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... in meiner ganz persönlichen Bücherwelt! Mein Schwerpunkt liegt bei deutschen Fantasy-Autoren, weil mich ihre Bücher begeistern und ich finde, dass sie nicht genug Aufmerksamkeit erhalten.

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Einträge in der Kategorie fantastischer Adventskalender

[Fantastischer Adventskalender 2015] Türchen 24

24

Und schon sind wir beim letzten Türchen angelangt! :) Heute verlose ich etwas sehr individuelles, einen von mir gestalteten Kalender im A4-Querformat mit selbst geschossenen Fotos. Es gibt nur 7 Stück davon – und einer ist für euch. Ein kleiner Eindruck:

Kalender 2016

Um an der Verlosung teilzunehmen, müsst ihr 18 Jahre alt sein, in Deutschland wohnen und mir bis zum 31. Dezember 2015 als Kommentar mit Angabe eurer eMail-Adresse folgende Frage beantworten:

Habt ihr gute Vorsätze für das nächste Jahr?

Viel Glück! :)

Und jetzt wünsche ich euch ein fröhliches Weihnachtsfest! Habt eine schöne Zeit, lasst euch nicht stressen und genießt das Zusammensein mit euren Lieben.

Weihnachtsgruß

Zuletzt noch etwas zum Grinsen, zumindest trifft Herr Sträter voll mein Humorzentrum. Lachflash nicht ausgeschlossen. ;)

[Fantastischer Adventskalender 2015] Türchen 23

23

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Fabienne Siegmund, von der ich zuletzt „Das Nebelmädchen“ gelesen habe. Ein modernes Märchen mit tollen Ideen und einer wunderbaren Atmosphäre, das mich beeindruckt hat.

© Fabienne Siegmund

© Fabienne Siegmund

 

Fabienne Siegmund wurde im März 1980 geboren und lebt heute in der Nähe von Köln. Zunächst versuchte sie sich als Kinderkrankenschwester und Buchhändlerin, ehe sie eine Ausbildung als Bürokauffrau bei einem Hörbuchverlag abschloss.

Die begeisterte Leserin von fantastischen und märchenhaften Stoffen hat sich schon früh Geschichten erdacht und schreibt diese mittlerweile auf.

 

 

Plätzchen!

Diese Plätzchen habe ich früher immer mit meiner Oma gebacken. Heute backe ich sie dann für sie.

Butter-Mandel-Schnitten

Zutaten:
200 g Butter
200 g Zucker
100 g gemahlene Mandeln
100 g gesiebtes Mehl
100 g Haferflocken
5 Eier
100 g Mandeln in Scheiben

Butter und Zucker schaumig rühren. Die Eier trennen, die Eigelb abwechselnd mit dem Mehl zu der Butter-Zucker-Masse rühren. Zuletzt die Haferflocken hinzufügen.
Das Eiweiß schaumig schlagen und vorsichtig unter die Masse heben und im Anschluss gleichmäßig auf ein gefettetes und bemehltes Backblech verteilen.
Die Mandelscheiben drüber verteilen und alles mit Zucker bestreuen.

Bei 200 Grad C goldbraun backen und noch warm in beliebig große Teile schneiden.

Ich danke meiner Oma für all die wunderbaren Stunden und wünsche ein Frohes Weihnachtsfest!

LG
Fabienne

© Fabienne Siegmund

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[Fantastischer Adventskalender 2015] Türchen 22

22

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich eine Verlosung zur Wintersonnenwende! Heute wird die Wiedergeburt des Lichts gefeiert – ein hoffnungsvolles Fest, das für mich auch immer eine besondere Stimmung hatte.

Wintersonnenwende?

Nach einem halben Jahr, in dem die Tage immer kürzer und die Nächte immer länger wurden, nimmt die Sonnenstrahlung wieder zu. Das Licht kehrt zurück und setzt den Kreislauf aus Werden und Vergehen fort. Nach langer Dunkelheit beginnt das Leben neu – mitten im Winter.

In vielen antiken und frühmittelalterlichen Kulturen wird für den Zeitpunkt, an dem die Tage wieder länger werden, ein Fest gefeiert. Die Sonnenwendfeste haben vor allem in den germanischen, nordischen, baltischen, slawischen und keltischen Religionen einen festen Platz.

Verlost wird ein Überraschungspäckchen, zu dem ich ein paar Hinweise gebe:

  • Es ist kein Buch mit dabei, aber ein besonders schönes Zubehör für alle Leseratten.
  • Es gibt auch etwas zum Genießen. Und zum Verwöhnen.
  • Ein Bestandteil hat ein Drachen-Motiv.
  • Farben: Weiß, silber, blau, grün.

Um an der Verlosung teilzunehmen, müsst ihr 18 Jahre alt sein, in Deutschland wohnen und mir bis zum 29. Dezember 2015 als Kommentar mit Angabe eurer eMail-Adresse folgende Frage beantworten:

Auf welche im nächsten Jahr erscheinenden Bücher freut ihr euch besonders?

Ich wünsche euch viel Glück! :)

[Fantastischer Adventskalender 2015] Türchen 21

21

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Astrid Rauner, die nicht nur historische und phantastische Geschichten schreibt, sondern 2014 auch erstmalig als Herausgeberin für die Anthologie „Die Götter des Imperiums“ aktiv wurde. Aktuell sucht sie zusammen mit Silke Alagöz und dem Verlag Torsten Low fantastische Geschichten vom Rand der Welt (Einsendung bis zum 30. April 2016).

© Astrid Rauner

© Astrid Rauner

 

Astrid Rauner wurde 1991 in der hessischen Wetterau geboren und hat in Gießen Umwelt- und Ressourcenmanagement studiert. Seit dem Abschluss ihres Studiums im Jahr 2013 arbeitet sie als Grundwasserschutzberaterin in der Landwirtschaft.

Ihre große Leidenschaft gilt der Vor- und Frühgeschichte Europas. Zum Thema Kelten und Germanen hat sie bereits fünf Romane veröffentlicht, in welchen historische Lücken auch gern mit phantastischen Elementen gefüllt werden.

 
 

Der Spinnfaden

Die alte Frau hatte am Morgen nach der Sonnenwende auf der Türschwelle gestanden. Die wilde Jagd hatte in der Nacht zuvor den alten Sagen alle Ehren machen wollen und war voll Inbrunst mit dem Sturm in die Fichtenwälder gefahren. Dort hatte er den vielen Schnee, der in den Wochen zuvor die Wipfel beschwert hatte, von den Ästen der Nadelbäume geblasen, sodass über die einzige Straße aus dem Dorf hinaus kein Auto mehr fahren konnte. Vermutlich war die Alte nach dem Sturm an diesem abgelegenen Ort gestrandet.
„Ich weiß, das ist ungewöhnlich sowas heutzutage zu fragen“, hatte die Alte begonnen, „aber ich suche tatsächlich nach einer Bleibe für die Nacht. Das Gasthaus hat nicht mal mehr ein paar Quadratmeter für eine Schlafmatte frei.“ Ihr Lachen klang rau, aber herzlich. Es steckte sogar Idas Großmutter an, die die Fremde an der eigenen Haustür empfangen hatte, dennoch trat die ältere Dame von einem Fuß auf den anderen und gab ihren Hauseingang nicht frei. „Haben Sie es schon in der Kirche versucht?“
„Der Herr Pfarrer scheint selbst ein paar Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Seine Haushälterin meinte jedenfalls, nach den starken Schneefällen kommt er nicht vor übermorgen zurück.“
Idas Großmutter kräuselte die Lippen. Sie versuchte kläglich zu verbergen, wie unwohl ihr das Zögern auf die Bitte der Fremden war. Denn ihr war anzusehen, dass sie keine Bedürftige an der Tür abweisen wollte. Die Kleidung der alten Frau war durchweicht. Über ihrem langen Wollmantel, der an Kragen und Ärmeln Fransen zog, lagen strähnige, graue Locken. Idas Großmutter jedoch hatte Sorge: „Halten Sie mich jetzt nicht für ängstlich, aber Sie verstehen bestimmt, dass es heutzutage nicht ganz ungefährlich sein kann, wenn man fremde Leute ins Haus lässt.“
„Ich verkaufe Ihnen schon keinen Staubsauger“, lachte die Alte und hielt in der Bewegung inne, auf einmal ihren Geldbeutel aus der Manteltasche kramend. Idas Großmutter glaubte bereits, die Fremde wollte ihr Geld anbieten. Stattdessen aber drückte die Alte der unsicheren Gastgeberin das Portemonnaie einfach in den Hand. „Nehmen Sie es als Pfand“, meinte die Fremde. „Da ist alles drin, Geld, Geldkarten. Ohne das Ding komme ich von hier schlecht weg. Also einigen wir uns darauf – ich vertraue Ihnen und Sie vertrauen mir?“
Diese Geste schien Idas Großmutter schließlich zu erweichen. Fast etwas beschämt ließ sie die Fremde hinein und lud sie ein, sich an den Küchentisch zu setzen. Die Familie, Idas Eltern, ihr Großvater und die junge Frau selbst hatten gerade das Mittagessen beendet. Die Suppe, die übrig war, ließ die Fremde sich schmecken.

Im Haus von Idas Großeltern zog es furchtbar durchs Dach. Ihre Mutter hatte den Großvater Dutzende Male zu überreden versucht, endlich einen Dachdecker kommen zu lassen. Aber vieles Nötige kostete Geld und das Geld war noch nie in reichen Mengen über die Familie gekommen. So pfiff es auch an jenem Dezemberabend entsetzlich durch den ersten Stock. Zwischen den Dachbalken heulte der Sturm und wirbelte Schnee an den Fensterscheiben vorüber. Hier oben, im ersten Stock, schien die Zeit zwischen den schweren Eichenschränken und Leinengardinen stehen geblieben. Das trübe Winterlicht erhellte nur eine alte Öllampe. Irgendetwas stimmte mit den Elektroleitungen nicht. Und Idas Großvater fehlte auch das Geld für einen Elektriker.
Trotz allem saß sie hier, eng in eine Wolldecke gekuschelt. Unten in der Küche klapperten Töpfe, während ihre Mutter und Großmutter in ein leises Gespräch vertieft waren. Nach allem, was sie verstehen konnte, stritten sie über die vielen Laternen, die Großmutter am Abend zuvor trotz des fürchterlichen Wetters im Garten zu entzünden versucht hatte. „Damit uns die Wilde Jagd nicht heimsucht“, hatte Idas Großmutter sich zu erklären versucht. Idas Eltern hingegen hatten nur kopfschüttelnd angeregt, die beiden alten Leute mochten doch endlich das Haus in diesem gottverlassenen Tal verkaufen und endlich zu ihnen in die leere Kellerwohnung ziehen. In das Haus in dem teuren Neubauviertel. Idas Eltern wohnten weit weg von hier. Die Autobahn, über die sie knapp zweihundert Kilometer nach Süden gefahren waren, schnitt sich in der Ferne als betonfarbene Schlange durch den ewigen Wald.

Ida kannte die immer gleichen, ermüdenden Diskussionen. Deshalb saß sie trotz der Kälte hier oben bei der Öllampe. Das kleine Dorf lag zu weit draußen in den Wäldern, um vernünftiges Internet zu empfangen. Allein dafür liebte Ida diesen Ort. Er hielt sie fern von den Sorgen, die zuhause auf sie warteten. Entscheidungen, die sie nicht treffen wollte. Würfel, die längst gefallen waren. Jemand, der verzweifelt auf ihren Anruf wartete. Die junge Frau schielte zu ihrem nutzlosen Handy. Vor ein paar Tagen hatte sie es ausgeschaltet. Handyempfang gab es hier nämlich sehr wohl. Sie war jedoch froh, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Sie war froh, bei ihren Großeltern zu sein, in jenem uralten Haus, und gemeinsam mit ihren Verwandten die Feiertage zu verbringen. Bis Weihnachten waren es noch drei Tage. Und obgleich der Sturm vom Winter sang und das Dorf unter einer Schneedecke begrub, wurde die Welt mit jedem Tag stiller.

Dazu verhalf auch, dass Ida sich eine entspannende Beschäftigung gesucht hatte. Die junge Frau hatte schon vor Jahren ein Überbleibsel aus der guten alten Zeit entdeckt, mit dem es sich vortrefflich die Stunden vertreiben ließen. Auch heute hatte Ida es vor sich hingestellt, ihrer Großmutter altes Spinnrad. Obwohl Ida die alte Handwerkskunst übers Jahr nicht übte, brauchte es nur wenige Versuche, bis sie das Rad in gleichmäßigem Takt zum Laufen brachte. Vom vergangenen Jahr noch hatte sie sich einen Faden zurückbehalten, den sie als Anfang ihres neuen Werkes über die leere Spindel gewickelt hatte. Dann trat sie auf das Trittbrett, zog vorsichtig den Faden zur Spindel. Der Schäfer im Dorf wusste längst durch ihre Großmutter von Idas temporärer Leidenschaft und legte ihr bereits im Sommer schon immer etwas Wolle zurück.
Eben diese verwandelte sich unter ihrem gleichmäßigen Ziehen Stück für Stück in einen Faden. Jedes Jahr verbrachte sie die Vorweihnachtszeit mit der Wolle und doch war auf eine gewisse Weise in diesem Jahr alles anders. Idas Herzschlag schien sich heute direkt dem Takt des Spinnrades angepasst zu haben. Sie saß seit Stunden im Stillen und spann all ihre Gedanken aus ihrem Kopf heraus zu einem Faden, der sich nun glücklich nicht mehr um ihr Gewissen zusammenzog, sondern um eine alte Holzspindel, Tritt für Tritt, mit jedem leisen Klacken. Wurde diesmal zum Echo ihrer Sorge. Ich liebe dich doch. Ich will an deiner Seite sein. Warum tust du nichts? Warum rettest du das Leben nicht, das wir uns aufgebaut haben. Ich liebe dich doch. Ich will an deiner Seite sein…

„Ach hier bist du!“
Die Stimme ließ Ida über ihrer Arbeit hochschrecken. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie ihre Großmutter über die alte Holztreppe in den ersten Stock gekommen war. Nun jedenfalls stand sie in der Tür, den Griff noch in der Hand, und ließ den verführerischen Duft nach Braten und Würzwein in den Raum hineinwehen.
„Kind, ich hab dir gesagt, du sollst zu dieser Zeit nicht spinnen.“
„Ich denke, deine Frau Holle, der du letzte Nacht so viele Laternen angezündet hast, liebt fleißige Spinnerinnen,“ lachte Ida ohne den Blick vom Faden zu nehmen, ihre Großmutter stimmte darin jedoch nicht ein.
„In den Zwölfnächten spinnen nur Hexen, Mädchen, das erzähl ich dir schon, seit du klein bist.“
„Dann kann ich ja mal versuchen, einen Zauber in den Faden zu spinnen, meinst du nicht?“ Ida hatte gehofft, mit der Witzelei auch ihrer Großmutter ein Lächeln auf die strengen Züge zu zaubern. Die aber musterte das Handwerk ihrer Enkelin nur sorgenvoll und war bereits aus der Tür verschwunden, als Ida endlich von ihrer Arbeit aufsah.

Eigentlich war Essenszeit. Draußen folgten leise Schritten jenen der Großmutter nach. Es musste die fremde Frau sein, die sich gestern als Übernachtungsgast eingeladen hatte. Der Schneepflug hatte die Straße aus dem Dorf heraus zwar freigeräumt, jeder Autofahrer aber, der sich auf die über Nacht erneut vereisten Straßen traute, musste damit rechnen, nach wenigen Metern in den Straßengraben zu schlittern. Da half auch das viele Streusalz nichts.
Die Alte war daher noch hier. Ein wortkarger Gast, dessen Anwesenheit zum Glück die ewig gleichen Streitereien fern hielt. Ida hätte der Dame eigentlich in die Küche nachfolgen sollen, doch es gab nichts, das sie in die Gegenwart ihrer Familie zog.
Stattdessen hing ein Name im Raum. Ida hätte ihn am liebsten vergessen gewünscht. Er war nicht hier, er konnte sie nicht erreichen. Wahrscheinlich hatte er längst seine Kisten gepackt und war aus ihrem Leben verschwunden. Ihr eigener Scherbenhaufen war groß genug, dass sie ihn nicht an einem Tag würde wegkehren können. Da brauchte sie an seinem nicht auch noch herum räumen. Ich liebe dich doch.

Auf die Spindel sank eine Träne nieder. Schnell drehte Ida das Rad an und brachte es mit einigen Tritten wieder zum sirren. Träne für Träne spann sie in ihren Faden, hoffte, dass das Zurückgelassene aus ihren Gedanken verschwinden würde. Doch Wort für Wort kehrten ihre Gedanken wieder, spannen sich wie ein Omen in das Spinnwerk. Einen Zauber in den Faden spinnen. Ida lachte leise schluchzend darüber.
Er bringt dich doch nicht wieder. Es war schon vorüber. Nichts gab es, das Ida noch retten konnte, nur noch begraben, abschließen, wie auch immer sie dazu in der Lage sein sollte. Ihr Gesicht spiegelte sich in der dunklen Vitrinenscheibe, oder war es seines? Plötzlich nur ein leises Geräusch, ein winziger Ruck, der Faden, der unter ihren Fingern riss. Dann ein Knall, ein Knacken. Erschrocken riss Ida die Hand von der Spindel, sprang auf und versetzte dem Spinnrad einen Ruck, dass dieses ins Kippen kam.
Klappernd landete das Holzrad auf dem Boden. Die Spindel flog aus ihrer Halterung und kullerte durch den Raum, das der ganze lange Faden sich über den Bodendielen aufwickelte. Ida aber wagte nicht, sich zu regen. Die Scheibe, sie war eben noch klar und dunkel gewesen. Angstvoll krallte die junge Frau ihre Finger in die Sessellehne, bis ihre Spitzen taub wurden. Ein langer Riss hatte im gleichen Moment, da der Faden nachgegeben hatte, die Scheibe in der Mitte gespalten. Etwas heißes tropfte über ihre Lippe, schmeckte metallisch. Blut? Sie blickte auf ihre Handflächen, fuhr sich über das Gesicht. Keine Verletzung. Ganz langsam stand Ida aus dem Sessel auf. Kälte legte sich lähmend auf ihre Glieder, eine namenlose Angst plötzlich wie das Echo der unheilvollen Worte ihrer Großmutter. Mit spitzen Fingern hob sie den Wollfaden vom Boden. Bis zur Spindel war er blutverschmiert.

„In den Rauhnächten spinnt man nicht, hat dir das niemand gesagt?“
Ida fuhr hoch. Die Wucht der Bewegung ließ sie beinahe das Gleichgewicht verlieren. Erschrocken stolperte sie zwei Schritte rückwärts, bis ihr gewahr wurde, das die fremde Frau in der Tür stand, ihr Gesicht halb im Schatten des Flures verborgen. Wie aus einem Reflex versuchte Ida sich zu verteidigen: „Es ist doch nur ein Wollfaden!“ Kaum aber, da ihr diese Worte über die Lippen gesprungen waren, glaubte sie sie selbst nicht mehr.
Langsam trat die Alte aus dem Dunkel zu ihr ins Licht der Öllampe. Der fahle Schein malte ihre faltigen Züge noch tiefer. Dennoch schien sie in diesem Augenblick älter und zur gleichen Zeit jung, wie kein gewöhnlicher Mensch es sein konnte. „Nach der Sonnenwende bricht die Zeit zwischen den Zeiten an. Nur Götter arbeiten zu dieser Zeit am Spinnrad. Sie können ein ganzen Leben weiterspinnen, aber nur mit dem, was die Menschen ihnen geben. Du hattest ein ganzes Jahr Zeit, den Spinnerinnen eine Richtung zu geben, wohin der Faden deines Lebens laufen soll. Jetzt ist es zu spät dafür.“
„Was ist das hier?“ Ida bemerkte plötzlich, dass sie weinte, als sie mit einem Finger fast angeekelt, den blutigen Faden in die Höhe hielt. Die Alte trat an die heruntergefallene Spindel und wickelte mit strenger Miene die Wolle auf. „Ein verkommenes Werk. Du kannst ein ganzes Leben verfluchen, wenn du deine Unfähigkeit in einen Lebensfaden spinnst.“

„Ein Lebensfaden?“
„Den Flachs und die Wolle spinnst du übers Jahr, jetzt spinnen die Götter Leben. Kein Mensch ist dieser Tage im Stande, darin einzugreifen. Aber wer es doch versucht, für den kann es böse enden. Was hat dein Liebster getan, dass du ihn auf solche Weise zu beschwören versuchst?“
„Ich… wir haben uns nichts mehr zu sagen. Ich wünschte, wir könnten so viel klären, aber es macht keinen Sinn mehr, darüber zu reden…“
„Oh nein, meine Liebe, eben das wirst du tun!“
Die Alte hob das Spinnrad vom Boden und setzte sich auf den Sessel, auf dem noch Idas zerwühlte Decke lag. Sie steckte die Spindel zurück in ihre Halterung und zupfte eine Hand voll neue Wolle locker. Irritiert beobachtete Ida sie bei ihrem Tun. „Ich dachte, Spinnen in den Rauhnächten bringt Unheil?“
„Das hat es bereits,“ gab die Fremde zurück und sah streng über der Wolle hervor. „Du wirst es nun zu Ende bringen. Oder willst du deinen Liebsten verfluchen?“
„Nein,“ krächzte Ida erstickt.

„Dann komm her und nimm die Wolle!“
„Wer sind Sie?“, keuchte Ida, während sie mit wackelnden Knien an die Fremde herantrat. Diese hob den Blick nun nicht mehr von ihrer Arbeit. „Ich bin eine Mutter. Die Gefährtin eines Jägers. Eine Gärtnerin. Eine Weberin. Heute bin ich die Spinnerin.“
Nun blickte sie Ida direkt in die Augen. Ihre Iris schimmerten schwarz und rabengleich. „Erzähl mir von deinem Liebsten.“ Sie drückte Ida die lose Wolle in die Hände, zog sie so weit, dass sie ein Ende mit den eigenen Fingern an den bestehenden Faden andrücken konnte und begann zu spinnen.
„Er…“, begann Ida zögerlich „… er und ich waren jetzt fast fünf Jahre ein Paar. Wir sind letztes Jahr zusammengezogen und…“
Ein Stechen, ein Schmerz, Ida wollte die Wolle fallen lassen, doch die Alte fuhr sie an: „Lass nicht los und erzähl weiter!“
Blutfäden rannen unter der Wolle aus Idas Handflächen heraus. „Du hast den jungen Mann lang genug für deine Trägheit bluten lassen, meinst du nicht? Es ist Zeit, auszusprechen, was längst hätte gesagt sein sollen!“
Jedes ungesagte Wort ein Blutstropfen, jede verschobene Gelegenheit ein Schnitt. Ich liebe dich doch.

„Ich liebe ihn. Ich glaube, das habe ich ihm viel zu selten gesagt…“ Ida blutete. Jedes Wort wurde zu einem neuen Schnitt in ihren Handflächen, färbte die Wolle, die die Fremde zu einem roten Faden verspann. Tag für Tag der vergangenen Jahre zog gemeinsam in ihnen vorüber. Bilder drängten sich aus den Tiefen ihres Geistes hervor, die sie schon seit Wochen wegwünschte, die kaum zu ertragen waren. Ida weinte, um all den Streit, um die Untätigkeit, die so viel Glück hatte zerbrechen lassen, um die viele, ungenutzte Zeit…
So senkte sich der Abend über die Wälder, legte die Dunkelheit in den Raum, die nur noch von der Öllampe durchdrungen war. Wie aus einer fremden Welt hörte Ida, dass jemand sorgenvoll die Treppe hinaufkam, durch den Türschlitz hineinspähte, jedoch nicht wagte, in den Raum zu treten. Tiefste Nacht war es, als Ida endlich spürte, dass alles gesagt war und die Alte die Spindel anhielt.

Ida fühlte sich ausgelaugt. Ihre Handflächen brannten feuergleich. Endlich nun, da sie die verschmierte Wolle ablegen durfte, versuchte sie das Blut an ihrem Rock abzuwischen. Die Berührung allein ließ ihr jedoch übel werden vor Schmerz. Ungerührt hatte die Alte währenddessen die Spindel aus dem Spinnrad genommen und das Ende des Fadens abgeknotet. Es war der beste und gleichmäßigste Faden, den Ida je gesehen hatte. Blutrot schien er selbst im Zwielicht von innen heraus zu leuchten, spiegelte all die Bilder wieder, Idas Erinnerungen, die die Fremde hinein gesponnen hatte. Ein ganzes Stück Leben.
„Kein Mensch darf ein Leben spinnen,“ sagte die Alte darauf, als hätte sie die Gedanken der jungen Frau gelesen. „Das hier…“ Sie hielt Ida die Spindel hin. „Darf nicht sein.“
„Und was soll ich jetzt tun?“
Die fremde Frau antwortete nicht. Stattdessen erhob sie sich aus dem Sessel und lief mit der Spindel in der Hand die Treppe hinunter in die leere Küche. Alle anderen Bewohner des Hauses hatten sich längst ins Bett begeben. Ida war sich sicher, dass ihre Großmutter noch kein Auge zugetan hatte. Doch als störe jeder einzelne von ihnen ein heiliges Ritual, wagte niemand es, aus seinem Schlafzimmer zu treten. Ida fand die fremde Frau in der Küche vor dem Kaminofen. Sie hatte die Klappe geöffnete und wartete nun, der jungen Frau die Spindel hinhaltend.

„Du musst es verbrennen!“
„Verbrennen?“ Entsetzt dachte Ida an all die Schmerzen, die es gekostet hatte, diesen Faden zu spinnen. Jeder, der ihn sah, musste wissen, dass er mehr war, als ein Stück Wolle. Er war der Beginn eines gemeinsamen Lebens, Jahre an ungesagten Worten, an Verwünschungen und Liebesschwüren. Ida hatte versucht, das Ungesagte in einen Faden zu spinnen, um es endlich aufgehoben zu machen, die Streitereien zu beenden, wegzuwerfen, was viel zu teuer war.
„Nur weil du dich eines alten, viel zu versponnenen Gewirrs entledigst, verlässt dich das Gute dafür nicht. In den Rauhnächten spinnen nur die Götter Menschenleben. Hier hast du nichts Gutes erschaffen, auch nicht, wenn ich es für dich zuende geführt habe.“
„Und Sie dürfen in den Rauhnächten spinnen?“
Nun lag ein vielsagendes Lächeln auf den Lippen der Alten. Das dumpfe Echo alter Geschichten hallte in Idas Kopf wider. Und plötzlich wusste sie, dass sie keine Fragen mehr stellen sollte.
„Oh ja, ich darf.“

Schweigend nahm Ida die Spindel entgegen, warf sie hinein in die Glut, verschloss die Kamintür aus Glas und setzte sich auf die Fliesen davor, um zuzusehen, wie die Flammen nach der Wolle leckten. Ida schloss die Augen. Erinnerung für Erinnerungen drangen aus dem Knistern der Flammen, leise, ferne Bilder. Warum nur hatte sie mit all ihrem Zögern versucht, dies wegzuwerfen?
Als der Schlaf kam, spürte sie es nicht. Ida wusste, dass sie nicht alleine war. Sie spürte, dass die Fremde an ihrer Seite wachte. Ihre Stimme drang bis in ihre Träume hervor. „Nur die Götter spinnen in den Rauhnächten. Denn in der Zeit zwischen den Zeiten spinnen sie all das, was die Menschen über das Jahr zusammengetragen haben, in ihr Leben hinein. Ich habe dich bestraft dafür, dass du versucht hast zu tun, was den Unsterblichen vorbehalten ist. Aber ich hoffe, du weißt, dass du keinen Faden hättest spinnen brauchen, wenn du all diese ungesagten, ungeregelten Dingen zuvor erledigt gewusst hättest. Irgendwann ist die Zeit zu warten vorüber.“

„Ida!“ Irgendjemand rüttelte an ihrer Schulter, als Ida die Augen aufschlug. Schlaftrunken versuchte die junge Frau sich aufzusetzen, als ein beißender Schmerz durch ihre Handflächen fuhr und sie daran erinnerte, was in der vergangenen Nacht geschehen war. „Große Güte, Ida! Das muss verbunden werden. Was hast du nur gemacht?“ Ida lag vor dem Kamin auf dem Küchenboden. Neben ihr kniete ihre Großmutter, kreidebleich, und hielt ihre eine, zerschnittene Hand in der eigenen Handfläche gebettet.
„Ich habe versucht, ein Leben zu verspinnen,“ antwortete Ida müde und fragte sich im gleichen Moment, ob ihre Großmutter glauben würde, was sie sagte. Zu ihrem Erstaunen aber, weiteten sich deren Augen, als sie ausstieß: „Es die Perchta gewesen, nicht wahr? Frau Holle, sie ist diese Fremde gewesen, die Herrin der Spinnerinnen.“

Ida hatte keine Antwort auf diese Frage. Im Kamin war nur Asche zurückgeblieben und eine schimmernde Glut. Wie eine Schlafwandlerin schleppte Ida sich die Treppe hinauf in das Spinnzimmer. Die Worte der Alten dröhnten noch immer in ihrem Schädel nach. Sie wusste nicht, was sie hier suchte. Doch in jenem Moment, da ihr Blick auf die Spindel fiel, hörte sie noch einmal Perchtas Stimme in ihren Gedanken. „Ich habe dir etwas für die Zeit nach den Rauhnächten zurückgelassen.“
Ein Lächeln stahl sich auf Idas Lippen. Mit bleischweren Lidern sank sie in ihren Sessel, griff jedoch statt nach der Spindel zu ihrem Handy und schaltete es an. Langsam verzog sich der Startbildschirm, dann trudelten die Nachrichten ein. Fünf verpasste Anrufen, acht ungelesene Nachrichten. Alle von ihm. Und ich habe ihm nicht geantwortet.
Erschöpft legte sich Ida die Hände auf die Augen und rief sich Perchtas Worte in den Sinn. Nur weil du dich eines alten, viel zu versponnenen Gewirrs entledigst, verlässt dich das Gute dafür nicht.
Es verlässt mich nicht.

Auf die Spindel gewickelt war der Anfang eines neuen, weißen Wollfadens.

Frau Holle ist eine Sagengestalt, die oft mit der Zeit der Wintersonnenwende verbunden wird. Die aus den Märchen bekannte Figur wird immer wieder mit alten Matronenfiguren und heidnischen Muttergottheiten verbunden. Eine vergleichbare Gestalt tritt im Alpenraum und Süddeutschland als Perchta auf. Diese Göttinnengestalten können sowohl als Jungfrau als auch als Mutter in Erscheinung treten. In der Mittwinterzeit, da das alte Jahr im Sterben begriffen ist, tritt Frau Holle häufig als alte Frau in Erscheinung. Sie bittet um Obdach und Almosen in Gestalt einer Bettlerin, um die Menschen zu prüfen. Sie belohnt die Gütigen und Fleißigen und straft alle, die faul und träge im Herzen sind. Außerdem begleitet sie Wodan als seine Gefährtin und Anführerin der Wilden Jagd.
Frau Holle gilt als Schirmherrin der Spinnerinnen. Der Sage nach bestraft sie jedoch jene, die in den Rauh- oder Zwölfnächten, der Zeit zwischen der Wintersonnenwende und dem Dreikönigstag, mit Flachs arbeiten. Das Spinnen zu dieser Zeit werde nur von Hexen ausgeübt heißt es im Volksmund.

© Astrid Rauner

[Fantastischer Adventskalender 2015] Türchen 20

20

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Erik Kellen, von dem ich zuletzt den zweiten Band der Nimmerherz-Legende gelesen habe. „Der lange Weg des Windes“ hat mich wieder völlig begeistert – eine intensive, epische, ungewöhnliche und berührende Geschichte mit so einigen Überraschungen. Der schräge Humor trifft genau meinen Geschmack und ich hänge natürlich sehr an „meinen“ Figuren. Darum habe ich auch schon eine Heidenangst vor dem abschließenden Band …

© Erik Kellen

© Erik Kellen

 
Wie es sich für einen anständigen Schriftsteller gehört, hat der Autor eine Reihe sinnloser Berufe/Tätigkeiten in seinem Leben hinter sich gebracht.

Er war Bürotippse, stand in einer Schuhfabrik am Fließband, war Sänger, Gabelstaplerfahrer, Student, Tankwart, Baumpflanzer, Mediengestalter und Arbeitsloser.

Erik Kellen lebt in Hamburg, weil es dort so wunderbar viel Wasser gibt.

Träume sind wie Wasser …
… der Anfang aller Dinge!

 

Verlosung

Zum 4. Advent versteckt sich hinter diesem Kalendertürchen ein Gewinnspiel – ich darf eine signierte Ausgabe des ersten Teils von TEOS (The Empires of Stones) verlosen! :)

Das Lied von Anevay & Robert“ ist eine facettenreiche, emotionale und magische Steamfantasy-Geschichte mit so einigen Überraschungen. Ich liebe die Beschreibungen von Hammaburg, aber mich fasziniert auch der Hintergrund der Reihe: Germanien und Britannien sind nicht nur Verbündete, ihre Reiche sind auch durch eine riesige Brücke verbunden. Außerdem bilden sie zusammen mit Schweden, Norwegen, Island, Dänemark und den Niederlanden den Nordischen Feuerbund, wo der alte Glaube an die nordischen Götter herrscht.

Um an der Verlosung teilzunehmen, müsst ihr 18 Jahre alt sein, in Deutschland wohnen und mir bis zum 27. Dezember 2015 als Kommentar mit Angabe eurer eMail-Adresse folgende Frage beantworten:

Gibt es Zitate aus Büchern, die in euren Wortschatz übergegangen sind?

Ich wünsche euch viel Glück! :)

[Fantastischer Adventskalender 2015] Türchen 19

19

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich ein Beitrag von mir, in dem es um Schneekugeln geht. Ich mag Schnee und auch Kugeln aus Glas, daher ist es nicht so verwunderlich, dass ich manche Schneekugel auch wunderschön finde. Es gibt aber auch viel, was nicht meinen Geschmack trifft, allerdings stolpere ich nur selten über Schneekugeln – und dann meistens in Souvenir-Läden und auf Weihnachtsmärkten. Bisher hatte ich zwei Schneekugeln: Eine mit Eisbärenmotiv, bei der sich der Schnee leider irgendwann in weiße Streifen aufgelöst hat. Und eine skandinavisch aussehende, die leider den letzten Umzug nicht überstanden hat.

Auf der Pariser Weltausstellung 1878 wurde erstmals eine Schneekugel dem erstaunten Publikum vorgestellt, das Motiv war ein Mann mit aufgespanntem Regenschirm. Der Wiener Chirurgieinstrumentenmechaniker Erwin Perzy erfand die Schneekugel Ende des 19. Jahrhunderts gewissermaßen neu und war der Erste, der sich die „Glaskugel mit Schnee-Effekt“ patentieren ließ. Auf Wunsch von Chirurgen wollte er eigentlich eine besonders helle Lichtquelle entwickeln, wozu er Versuche mit einer so genannten Schusterlampe machte. Sie besteht aus einem mit Wasser gefüllten kugelförmigem Glaskolben, der vor brennenden Kerzen platziert wird, so dass er den Kerzenschein vergrößert. Perzy mischte dem Wasser Metallspäne bei, um die Reflexion zu verstärken. Die wirbelnden Späne erinnerten ihn an Schnee und brachten ihn auf die Idee mit der Schneekugel.

Er baute ein winziges Modell der Basilika von Mariazell, platzierte sie in eine Glaskugel, füllte sie mit Wasser und fügte Grieß als Schnee hinzu. Dieses Modell schenkte er einem Freund, der einen Andenkenstand besaß, wo es auf lebhaftes Interesse von Kunden stieß. Im Jahr 1900 eröffnete Perzy mit seinem Bruder Ludwig zusammen einen Betrieb, um sich ganz der Produktion der Glaskugeln zu widmen. Dieser Betrieb namens Schneekugelmanufaktur besteht noch heute und wird jetzt von Perzys Enkel geführt.

In den 1950er Jahren trat Polystyrol an die Stelle des Glases; auch die Schneeflocken sind jetzt aus weichem Polystyrol. Wasserzusätze verhindern, dass sich Algen bilden können. Durch moderne Fertigungsmethoden wurde die Schneekugel zu einem Massenprodukt. Bei manchen Modellen lässt sich verdunstetes Wasser mit einer Spritze nachfüllen.

In Deutschland gibt es über 1000 Sammler, zu den eifrigsten gehören Erwachsene der Mittelschicht. Es wäre sicher interessant, sich so eine Sammlung mal anzuschauen – allein um die verschiedenen Richtungen kennenzulernen und die Entwicklung zu sehen …

Wenn ich mir eine Schneekugel kaufen würde, wäre das hier momentan meine erste Wahl:

Die finde ich einfach wunderschön, sowohl das Motiv als auch die Atmosphäre, die da bei mir ankommt …


Quelle: Schneekugelhaus

[Fantastischer Adventskalender 2015] Türchen 18

18

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich ein Interview mit Regina Mengel, von der ich zuletzt den ersten Band der Windsbraut-Trilogie gelesen habe. „Verdammter Ostwind“ ist eine geheimnisvolle und romantische Geschichte, die mich auch mit dramatischen Szenen überraschen konnte. Das ungewöhnliche Thema der Windsbräute reizt mich sehr, weil ich noch kein Buch mit diesen Wesen kannte, der Wind aber mein zweitliebstes Element ist. Ich bin also gespannt, wie es mit der Reihe weiter geht!

© Regina Mengel

© Regina Mengel

Regina Mengel erblickte 1966 in Wuppertal das Licht der Welt, zog aus das Glück zu finden und landete in Köln. Dort verdiente sie lange Zeit ihr täglich Brot als Wortjongleurin im Vertrieb. Geschichten begleiteten ihr Leben, doch erst im Jahr 2010 machte sie ernst und nahm an einem Schreibkurs bei Rainer Wekwerth teil.


Wie würdest Du Dich selbst beschreiben?

Verrückt, verspielt, versponnen, laut, lustig, loyal, fröhlich, freundlich, fantasievoll.

Wie sieht für Dich ein „normaler“ Tag aus?

  • Aufstehen, eigentlich, wenn mein Mann das Haus verlässt, tatsächlich in letzter Zeit gern auch mal ein bisschen später.
  • Waschen und anziehen.
  • Kaffee zubereiten, Müsli oder Obst herrichten, Saft einschenken und mit all dem zum Schreibtisch wandern.
  • Computer anwerfen, Verkaufszahlen checken, bei Facebook reinschauen, Bürokram erledigen, ein bisschen quatschen, usw.
  • Irgendwann die Bremse ziehen und das aktuelle Manuskript aufrufen.
  • Erst mal eine Kleinigkeit essen.
  • Text vom Vortag lesen und überarbeiten.
  • Nicht von Dingen wie Haushalt oder Garten, usw. ablenken lassen (Wunschvorstellung).
  • Neuen Text schreiben, mindestens 7 Seiten, gern mehr.
  • Wenn mein Mann heimkommt, Computer runterfahren.
  • Abendessen
  • Ausgehen oder lesen oder auf dem Sofa sitzen oder sonstiges geselliges Beisammensein.

Wie sieht Dein Schreibtisch aus, herrscht da eher Chaos oder Ordnung?

Unterschiedlich. Eigentlich mag ich es ordentlich. Aber hin und wieder gibt es auch längere Phasen, in denen sich der Kram munter vor sich hinstapelt. Je länger die Phase andauert, desto weniger Lust habe ich aufzuräumen. ;)

Wie ordnest Du Deine Ideen bzw. entscheidest, welche davon ein neues Projekt werden könnte?

Ideen kommen in ein Notizbuch. Ordnen tue ich sie nicht. Weil ich mich eh nie daran halte. Solche Entscheidungen treffe ich aus dem Bauch heraus und wenn sich ein anderes Projekt plötzlich und unerwartet dazwischen schiebt, dann gehorche ich dem meistens, weil es mich sowieso nicht mehr loslässt.

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Wonach wählst Du aus, was Dein nächstes Projekt wird? Welchen Einfluss haben dabei Zielgruppen und der Buchmarkt?

Von der Beachtung des Buchmarktes bin ich wieder weg. Das habe ich mal versucht, aber es wäre wohl zu einfach zu denken, dass man diesen Markt so einfach analysieren könnte. Ich schreibe jetzt das, was mir am Herzen liegt, woran ich Spaß habe und was ich einfach machen möchte. Wobei ich mich immer soweit diszipliniere, dass ich Mehrteiler erst zu Ende schreibe, ehe ich ein neues Projekt angehe. Das fände ich den Lesern gegenüber einfach unfair, die auf die Fortsetzung warten. Ich möchte da niemanden hängen lassen.

Wie viel planst Du, bevor es mit dem eigentlichen Schreiben los geht?

Ziemlich viel. Ich plotte extrem tief, nachdem ich einmal ohne Plot und einmal mit einem sehr oberflächlichen Plot mittendrin abgeschmiert bin und es mir sehr viel Mühe bereitet hat, die beiden Manuskripte zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Plotten macht mir auch Spaß und für mich ist das Schreiben hinterher viel angenehmer. Was übrigens nicht heißt, dass die Figuren nicht zwischendrin trotzdem ein Eigenleben entwickeln und meinen sorgsam geplanten Plot andauernd über den Haufen werfen. Anpassungen nehme ich ständig vor.

Du veröffentlichst Fantasy, Kinderbücher und romantische Komödien. Brauchst Du die Abwechslung? Und schreibst Du etwas davon besonders gern?

Ach, ich finde, die Abwechslung muss nicht im Genre liegen. Jedes neue Buch ist eine neue Geschichte und wieder auf ganz andere Weise aufregend. Das erste Kinderbuch ist als kleine Fingerübungen zum Freischreiben zwischendurch entstanden und da es mir Spaß gemacht hat, habe ich dann noch das zweite angehängt. Irgendwann wird es noch einen dritten Band von Krümelnase geben und ich habe da auch noch zwei ganz niedliche Ideen im Kopf, die ich irgendwann umsetzen möchte. Die erste romantische Komödie ist entstanden, weil ich mal dem Mainstreamgedanken folgen wollte. Da es erstaunlich viel Spaß gemacht hat, das Buch zu schreiben, folgte darauf noch ein zweites. Möglicherweise gibt es eines Tages noch ein drittes Buch, das ebenfalls in Delling und Umgebung spielen wird. Mein Heimatgenre ist im Grunde die Fantasy und dahin zieht es mich auch immer wieder zurück. Es ist übrigens nicht außergewöhnlich, in mehreren Genres zu schreiben, das machen die meisten Autoren.

Viele Autoren benutzen für neue Genre ein Pseudonym. Was hältst Du davon?

Ich finde das albern. Warum sollte ich mir jedes Mal mühsam wieder einen neuen Namen aufbauen. Meiner Meinung nach sind die Verlage die treibende Kraft bei dieser Pseudonymentscheidung. Vielleicht glauben Sie, dass die Leser ein Kinderbuch nicht von einem blutigen Thriller unterscheiden können? Ich weiß es nicht. Ich zumindest traue meinen LeserInnen zu, dass sie den Unterschied bereits am Cover erkennen.

Zuletzt ist der erste Band Deiner Windsbraut-Trilogie „Verdammter Ostwind“ erschienen. Worum geht es in der Reihe?

Es ist ein Urban Fantasy-Roman, spielt also in unserer realen Welt und in unserer Zeit. Hope ist eine ganz junge Windsbraut, die sozusagen die Windsbrautschulbank drückt und dabei die Orientierung verliert und von ihrer Gruppe getrennt wird. Sie findet nicht mehr zurück, stößt bei ihrer Suche aber auf Nicolas, der im Haus am Ende des Strandes wohnt. Die beiden verlieben sich und Hope lässt alle Regeln der Windsbräute hinter sich und bleibt bei ihm, obwohl es den Bräuten lediglich für eine Nacht gestattet ist, bei dem gleichen Menschen zu verweilen. Was sie damit für Nicolas und seine Freunde und Familie anrichtet, ahnt sie nicht. Im ersten Band lernt Hope, welche Gefahren von den Windsbräuten ausgehen. Erst im zweiten Band kann sie endlich das Geheimnis der Windsbräute – wo kommen sie her, wo gehen sie hin – entschlüsseln. Sie trifft wieder auf ihre Schwestern und kann endlich ihre Ausbildung beenden. Aber auch unter den Windsbräuten gibt es Dinge, die anders sind, als sie auf den ersten Blick wirken. Nicht zuletzt entdeckt Hope dann im dritten Teil, dass in ihr mehr steckt, als in ‚normalen’ Windsbräuten. Ihre Vergangenheit holt sie ein und dann ist da ja auch noch Nicolas und ihre Liebe zu ihm. Plötzlich steht sie zwischen den Welten.

Erzählst Du uns etwas über die Hauptfiguren?

Hope ist gerade erst seit ein paar Wochen eine Windsbraut und noch schrecklich naiv. Außerdem lernt sie nicht gern und das Windreiten macht ihr große Schwierigkeiten. Trotzdem weiß sie ganz viel über das Leben, all dieses Wissen ist den Windsbräuten von Geburt an zueigen. Wobei Windsbräute nicht wie Menschen als Baby geboren werden, sondern bei ihrer Geburt etwa einem 17-18-jährigen Mädchen entsprechen. Sie altern auch nur sehr langsam. Windsbräute sind mystische Wesen, die mit dem Wind reiten können und … ja? Was machen die eigentlich den ganzen Tag? So ganz genau weiß Hope das alles noch gar nicht, schließlich ist sie so früh verloren gegangen, dass sie nur ein paar der Regeln kennt und einen Hauch der Windsbrauterfahrungen mitbekommen hat. Und da sie ja vorerst nicht zu ihnen zurückfindet, ist sie plötzlich auf sich allein gestellt.

Nicolas ist Anfang 20, er deckt Dächer und lebt in Irland, in einem kleinen Haus am Ende des Strandes am Ring of Kerry in Cahersiveen. Sein Vater sitzt im Gefängnis und er hat einen Teil seiner Jugend bei den Großeltern verbracht, weil seine Mutter mit drei Kindern überfordert war. Die Gewalttaten seines Vaters hat er nur schwer verkraftet, trotzdem ist ein weitestgehend glücklicher, junger Mann aus ihm geworden. Seine besten Freunde sind Basil und Alissa und natürlich seine Großmutter, die ihm immer mit Rat und Tat zur Seite steht.

Kate, die Großmutter, ist eine meiner Lieblingsnebenfiguren. Sie ist so, wie man sich eine Großmutter vorstellt, wohnt in einem kleinen Cottage in den Kerry-Mountains und backt Scones und gießt Tee auf, wenn es ein Problem gibt. Sie ist mit gesundem Menschenverstand gesegnet und glaubt an die Mysterien und Wesen der irischen Sagenwelt. Und natürlich hat sie schon einmal von den Windsbräuten gehört.

Eine weitere mir liebgewordene Nebenfigur ist Adler, Hopes Wächtervogel. Aber über Adler möchte ich nicht mehr verraten, es wäre einfach zu schade, hier vorzugreifen.

Warum ausgerechnet Windsbräute?

Die kamen mit einem Aprilsturm angeflogen. Plötzlich saß eine von ihnen in Form des Wortes Windsbraut auf meinem Schreibtisch und forderte ein, dass ich mir zu ihr eine Geschichte und eine Mythologie ausdenke. Denn tatsächlich gibt es die Windsbräute in der irischen Mythologie gar nicht. Also musste ich mir die komplette Entstehungsgeschichte der Bräute erst einmal ausdenken, woher kommen sie und warum? Wohin gehen sie, wenn sie vergehen und warum? Was genau sind sie? Warum dürfen sie nur eine Nacht bei einem Menschen verbringen? Und zusätzlich habe ich mir noch die Sprichworte und die Legenden der Menschen rund um die Windsbräute ausgedacht. Was für ein Spaß.

In Deiner Reihe „Am dreizehnten Tag“ entführst Du uns in eine Welt wie aus 1001 Nacht und schaffst Verbindungen zu Märchen wie „Der kleine Muck“. Magst Du Märchen allgemein recht gern?

Ich mag Märchen sehr gern und lese auch gern gutgemachte Märchenadaptionen. Das war aber nicht die Intention des Buches. Diese Ideen, zum Beispiel die Figur der Seherazade oder des kleinen Muck, der ja alles andere als klein ist im Buch, sind mir im Lauf der Geschichte begegnet und sie wollten eingebunden werden. Im dreizehnten Tag sind die Legenden und Märchen ja wechselseitig. Wie man sich bei uns Märchen aus 1001er Nacht erzählt, so erzählt man sich in Kis-Ba-Shahid Märchen aus Bas-Ta-Bata (also unserer Welt). Und in beiden steckt jeweils ein Körnchen Wahrheit. Im Grunde erfinde ich auf diese Weise meine eigenen Märchen.

Liegt Dir eine Deiner Figuren oder Geschichten besonders am Herzen?

Die Frage ist kaum zu beantworten. Ich liebe sie doch alle. Muck ist vielleicht eine Herzensfigur und natürlich auch immer die Hauptfiguren, Susanna zum Beispiel ist zum Teil aus meiner besten Freundin aus Schultagen entstanden und Patrick ist der Name einer unglücklichen Verliebtheit, als ich kaum älter war als Susanna. Es gibt ein paar Szenen, die ich besonders liebe. Vor allem im dreizehnten Tag, nämlich die, in der sich die jungen Verliebten ganz unschuldig näher kommen. Dieses Gefühl, wenn der Junge, den du magst, zum ersten Mal deine Hand nimmt, das zu beschreiben war toll. Irgendwie kann ich mich auch noch so gut daran erinnern, wie meine beste Freundin und ich stundenlang immer wieder die gleiche Begebenheit durchgehechelt haben. „Und dann hat er meine Hand genommen …“ Diese zarte Verliebtheit zu beschreiben, hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Da bekomme ich selbst noch Kribbeln im Bauch, wenn ich es lese, obwohl ich es doch selbst geschrieben habe.

Was ist Dir beim Schreiben wichtig? Was möchtest Du dem Leser vermitteln?

In erster Linie Spaß, Spannung und Unterhaltung. Aber mit Anspruch an gut gewählte Worte, schöne Sätze und gutes Schreibhandwerk. Trotzdem schleichen sich in jedes Buch auch immer wieder die Dinge ein, die zu meiner persönlichen Werteskala gehören. Im dreizehnten Tag wird das ziemlich deutlich, da geht es unter anderem um das Thema lügen, aber auch um Fairness im Umgang miteinander und Loyalität.

Was war bisher Dein schönstes Erlebnis als Autor?

Hättest du mich das vor 2 Jahren gefragt, wäre es noch recht einfach gewesen, diese Frage zu beantworten. Inzwischen wird das immer schwieriger, weil es immer mehr tolle Erlebnisse werden. Da häkelt mir eine Leserin ein Huhn, weil ihr das Huhn in ‚Hochzeit mit Huhn’ so gut gefallen hat. Da schickt mir ein 9-jähriger einen Fanbrief, in dem er sich als größter Hasenfan der Welt outet und ich bekomme Fotos, wo Kinder das Krümelnase-Buch mit in die Schule genommen haben oder erst über das Buch das Lesen entdeckt haben. Auf der Messe sprechen mich mir fremde Menschen an und erzählen mir begeistert, dass sie mein Buch gelesen haben oder ich veranstalte eine Lesung und das Publikum schüttet sich aus vor Lachen und das an genau den richtigen Stellen. Alles tolle Erlebnisse.

Welche Autoren-Macken hast Du?

Ich schätze alle. Schwankend zwischen Genie und Wahnsinn, Selbstzweifeln und dem Gefühl, dass man die Dinge doch so lassen kann, wie sie sind. Dann wäre da noch, das eigene Debut nicht so dolle finden, nur Marketing oder Schreiben im Rahmen eines Tages erledigen zu können, in ein tiefes Loch zu fallen, wenn ein Buch zu Ende geschrieben ist, keine Geduld zu haben, bei jedem Buch aufs Neue auf den großen Durchbruch zu hoffen, usw, usw. Es ist ein ewiger Kreislauf.

Was macht Dir als Selfpublisher am meisten Freude – und was magst Du nicht so?

Ich liebe Marketing und ich hasse Marketing. Außerdem finde ich es wundervoll in allem frei zu sein, trotzdem würde ich nicht selten gern alles in erfahrene Hände legen, um mich aufs Schreiben konzentrieren zu können.

Was liest Du selbst gern?

Früher hätte ich geantwortet: Alles. Heute bin ich viel kritischer, ich mag Bücher nur noch, wenn sie handwerklich ordentlich sind. Sonst ärgere ich mich die ganze Zeit. Wenn sie das aber sind, bin ich nicht auf ein Genre festgelegt, nur mit Krimis habe ich es eher selten. Darüberhinaus ist und bleibt Fantasy mein bevorzugtes Genre, wobei ich die HighFantasy bis auf ein paar Ausnahmen in letzter Zeit ein wenig über habe. Da kommt leider sehr wenig Neues. Aber ich lese auch hin und wieder mal etwas Historisches, oder besondere Bücher, die sich nicht einfach in ein Genre einsortieren lassen. Ich mag sogar Bücher, die vielleicht nicht der große Spannungsroman sind, immer dann, wenn die Art die Geschichte zu erzählen besonders ist oder eine Melodie durch die Zeile schwingt, die mich mitnimmt.

Und da wir uns im Adventskalender befinden, gibt es jetzt noch ein paar weihnacht-winterliche Fragen:

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Was magst Du am Winter?

Dicke Schneeflocken, einen Schneemann bauen oder eine Schneeballschlacht machen. Wenn die Sonne auf Schnee und Eis glitzert und die Bäume wie gepudert wirken. Die erstarrte Welt einer knackigkalten, klaren Winternacht. Das Nach-Hause-Kommen, nach einem Spaziergang durch die kalte Winterluft, wenn die Wangen kribbeln und man sich die Füße am Kamin wärmt. Bratäpfel und Wintergemüse. Mutters Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen.

Was für Weihnachtsdeko magst Du oder ist das eher nicht so Deins?

Ich bin normalerweise sehr farbenfroh in Einrichtung und auch im Kleidungsstil. Weihnachten allerdings mag ich es nicht zu bunt. Blinkende bunte Lichterketten oder solche Sterne, die in vielen Farben vor sich hinblinken, kommen mir nicht ins Haus. Und ich verfalle auch nicht dem Dekowahnsinn, der in Form von völligem Zudekorieren über so manche Menschen kommt. Ich finde es schön, wenn man die Zimmer noch als Wohn- oder Schlafzimmer identifizieren kann. Allerdings mag ich es originell, so haben wir schon seit Jahren keinen traditionellen Weihnachtsbaum mehr, sondern einen 2 ½ – dimensionalen. ;) Es handelt sich um einen Weihnachtsbaum, der auf Stoff gedruckt ist, an den wir aber eine Lichterkette anbringen und auch Kugeln und sonstige Weihnachtsbaumanhänger. Darüber hinaus haben wir dann eine Vase mit großen Tannenzweigen, damit es ein wenig weihnachtlich duftet. Und dann gern viele Kerzen in weihnachtlichen Kerzenhaltern.

Wann kommt bei Dir weihnachtliche Stimmung auf?

Das ist von Jahr zu Jahr verschieden. Mal erst am Weihnachtstag, mal schon im November. In diesem Jahr war sie relativ früh da, hat sich jetzt aber zwischendurch noch mal verabschiedet, ich schätze sie kommt zurück, wenn der letzte Arbeitstag am Freitag, den 18.12. rum ist. Zumindest für meinen Mann, ich denke, ich werde auch noch ein paar Tage länger arbeiten, aber nicht so viel wie sonst.

Gibt es Rituale, die für Dich fest mit der Weihnachtszeit verbunden sind?

Eigentlich nicht. Wir genießen einfach die freie Zeit und schaffen es zum Glück immer jeglichem Geschenke und Fressstress aus dem Weg zu gehen. Wir machen es uns da einfach sehr gemütlich.

Welche Weihnachtsmusik magst Du?

Ein bisschen lockerer darf es sein, obwohl ich auch die klassischen Weihnachtslieder gern mag, dann aber nicht vom örtlichen Kinderchor gesungen, sondern wirklich schön mit Orchester arrangiert. Ansonsten darf es zum Beispiel gern Swingmusik sein, oder auch ein bisschen poppig. Ich mag sogar Last Christmas – aber bittet nicht stündlich. ;)

Welche Bücher kannst Du als weihnacht-winterliche Lektüre empfehlen?

Oh je, keine Ahnung. Ich achte bei meiner Auswahl nicht auf die Jahreszeiten und spontan fällt mir kaum ein, wann meine Lieblingsbücher spielen. Oftmals umfassen die auch gleich mehrere Jahreszeiten. Auf jeden Fall lese ich keine lustig, romantischen Weihnachtsbücher und außer einer Märchenadaption von der Schneekönigin fällt mir spontan überhaupt nichts ein. Und überhaupt …Was fragst du mich das? Du bist doch die Expertin für Winterbücher. ;)

Hihi, da habe ich jetzt wohl meinen Ruf weg … Herzlichen Dank für das Interview – und eine schöne Weihnachtszeit! :)

Ich danke dir und wünsche dir ebenfalls eine wunderschöne Zeit der Ruhe und des Friedens.

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[Fantastischer Adventskalender 2015] Türchen 17

17

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Kerstin Hornung, die ich auf der letzten Leipziger Buchmesse kennengelernt habe. Besonders reizt mich ihre Trilogie „Der geheime Schlüssel“, die damit beginnt, dass der König der Menschen die Elben zu Feinden erklärt. Philip weiß, dass das wunderschöne, kranke Wesen, das sein Vater im Wald gefunden hat, in Gefahr ist. Doch als er sich auf den Weg macht, um die verborgene Stadt der Elben im Alten Wald zu suchen, ahnt er nicht, dass er sobald nicht wieder nach Hause zurückkehren kann. Eine abenteuerliche Reise steht ihm bevor …

© Kerstin Hornung

© Kerstin Hornung

Geboren in Kronstadt, aufgewachsen mit den Geschichten der Urgroßmutter, entdeckte sie schnell ihre Leidenschaft für das geschriebene Wort. Schon als Jugendliche schrieb sie einige Romane, die sie fein säuberlich in ihrer Schublade versteckte. Doch als der erste Satz der Trilogie „Der geheime Schlüssel“ geschrieben war, wusste sie, dass dieses Buch nicht in einer Schublade landen würde.

Der Tannennadelwicht

Aus seinem Unterschlupf im Tannenweg 24 hatte er einen hervorragenden Überblick. Und das war auch gut so. Denn Siebel war ein neugieriger Wicht.
Ein Tannennadelwicht!
Darum hatte er sich ja auch im Tannenweg auf dieser Tanne eiquartiert. Gestern erst war er hier im Tal angekommen. Seine Familie lebte oben in den Bergen, wo die Winter rau und kalt waren. Doch Siebel wollte die Welt kennenlernen. Die glitzernde Pracht, von der sich manche Wichte erzählten, wollte er mit eigenen Augen sehen. Und dafür gab es keine bessere Zeit, als den ihm so verhassten, kalten Winter. Doch jetzt, hoch oben auf dem Baum, fragte er sich, ob es eine so gute Idee gewesen war, die relativ warmen Höhlen der Wichte zu verlassen. Der Wind pfiff durch die Straße und trieb ihm kalten Regen ins Gesicht. Der Wipfel der Tanne bog sich mal hierhin, mal dorthin. Ihm war kalt und er fühlte sich einsam. Ob es da unten in den Häusern der Menschen wärmer war? Es sah auf jeden Fall nicht so windig aus und nass war es scheinbar auch nicht. Aber es war so gut wie unmöglich in diese Häuser hineinzukommen. Siebel hatte es natürlich schon ausprobiert. Durch die Klappe, durch die der fette Kater immer ein und aus spazierte. Aber was für den Kater so mühelos wirkte, gelang ihm nicht.

Bibbernd schlug er den Kragen hoch und redete sich ein, dass kalter Regen immer noch besser war als meterhoher Schnee.
Da entdeckte er etwas Seltsames. Die Menschen, die sich das Haus mit dem Kater teilten, kamen lachend nach Hause zurück. Das hatten sie in der kurzen Zeit, in der er in ihrer Nachbarschaft lebte, schon öfter getan. Doch heute trugen sie eine kleine Tanne mit sich.
Schnell huschte Siebel von seinem Ast hinunter, flitzte durch das nasse Gras und nutzte den Moment, in dem der Baum abgestellt wurde, um an seinem Stamm hochzueilen und sich im Geäst zu verstecken. Nur wenige Augenblicke später wurde er ins Haus getragen.
Es war warm, es roch gut und obwohl es draußen bereits dunkel wurde, war es in dem Zimmer taghell. Siebel lehnte sich zufrieden an den Stamm und streckte die Beine von sich. Das war ein Quartier nach seinem Geschmack.

Doch plötzlich wurde der Baum angehoben und mit Wucht in einen Ständer gestellt. Siebel rutschte von Ast, aber es gelang ihm im letzten Moment, sich festzuhalten. Der Baum wurde hierhin und dorthin gedreht. Siebel krallte sich in den Ast, wusste aber, dass er nicht lange durchhalten würde. Die linke Hand rutschte ab. Er sah sich bereits fallen … da hörte das wilde Schaukeln plötzlich auf.

Empört rappelte sich der Wicht auf, klopfte sein Jäckchen aus und spähte vorsichtig aus dem Geäst – direkt in die großen blauen Augen eines blondgelockten Mädchens. Siebel wurde ganz warm ums Herz.
„In diesem Jahr muss ein Wichtel in dem Baum leben“, flüsterte das Kind beschwörend. „Es muss einfach so sein.“
Er kicherte.
Die Augen des Mädchens wurden noch größer, dann lächelte es zufrieden und murmelte: „Ich habe es gewusst.“

© Kerstin Hornung

[Fantastischer Adventskalender 2015] Türchen 16

16

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich ein Beitrag von mir, in dem es um Mythen rund um die Polarlichter geht. Mich faszinieren Polarlichter sehr, daher finde ich auch die Sagen und Geschichten dazu spannend. :)

Was sind Polarlichter?

Angeregte Stickstoff- und Sauerstoffatome der Hochatmosphäre, die in Polargebieten beim Auftreffen beschleunigter geladener Teilchen aus der Erdmagnetosphäre auf die Atmosphäre eine Leuchterscheinung hervorrufen. Polarlichter sind meistens in zwei etwa 3 bis 6 Breitengrade umfassenden Bändern in der Nähe der Magnetpole zu sehen.

Die Mythen der Samen

In den Sagen finnischer Samen heißt es, dass die Seelen der im Kampf gefallenen im Nordlicht weiterkämpfen. Bei den russischen Samen waren Polarlichter die Geister der Ermordeten. Sie lebten in Häusern, in denen sie zusammenkamen und sich gegenseitig in einer Messerstecherei töteten, bis der ganze Boden mit Blut bedeckt war. Es hieß, sie hätten Angst vor der Sonne und schützten sich vor ihren Strahlen. Die Samen fürchteten die Polarlichter, denn in ihren Mythen hieß es, sie erschienen, wenn eine dieser Metzeleien begänne.

Der Glaube der Inuit in Labrador

Die in Labrador beheimateten Inuit glauben daran, dass allein die Art und Weise, wie jemand stirbt, darüber entscheidet, ob er in die Unterwelt oder ins Himmelsreich gelangt. Menschen, die eines natürlichen Todes starben, traten in die Unterwelt über, in der die Seelen fortan ein monotones Leben, aber frei von den Sorgen des Alltags und der Kälte führten. Nur diejenigen, die den Freitod wählten, durch Gewalteinwirkungen verstarben oder Mütter, die bei der Geburt ihrer Kinder starben, gelangten in das himmlische Reich. In ihren Überlieferungen ist der Himmel eine große Kuppel, die durch einen tiefen Abgrund von der Erde getrennt ist, wobei nur ein schmaler und gefährlicher Weg zu einer Öffnung hinüberführt. Menschen, die durch Krankheit oder langes Leben verstarben, war der Zugang verwehrt. Traten Neuankömmlinge an den Abgrund, beleuchteten ihnen die Geister im Himmel als leuchtende Bögen den gefährlichen Weg ins himmlische Reich. Hier feierten sie und vertrieben sich die Zeit mit Ballspielen. Die Geister waren nichts anderes als die Nordlichter …

Der Manabozho-Mythos (Nordamerika)

Als eine große Flut über die Menschen hereinbrach, schuf der Halbgott Manabozho zur Rettung der Menschen und Tiere aus einem Stück Schlamm eine große Insel inmitten der bewegten Wassermassen. Er vergrößerte sie so lange, bis daraus die Erde, so wie sie heute ist, entstand. Es heißt, dass er nach dem Rückgang der großen Flut nach vielen Monden noch für eine Weile bei den Menschen blieb und sie in der Nutzung vieler Dinge, die für ihr Wohlergehen nötig waren, unterrichtete. Nachdem all dies geschehen war, sagte er den Algonquin, dass er sie jetzt verlassen würde, um sich eine permanente Bleibe im Norden einzurichten. Niemals aber würde er damit aufhören, tiefes Interesse an ihrem Wohlergehen zu zeigen. Als Beweis für seine Aufmerksamkeit, so versicherte er ihnen, würde er von Zeit zu Zeit große Feuer entzünden, deren Reflexionen für sie sichtbar sein sollten. In den Nordlichtern sehen sie den Widerschein jener Feuer, die gelegentlich entzündet werden, um an das Versprechen ihres Schöpfers zu erinnern.

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Eine alte Geschichte von den Wabanaki

Vor langer Zeit, heißt es, als die ersten Ureinwohner geschaffen wurden, da lebte einer von ihnen allein, weit, weit entfernt von allen anderen. Auf sich allein gestellt, führte er ein beschwerliches Leben. Feuer kannte er nicht und seine Nahrung bestand lediglich aus Wurzeln, Rinden und Nüssen. Er lebte einsam und sehnte sich nach Gesellschaft. Von den Anstrengungen seines harten Lebens erschöpft, verlor er eines Tages seinen Appetit und legte sich für einige Tage träumend in die Sonne. Als er aufwachte, sah er eine geheimnisvolle Person in seiner Nähe stehen, vor der er sich zunächst sehr fürchtete. Sie sprach ihn an und sogleich schöpfte er Hoffnung, denn nun erkannte er, dass neben ihm eine Frau mit langen und unerklärlich hellen Haaren stand. Mit großer Erwartung fragte er sie, ob sie denn nicht bei ihm bleiben wolle, aber sie wollte nicht, und als er versuchte, sich ihr zu nähern, schien sie sich nur weiter zu entfernen. Er sang ihr sehnsuchtsvolle Lieder über seine Einsamkeit und flehte sie an, nicht zu gehen. Nach vielen Liedern und langem Bitten willigte sie letztlich ein. Sie sagte aber, dass sie ihr Versprechen zu bleiben an eine Bedingung knüpfen müsse.

Nur dann, wenn er genau das täte, was sie ihm nun zu sagen hätte, würde sie bleiben. Er versprach, das er es tun würde. Sie führte ihn dorthin, wo einiges trockenes Grad stand und sagte ihm, er solle zwei sehr trockene Stöcker nehmen, sie schnell aneinander reiben und ins Gras halten. Dann sagte sie: „Wenn die Sonne untergeht, greif meine Haare und zerr mich über die verbrannte Erde.“ Er erschrak und wollte ihrem Wunsch nicht nachkommen. Sie sagte ihm, dass wohin immer er sie zöge, eine Pflanze, die wie Gras aussähe, aus dem Boden springen würde. Dann würde eine Zeit kommen, in der ihm ihr Haar durch die Halme erschiene; dann wären die Samen dieser Pflanzen reif zur Ernte. Nach seinem anfänglichen Zögern folgte er ihrem Wunsch, und an dem Tag, an dem die Wabanaki ihr seidiges Haar auf den Ähren sehen, wissen sie, dass die geheimnisvolle Frau sie nicht vergessen hat. Die schöne Frau war Wa-ba-ba-nal, das Nordlicht. Sie war es, die den Wabanaki die ersten Samen brachte.


Quelle: Michael Hunnekuhl – Mythos Polarlicht

[Fantastischer Adventskalender 2015] Türchen 15

15

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Demetria Cornfield, von der ich in diesem Jahr „Der Wächter des Sternensees“ gelesen habe. Eine spannende Geschichte mit einer starken magischen Seite, die mich völlig begeistert. Besonders angetan hat es mir ja Lily, sie ist eine praktizierende Hexe und hat eine spezielle Art, mit Magie umzugehen und diese in ihr Leben zu integrieren. Sie stilisiert nichts hoch, sondern lebt mit Magie – auch in ihrem Alltag.

© Demetria Cornfield

© Demetria Cornfield

Demetria Cornfield, Jahrgang 1970, verbrachte ihre frühe Kindheit im katholischen Francis Xaver Internat in ihrer Geburtsstadt Bangkok. Das Aufeinandertreffen der thailändischen Geisterwelt mit dem mystischen Katholizismus prägt seither ihre Weltsicht. Erstmalig mit dem Okkulten kam sie während ihrer Jugendzeit in Kontakt, und ist seitdem auf der Suche nach der Macht, die das Universum zusammenhält.

Demetria ist ehemaliges Mitglied eines hermetischen Ordens und seit vielen Jahren Studentin der Hexenkunst. Sie arbeitet im Onlinemarketing einer renommierten Internet-Agentur und lebt mit ihrer Familie im Allgäu.

 
Stiefelnikolaus

Zitternd machte Maxi einen großen Schritt vor die Haustür und stand mit seinen Filzpantoffeln bis zu den Knöcheln im Schnee. Seine kleinen Hände krampften sich um das gefaltete Stück Papier, das er hastig im Schein der Nachtlampe beschrieben hatte. Zweifelnd sah er zum Nachthimmel, von dem dicke Flocken federn-gleich hinab schwebten.

Vorhin, beim Abendessen, war die ganze Familie in heller Aufregung gewesen. Niemand hatte ihn beachtet, nicht einmal Klaus, der ihn sonst immer piesackte. Stattdessen saßen die älteren Geschwister mit Mama am Tisch. Alle machten bedröppelte Minen, während Papa sich die Jacke übergeworfen und hektisch die Wohnung verlassen hatte. „Wie schlimm, nicht wahr? Und weißt du, was noch schlimmer ist? Der Stiefelnikolaus wird auch nicht kommen“, hatte Sophie ihm ins Ohr geflüstert und ihn dabei ganz fest in den Arm gezwickt. Heulend war er hinters Sofa geflüchtet, wo Mama ihn irgendwann gefunden und ins Bett getragen hatte. „Schlaf gut, mein Schatz“, hatte sie gemurmelt und ihm den Teddy in den Arm gedrückt, doch Maxi konnte nicht einschlafen. Er hatte durch die angelehnte Tür hören können, wie Mama im Gang telefonierte. Sie hatte geweint und ständig „Hoffentlich schafft es deine Mutter“, gestammelt. Es war schrecklich, Mama weinen zu hören.

Der Wind heulte und wirbelte die Schneedecke auf. Seine Stiefel, die an der Türe standen, waren leer. Von weiter Ferne konnte Maxi leises Bimmeln vernehmen. „War das der Nikolaus mit den Rentieren?“, dachte er aufgeregt und stapfte ungeachtet der Kälte bis zur Hausecke. Vorsichtig spähte er um die Ecke, die dicken Flocken tanzten auf und ab und setzten sich auf seine Nase. „Da! Da bewegte sich doch was!“
Ein Schatten schlich um das Nachbarhaus, als suchte er irgendetwas – bestimmt die polierten Schuhe vor der Eingangstüre. Maxi hatte vor dem Abendessen beobachtet, wie Hannes sie rausgestellt hatte. Als die Gestalt den Baum mit der Lichterkette passierte, konnte er sehen, dass sie einen Sack bei sich hatte. Aber er sah noch etwas anderes. Angestrengt starrte Maxi in die Dunkelheit. Er sah Zotteln, wie von einem Schaffell, und Hörner, so als würde die Person auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Schafbock auf den Schultern tragen. An der Treppe, die zur Haustür führte, blieb sie kurz stehen und setzte dann den Fuß auf die erste Stufe. Maxi hörte Kuhglocken schellen, flugs war die Gestalt auch schon oben, als wäre sie hoch gesprungen. Mit leisem Bimmeln beugte sie sich nach vorne und hob etwas auf.

Eine Böe fuhr unter Maxis Jacke. Eiseskälte kroch ihm den Rücken hinauf und er fing an zu zittern. Gleichzeitig stoppte der Schneefall und die Wolken rissen auf. Nun beleuchtete der Mond die seltsame Szene, die sich gegenüber abspielte. Der Mann im Schafspelz hielt einen Schokonikolaus in der Hand – Maxi konnte die lila Folie leuchten sehen – und biss ihm den Kopf ab! „Nein“, hätte er am liebsten geschrien, „das darfst du nicht, das gehört den Kindern“, aber die Angst schnürte ihm die Luft ab. Er hörte plötzlich aus allen Richtungen Glockenbimmeln. Entsetzt starrte Maxi die Straße auf und ab und traute seinen Augen kaum. Vor jedem Haus waren pelzige Gestalten zugange; Schokoladenräuber, welche die Geschenke des Nikolaus mit lautem Schmatzen verschlangen.

Hilflos trat Maxi einen Schritt zurück, stolperte und stieß an etwas Weiches. Ein muffiger Geruch stieg ihm in die Nase. Auch das Schellen an seinem Ohr verhieß nichts Gutes. Hände griffen nach ihm; starke Hände, deren Krallen sich in seine Arme bohrten. Maxi kniff die Augen zusammen, während er umgedreht wurde.
„Hast Du keine Angst?“, ertönte eine tiefe Stimme direkt vor seinem Gesicht.
„D-doch“, Maxi hatte die Augen immer noch fest geschlossen.
„Weißt Du nicht, was mit neugierigen Kindern passiert, wenn sie sich in der Klausennacht draußen herumtreiben?“ Es hörte sich an wie eine Mischung aus Schreien und Fauchen. Maxi bekam eine Gänsehaut.
„N-nein“, Maxi zitterte, diesmal nicht nur vor Kälte.
„Sie werden von der Wilden Jagd mitgenommen“, wisperte es um ihn herum. Die ganze Horde Kuhglockenträger schien sich um ihn versammelt zu haben.
„Ich … ich wollte den Nikolaus sehen!“, stammelte er tapfer.
„So, so, den Nikolaus!“ Es klang amüsiert. Die Glocken bimmelten und er hörte tiefes Gelächter aus verschiedenen Mündern.
„Den Nikolaus gibt es nicht!“, fauchte es an seinem Ohr. „Schau uns an!“

Zweifelnd öffnete Maxi zumindest ein Auge. Das Erste, was er sah, waren Hufe und pelzige Zotteln. Das Wesen, das vor ihm stand, griff nach seinem Kinn und zwang ihn, ihm ins Gesicht zu schauen. Gelbe Augen in einem behaarten Gesicht schienen ihm bis direkt ins Herz zu sehen. Furchen und Narben durchzogen die Stellen, an denen man die lederne Haut sehen konnte. Lange, gebogene Hörner wuchsen ihm aus den Schläfen.
„Diesen Nikolaus gibt es nicht“, wiederholte das Wesen. Die anderen um ihn herum lachten laut auf und rasselten mit ihren Gürteln, an denen tatsächlich Kuhglocken hingen.
„Doch! Und ihr habt die ganze Schokolade gegessen, die für die Kinder gedacht waren!“, schrie Maxi. Es wurde still, unheimlich still. Der gehörnte Mann neigte seinen Kopf als würde er nachdenken.

„Was ist in deiner Hand?“, fragte er schließlich und Maxis Herz blieb vor Schreck fast stehen.
„D-das ist für den Nikolaus. Ich wollte einen Tausch. Statt der Schokolade …“ Plötzlich war Maxi zum Weinen zumute. Er durfte den Zettel nicht diesen Schreckgestalten überlassen, es war wichtig, dass der Nikolaus ihn bekam.
„Gib ihn her.“ Das Ungetüm streckte seine Klaue aus, und Maxi sah lange, scharfe Fingernägel und viele Schwielen auf der Handfläche.
„N-nein!“ Tränen der Furcht rannen ihm die Wangen hinab. Er dachte an Mamas Schluchzen vorhin und hielt krampfhaft das Stück Papier fest. Das war die einzige Möglichkeit …

„Nein?“ lachte das Wesen. „Nein“, lachten die anderen, als hätte Maxi einen Scherz gemacht.
Kuhschellen läuteten. Die Gestalt machte eine Bewegung mit dem Arm und Maxis Hand öffnete sich wie von selbst während ein Windstoß den Zettel direkt auf den Mann zu blies. Er pflückte ihn aus der Luft und faltete ihn auseinander. Beim Lesen legte er seine Stirn in Falten, seine Pupillen wurden zu schmalen Schlitzen.
„So, so“, sagte er schließlich und winkte eines der anderen Wesen herbei. „Den Sack!“
Maxi klapperte mit den Zähnen, seine Brust schmerzte vor Angst und er hatte das Gefühl, er müsste sich gleich übergeben. Steckten sie ihn jetzt in den Sack? Wollten ihn die Gestalten etwa mitnehmen? Warum kam der Nikolaus nicht, um ihn zu retten?

Der Gehörnte öffnete den Jutesack und griff hinein. Er wühlte eine Weile darin herum und hielt Maxi schließlich einen Apfel vor die Nase.
„Du gehst besser zurück ins Haus, bevor die Wilde Jagd sich doch dazu entschließt, dich mitzunehmen. Mutige Herzen sind uns nämlich immer willkommen“, raunte er. Die gelben Augen blinzelten und als der Mann lächelte, konnte Maxi viele spitze Zähne sehen. Mit zitternden Händen nahm Maxi den Apfel entgegen und ging mit gesenktem Kopf und wackeligen Beinen in Richtung Haustür. Hufe scharrten, als die Horde für ihn eine Gasse bildete, er sah ihre Spuren im Schnee.
Ein Pfiff ertönte und er sah nochmals auf. „Denk daran: Den Nikolaus gibt es nicht!“ Der Wind riss dem Gehörnten die Worte aus dem Mund. Es fing wieder an zu schneien und beim nächsten Blinzeln konnte Maxi nur noch tanzende Flocken sehen, während die Glocken leise verhallten. Traurig sah er auf den Apfel. Jetzt hatte der Nikolaus den Wunsch nicht bekommen; er hätte den Zettel vielleicht doch besser in den Stiefel gesteckt.

*

„Maxi?“ jemand strich ihm liebevoll übers Haar und er brauchte eine Weile, bis er merkte, dass er im Bett lag.
„Papa?“ Maxi setzte sich schlaftrunken auf. Ein roter Apfel kullerte auf den Boden.
„Papa! Wie geht es Oma?“ Nun war er hellwach.
„Es geht ihr besser. Der Notarzt war rechtzeitig da. Sie wird sich erholen.“
Stürmisch umarmte Maxi seinen Vater. Papas Bart kratzte an seiner Wange. Dann fiel ihm etwas ein und er sprang schnell aus dem Bett und rannte über den Flur.
Mama war in der Küche und rief: „Guten Morgen!“, aber Maxi rannte an ihr vorbei, riss die Haustür auf und sah nach seinen Stiefeln, die voll waren mit Äpfeln und Nüssen.
„Schau mal Mama, wer da war!“, rief er freudig. Erstaunt sahen Papa und Mama sich an, „Warst du das?“ schienen ihre Blicke zu sagen.
„Der Nikolaus?“, fragte Papa verblüfft und starrte auf die Gaben in Maxis Händen.
 „Den gibt’s doch gar nicht“, antwortete Maxi, nahm einen Apfel und biss herzhaft hinein.
»Und wenn, dann ist er bestimmt ganz anders, als alle denken«, fügte er in Gedanken hinzu.

© Demetria Cornfield

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