erst bei der Planung von Weltenlied der wahre Stellenwert bewusst, den die Flöte und ihre Macht in Bezug auf den Plot haben würden (und seit jeher hatten).

Nachdem sich Léun vor meinem inneren Auge erst einmal manifestiert hatte, ging mir auch seine Geschichte nicht mehr aus dem Kopf. Ich wusste, dass seine Geschichte die Geschichte ist, die ich erzählen muss, koste es, was es wolle. Und mir war klar, dass mein erster Versuch misslungen war. Diese Gewisssheit war ungelogen so schmerzhaft, dass sie mir Alpträume bescherte. Also beschloss ich noch vor dem Erscheinen von Streuner – und entgegen dem Rat meines damaligen Agenten – Léuns Geschichte erneut, das heißt, von Grund auf neu zu erzählen. Für meinen Ex-Agenten wohl ein Desaster, für mich als Autor jedoch eine Art Wiederverpuppung, die mich seither und auch in Zukunft guten Gewissens anstatt Zuckerwasser meine eigene Nektarquelle anfliegen lässt.

Erzähl uns doch bitte etwas über die Welt, in der die Geschichte spielt.

Nýrdan ist eine vermeintlich abgelegene Inselgruppe, in unseren Maßstäben gemessen etwa 2,000 km östlich von Lesh-Tanár gelegen – ja, genau dem Lesh-Tanár, in dem der Streuner Wolf und seine Kumpane ihr Unwesen treiben, wobei die Handlung von Weltenlied wiederum zu einer völlig anderen Zeit spielt …
Wie auch immer – zu Léuns Zeit (und auch lange vor- und nachher) ist Nýrdan eine isolierte Inselwelt, gelegen in einer eher subtropischen Klimazone (daher die Reisfelder und die vergleichsweise milden Winter), mit einem Nachteil: Düsterland, eine wirtschaftlich eher semi-erfolgreiche Region im Südosten, deren dampfmaschinenbasierter technologischer Fortschritt sich nicht jedem erschließt, weshalb die breite Unterstützung seitens der restlichen Bevölkerung auch eher auf sich warten lässt …

Warum Gestaltwandler?

Weil sie mich seit jeher faszinieren.

Es beginnt mit einem Löwen … Was verbindet Dich mit diesen Tieren? Oder hat das rein inhaltliche Gründe?

Kleine und große Katzen, insbesondere Löwen, begleiten und faszinieren mich, solange ich denken kann. Schon als Kind und Jugendlicher sammelte ich alle Bilder und Infos zu Großkatzen, die ich nur bekommen konnte. Das Raubtierhaus in jedem beliebigen Zoo zog mich immer magisch an, trotz des oft genug beißenden Geruchs. Nicht zuletzt wirkte der Disney-Film Der König der Löwen Mitte der neunziger Jahre wie eine Offenbarung auf mich, von C. S. Lewis’ Aslan ganz zu schweigen. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis mich Léuns Geschichte eines Tages treffen würde wie ein Blitz.

Meine Faszination für Großkatzen geht übrigens über Káor und seine Wahrnehmung (bzw. wie er von anderen wahrgenommen wird) weit hinaus: In Weltenlied habe ich eine menschliche Gesellschaft, nämlich die der Steppenläufer, den heutigen Erkenntnissen vom Leben realer Löwenrudel nachgebildet, in denen der Nachwuchs des getöteten Alpha-Männchens vom übernehmenden Männchen getötet wird. Dieser Vorgang, so schrecklich er auch sein mag, findet sich praktisch unverändert (und unhinterfragt, wie in unserer Welt kein Löwe Fragen stellen würde) in der Kultur der Steppenläufer wieder.

© Manuel Charisius

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Wenn Du Dich in ein Tier Deiner Wahl verwandeln könntest, welches würdest Du wählen und warum?

Einen (männlichen) Löwen. Und irgendwie bin ich innerlich von Geburt an einer, auch wenn ich, biologisch gesehen, zu den Trockennasenaffen zähle. Weil ich mich als Löwe geboren fühle.

Gibt es in dem Roman eine Figur, die Dir besonders am Herzen liegt?

Ja: Léun. Er ist ein wesentlicher Teil meines Alter Egos in Weltenlied (lies meinen Vornamen mal rückwärts …). Aber er ist nicht der einzige Teil. Alle Figuren im Roman sind irgendwie mit mir verbunden. Von daher schlägt auch mein Herz nicht nur für Léun, sondern für sie alle.

An welchem Ort in Nýrdan würdest Du Dich gern eine Weile aufhalten? Und warum?

Das ist leicht: Die Stadt Urtán am Großen Salzsee wäre für mich der Ort erster Wahl. Urtán ist in Nýrdan eine Art Weltstadt, ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen, fast wie Auckland in unserer Welt. Davon abgesehen würde ich jederzeit gerne Léuns Heimat Grüntal, die Geisterstadt im Zentrum von Mittwald und natürlich Schloss Larkhâ besuchen – Letzteres ist, wie ich aus sicherer Quelle weiß, für Touristen jederzeit geöffnet (auch wenn das im Roman nicht unbedingt deutlich wird)!

Gibt es Vorbilder für die Musik in „Weltenlied“?

Vorbilder nicht, vielmehr habe ich einige der Musikstücke und Lieder, von denen im Roman die Rede ist, selber auskomponiert.

Was denkst Du über die magische Kraft der Musik?

Deine Frage nimmt meine Antwort schon vorweg: Ich halte Musik – ebenso wie übrigens auch jede Geschichte und jedes Kunstwerk, ob nun mündlich, schriftlich oder bildlich überliefert – für eine real erfahrbare (wenn nicht die einzige!) Form von Magie. Ein Notenblatt mit dem Hauptthema von Smetanas Moldau, eine nordische Saga wie die um Gísli Súrsson, die Höhlenmalereien von Lascaux, ein Ballett wie Tschaikowskis Schwanensee, ein Gemälde wie die Mona Lisa, eine Statue wie Michelangelos David, die Büste der Nofretete, die Venus von Willendorf – all diesen beispielhaft genannten Meisterwerken menschlicher Schöpfungskraft wohnt ein Zauber inne, der sie die Zeiten trotz aller Widrigkeiten hat überdauern lassen. Das ist wahre Magie, finde ich.

© Manuel Charisius

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Auf wie viele Teile ist die „Saga der Zwölf“ angelegt?

Bei der Planung schwebte mir tatsächlich ein monumentales Epos von exakt zwölf Bänden vor – jeweils ein Teilband sollte die Geschichte eines der zwölf Gestaltwandler erzählen, bis sie dann im Finale endlich zusammenfinden. Diese Idee habe ich bereits beim Schreiben von Weltenlied verwerfen müssen, da sich herausstellte, dass die Zwölf viel enger miteinander verbunden sind als gedacht. In Weltenlied kommen ja bereits vier von ihnen vor, von denen zwei mit diesem ersten Band »ihre« Geschichte erleben. Ich gehe davon aus, dass auch in zukünftigen Bänden immer mehr oder weniger kleine Gruppen der zwölf Gestaltwandler zum Zug kommen werden. Band zwei, so viel kann ich schon verraten, wird in der Zeit zurückgehen und sich der recht dramatischen Geschichte um Báss den Schwarzbären und Barúka den Schwertfisch widmen.

Wo schreibst Du am liebsten? Brauchst Du dafür Ruhe oder begleitet Dich Musik?

Der Ort spielt eigentlich keine Rolle. Ob nun am Arbeitsplatz zu Hause in meiner Dachwohnung, am Küchentisch meiner Eltern oder auf dem Balkon – wenn ich schreibe bzw. Texte für andere erstelle, verblasst die Umgebung um mich herum. Als ich noch studiert habe, bin ich öfter mal ins Uni-Rechenzentrum gegangen. Die Arbeitsatmosphäre in den Poolräumen hat mich immer sehr motiviert. Einige Kapitel aus dem vorderen Teil von Streuner sind dort entstanden. Ruhe brauche ich beim Schreiben fast nur im Hinblick auf gesprochene Sprache. Wenn sich Leute in Hörweite unterhalten oder ein Radio vor sich hin quasselt, bringt mich das aus dem Konzept. Einen semantisch neutralen Lärmpegel kann ich zu einem gewissen Grad tolerieren. Dagegen ist Musik für mich stets willkommene Inspiration und Unterstützung, um etwa die emotionale Tragweite einer Szene im Text festzuhalten. Die Stelle in Weltenlied, als Ciára in einer fremden Stadt verkleidet auf Léun wartet – eigentlich sogar fast das ganze Kapitel – ist zu zwei bestimmten Tracks von einer CD mit keltischem Folk entstanden, die in einer Endlosschleife abwechselnd liefen. Auch die Passage auf der Sturmpflug und viele der Kapitel, die aus Ríyuus Perspektive erzählt sind, hatten sozusagen ihren jeweils eigenen »Soundtrack«.

© Manuel Charisius

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Was ist Dir beim Schreiben wichtig? Was möchtest Du dem Leser vermitteln?

In Bezug auf meine eigenen Texte wünsche ich mir, dass sie den Menschen etwas geben. Dass du als Leser nach dem letzten Satz innehältst und das Gefühl hast, etwas mitzunehmen, was dich als Individuum bereichert. Und dass du das Buch irgendwann wieder aufschlägst und es noch einmal von vorne liest. Ich will keine Bücher schreiben, die sich in einer Nacht weglesen lassen und am nächsten Tag vergessen sind (und übrigens kann ich es auch nicht – ich habe es mal versucht und bin nach zwanzig Seiten gescheitert). Was jeder Leser für sich mitnimmt, ist übrigens nicht im Text bewusst oder unbewusst angelegt. Meine Bücher haben keine »Message«. Vielmehr ist es für jeden Menschen verschieden und absolut individuell, was meine Geschichte mit dir macht.

Was war bisher Dein schönstes Erlebnis als Autor?

Hm … schwierig. Klar, es gab ein paar echte Highlights, aber die meisten Dinge, von denen praktisch jeder Autor träumt – mehrere Auflagen, die limitierte Prachtausgabe des Erstlings, ein bedeutender Literaturpreis, die Übersetzung ins Englische — sind für mich bislang Träume geblieben. Eines der schönsten Erlebnisse war sicherlich, auf der Leipziger Buchmesse vor über einhundert Fantasy-Fans aus dem Streuner-Manuskript lesen zu dürfen. Das war im Jahr 2009. Seither sind mir zwei unterzeichnete Verlagsverträge, das Heyne-Paket mit den ersten gedruckten Ausgaben von Streuner sowie jede einzelne lobende Rezension eines meiner Bücher besonders im Gedächtnis geblieben.

Welche Autoren-Macken hast Du?

Wenn ich Bücher signiere, ärgere ich mich immer über meine ungelenke Handschrift und würde das gerade signierte Exemplar am liebsten gar nicht weitergeben.

© Manuel Charisius

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Was macht Dir als Selfpublisher am meisten Freude – und was magst Du nicht so?

Am meisten schätze ich die freie, unbeschränkte Arbeitszeit, die für jedes Projekt zur Verfügung steht. Es macht mir viel Freude, eigene Texte in die Schublade zu legen und erst nach vier Wochen oder noch länger wieder anzuschauen, sie umzuarbeiten und daran zu feilen. Diese Phase der Arbeit, das umfassende Redigieren von vorhandenem Text, ist fast immer die produktivste. Erfahrungsgemäß profitiert das Endprodukt auch am meisten davon. Zudem habe ich großen Spaß an der Gestaltung von Layout und Cover, der Kapiteleinteilung, der Titelfindung, dem Verfassen von Teasern und Klappentexten und so weiter. Weniger gut dagegen bin ich in Sachen Werbung und Marketing. Sehr zurückhaltend bin ich mittlerweile auch, was den direkten Austausch mit anderen »Selfpublishern« (ich mag das Wort nicht) angeht – der immense Bücher-Output, der Eindruck allumfassender Kompetenz, das nach außen hin turmhohe Selbstbewusstsein und noch einiges mehr, was viele Autoren in diesem Bereich auszeichnet, all das wirkt auf mich einschüchternd, weckt meinen Fluchtinstinkt.

Was liest Du selbst gern? Welche Bücher, in denen Musik eine wichtige Rolle spielt, würdest Du empfehlen?

Als Leser bin ich nicht auf ein bestimmtes Genre beschränkt. Früher habe ich viel Fantasy gelesen, mit den meisten zeitgenössischen Vertretern der Sparte kann ich jedoch wenig anfangen. Heute lese ich alles, was mich interessiert, vom literarisch ambitionierten SF-Drama über den Gesellschaftsroman der sechziger Jahre bis hin zum kosmologischen Sachbuch.

Musikalisch inspirierte Bücher, die ich empfehlen würde, sind z. B. Hans Bemmanns Märchenroman Stein und Flöte, in dem ein Mensch die Sprache verliert und sich erst mit Flötenmelodien wieder zu äußern vermag; der erste Band der Narnia-Chroniken von C. S. Lewis, Das Wunder von Narnia, in dem der Löwe Aslan durch seinen Gesang die Welt erschafft; Dietmar Daths preisgekröntes Meisterwerk Die Abschaffung der Arten (der musikalische Bezug ergibt sich erst beim Lesen); Maarten ’t Harts großartige Autofiktion Das Wüten der ganzen Welt, deren halbwüchsiger Ich-Erzähler an einer Stelle angesichts eines wertvollen Klaviers, auf dem er unbedingt spielen will, eine Erektion bekommt; Hella Streichers Höhere Welten, ebenfalls ein autofiktionaler Text, der eine lesbische Liebesbeziehung, die Wende ab 1989, den Wahnsinn sowohl des Alltags der späten achtziger und frühen neunziger Jahre als auch der Lehre Rudolf Steiners, der sogenannten Anthroposophie, zum Thema hat; und nicht zuletzt Lars Vollmers pointierter, witziger Business-Ratgeber Wrong Turn, aus dem mir die Umschreibung »erster Draht, drittes Feld« (gemeint ist der Basston G auf der Gitarre) noch jetzt, nach fast zwei Jahren der Lektüre, im Gedächtnis präsent ist und mich abermals schmunzeln lässt.

Woran arbeitest Du gerade?

Daran, besser zu werden.

Herzlichen Dank für das Interview und Deine Geduld!

Ich habe zu danken!

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