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[fantastischer Adventskalender 2014] 19

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Oliver Plaschka, von dem ich zuletzt Das Licht hinter den Wolken gelesen habe. High Fantasy mit Roadmovie-Szenen und einer wunderbar tiefen Geschichte, die bei mir intensive Eindrücke hinterlassen hat.

© Oliver Plaschka
Oliver Plaschka, Jahrgang 1975, studierte Anglistik und Ethnologie in Heidelberg. Er ist Verfasser, Herausgeber und Übersetzer einer Handvoll Geschichten und schreibt Romane, wenn niemand hinsieht.

Sein Herz schlägt für alle Spielarten der Phantastik, was man mittlerweile auch in seiner Dissertation nachlesen kann.
 

Seit gut zwei Jahren schreibe ich nun immer wieder auch für Perry Rhodan NEO, die Neuauflage der größten Science-Fiction-Serie der Welt. In “unserer” Zukunft schreiben wir das Jahr 2037. Auch dort ist gerade Weihnachten — und so entstand die Idee, zum ersten Mal eine “Weihnachtsepisode” zu schreiben, wie man das auch aus Fernsehserien kennt. Das Ergebnis ist “Das Licht von Terrania”, das heute erscheint.

Leider ist in der Zukunft aber auch nicht alles Gold, was glänzt. Die Erde ist seit einigen Monaten von den Arkoniden besetzt und die meisten unserer Helden sitzen gerade in Gefangenschaft. Da fasst Homer G. Adams, seines Zeichens das einstige Regierungsoberhaupt in der weitgehend zerstörten Hauptstadt Terrania, den Plan, eine Weihnachtsfeier für die Besatzer auszurichten. Damit will er ihnen nicht nur menschliches Brauchtum näherbringen — natürlich verfolgt er auch einen geheimen Plan, den ich an dieser Stelle aber nicht verraten möchte.

Was ich euch dafür schenken will, ist ein Einblick in besagte Feier. Wie begeht man Weihnachten mit Außerirdischen? Wie bringt man unzählige irdische Traditionen unter einen Hut, und wie wirken sie wohl auf einen Alien? Satrak, der “Fürsorger” des sogenannten Protektorats (der allerdings mehr an seinen Bäumen als an Menschen interessiert ist) muss sich auf einiges gefasst machen …

Ich hatte bei der Recherche dieses Romans unglaublichen Spaß. Nicht nur habe ich herausgefunden, wie man Weihnachten in Dänemark oder Neuseeland feiert, ich habe auch viel über Diwali, Hanukkah und andere Lichterfeste gelernt und ein komplettes Menü aus allen Winkeln der Welt zusammengestellt. Ich hoffe, dieser kleine Ausschnitt macht euch Spaß; wenn ich eure Neugierde geweckt habe, den kompletten Roman gibt es ab heute für 3,90 im Zeitschriftenhandel oder für 2,99 als E-Book z.B. bei beam.

neo85

Eine Weihnachtsfeier für die Besatzer

Satrak trat aus dem zentralen Antigravschacht des Stardust Towers und in eine andere Welt.
Er hatte durchaus die Veränderungen registriert, die sich die letzten Wochen in Terrania eingeschlichen hatten: die kleinen Lichter in den Fenstern, manchmal sternförmig, manchmal das flackernde Licht von Kerzen imitierend. Die Lebensmittellieferungen hatten viele Süßwaren und Gebäck aufgewiesen. Außerdem, das war ihm besonders aufgefallen, war anscheinend mehrmals eine bestimmte Baumart geliefert worden, die in diesen Breiten nicht heimisch war.
Für Satrak passten die Lichter, die Süßwaren und Bäume noch nicht richtig zusammen. Nach seinem Wissensstand ging es bei Weihnachten darum, die Geburt eines Menschen zu feiern, der vor zweitausend Jahren die heute geläufigste Religion auf Larsaf III verbreitet hatte. Anscheinend hatte man ihn damals dafür getötet, und feierte heute den Sieg der Zeit über diesen historischen Irrtum: Über zwei Milliarden Menschen glaubten aktuell an seine Lehre. Der Fürsorger war sich nicht sicher, was für eine Lehre er selbst daraus ziehen sollte. Das Fest schien Hitzigkeit und Unbesonnenheit der Menschen ebenso zu beweisen wie ihre Sturheit und den Hass auf die eigene Fehlbarkeit – allesamt gute Gründe für die Existenz des Protektorats.
Andererseits, wenn Bäume eine Rolle dabei spielten, konnte es so schlecht nicht sein … oder?
Die ersten Minuten im Büro des Administrators zeigten ihm leider, dass er absolut keine Ahnung hatte, worüber es bei diesem Weihnachten wirklich ging.
Da waren die Gerüche: harzige, würzige, schwere Gerüche nach Räucherwerk und Süßspeisen. Da waren die Geräusche: kleine Glöckchen und das Klappern von Windspielen, die die leisen Gespräche der Gäste mit ihrer Musik unterlegten. Und da waren die Lichter: große und kleine, von künstlichen Lichtquellen und offenem Feuer in einem Ausmaß, dass es eindeutig einen Verstoß gegen die Sicherheitsprotokolle darstellte. Doch noch ehe der Fürsorger einen Protest äußern konnte, löste sich Homer G. Adams aus der Menge und humpelte auf ihn zu.
Fast hätte er ihn nicht wiedergekannt. Der Administrator, sonst bekannt für seine achtlose, um nicht zu sagen verschlissene Kleidung, trug wie die meisten Gäste einen festlich dunklen Anzug mit Krawatte. In den Händen hielt er zwei schalenförmige Gläser, von denen er eines Satrak zur Begrüßung reichte.
»Fürsorger! Es freut mich ungemein, Sie in meinem bescheidenen Reich zu begrüßen. Möge der Geist der Weihnacht Einzug auch in Ihr Herz halten!«

Verunsichert nahm Satrak das Glas entgegen. Es enthielt eine hellgoldene, perlende Flüssigkeit mit fruchtig-alkoholischem Geruch. »Der Geist der Weihnacht?«, erkundigte er sich.
»Eine der vielen Erscheinungsformen des Heiligen Geistes«, flüsterte Adams verschwörerisch und stieß mit ihm an. »Tchin Tchin!«
Satrak nippte. Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass das Getränk für vergorenen Saft durchaus annehmbar schmeckte. Er hatte in seiner Karriere als Botschafter schon Schlimmeres zu sich nehmen müssen.
»Sie müssen entschuldigen, falls mein Verhalten Anlass zu Missfallen geben sollte. Ihre festlichen Gepflogenheiten sind noch unbekanntes Terrain für mich. Dies ist mein erstes Weihnachten.«
»Das ist mir bewusst«, beruhigte ihn Adams.
»Bitte erklären Sie mir, was Sie heute für uns vorbereitet haben.«
»Nichts lieber als das. Begleiten Sie mich doch.«
Adams’ Büro führte ringförmig um den gut zwanzig Meter breiten zentralen Schacht. Verstellbare Trennwände unterteilten den Ring in verschiedene Bereiche, sodass sich den Besuchern der fünfzigste Stock des Stardust Towers an diesem Abend wie ein einziger, großer Rundgang durch die mannigfaltigen Spielarten jenes Festes darstellte, das für Milliarden von Menschen der wichtigste Tag des Jahres zu sein schien.
Das Licht war angenehm gedämpft und brachte die zahllosen Kerzen und Lämpchen zur Geltung, während vor der Panoramascheibe, wenn man nahe genug an sie herantrat, die wenigen verbliebenen Lichter Terranias und die hellsten Sterne des Wüstenhimmels zu erahnen waren.

»Wir fühlen uns sehr geehrt, dass Sie diesen Abend mit uns verbringen.« Adams dirigierte Satrak behutsam weiter. »Und wir haben lange überlegt, was wohl der passende Rahmen dafür wäre. Wie Sie wissen, verfügen wir Menschen über keine planetare, einheitliche Kultur. Wir mögen unsere Unterschiede – und das gilt besonders für unsere Gebräuche. Wir hätten Ihnen dieses Fest auf tausend verschiedene Arten präsentieren können. Wenn Sie Weihnachten in Salzburg gesehen haben, haben Sie noch lange nicht Weihnachten in Medellín erlebt. Wir hätten einen römisch-katholischen Gottesdienst feiern können oder ein afroamerikanisches Kwanzaa-Fest. Also haben die Koordinatoren und ich beschlossen, dass jeder von uns seinen Teil zum Fest beisteuern soll, angepasst an unsere besondere Situation an diesem besonderen Ort. Verzeihen Sie also den hochtrabenden Namen.«
»Was für einen Namen?«, fragte Satrak verwirrt.
»Nun, wir nennen es Terranisches Lichterfest. Als Zeichen unser Einigkeit, trotz aller Unterschiede. Ah, sehen Sie! Da ist ja auch schon Koordinator Tifflor.«
»Guten Abend, Fürsorger.« Tifflor war ein durchtrainierter Mann gerade jenseits der Jahre, die Menschen gerne als ihre besten bezeichneten, mit grauen Strähnen in seinem Haar. Wie immer war er makellos gekleidet, sein Händedruck war fest und entschlossen.
»Was haben Sie denn da?«, erkundigte sich Satrak. Hinter Tifflor stand in einer abgetrennten Nische am Fenster ein neunarmiger Kerzenleuchter, dessen mittlere Kerze ein wenig erhöht war.
»Wie Sie vielleicht wissen«, erklärte Tifflor, »entstand das Christentum aus einer älteren Religion: der jüdischen. Das Zusammenleben beider Religionen war nicht immer leicht, und bis ins letzte Jahrhundert hinein wurden den Juden unvorstellbare Grausamkeiten angetan. Doch gab es immer auch Gegenbeispiele.«
»Ich kenne Sie als jemanden, der in der Lage ist, die Unterschiede zwischen Kulturen zu überbrücken«, sagte Satrak vorsichtig.
»Meine Frau war Jüdin«, fuhr Tifflor fort. »Und weil wir beide Sturköpfe waren, trennte sich keiner von uns nach der Hochzeit von seinem Glauben und seinen Gewohnheiten. Was unter anderem zur Folge hatte, dass wir, als unser gemeinsamer Sohn geboren wurde, Weihnachten zusammen mit Hanukkah feierten. Und als das Komitee mich fragte, was mein Beitrag zu unserer Weihnachtsfeier sein würde, sagte ich, kein Weihnachten – Hanukkah.«

»Die Weihnachtsbräuche seiner Heimat sind den britischen recht ähnlich«, schaltete Adams sich ein. »Wir hätten uns höchstens über die Beilagen gestritten, die es zum Truthahn gibt. Von daher gefiel mir die Idee, etwas anderes zu machen.«
»Außerdem war es mir sehr wichtig, dass Sie das sehen.«
»Was sehen?«, fragte Satrak.
»Das Licht«, sagte Tifflor und deutete auf den Kerzenständer. »Es soll nicht das Haus erhellen, sondern die Welt vor dem Fenster. Verstehen Sie? Alle sollen es sehen. Das Licht von Terrania.«
Der Fürsorger vertiefte sich in den Anblick der flackernden Kerzen.
»Das Licht ist in allen irdischen Religionen ein wichtiges Symbol«, übernahm Adams dankend und führte den Fürsorger weiter. »Ehe wir zum Kern des Weihnachtsfestes vorstoßen, möchte ich Ihnen daher noch ein weiteres irdisches Fest präsentieren, das die letzten Jahrzehnte zwar immer mehr mit Weihnachten verschmolz, aber auf eine sehr lange eigenständige Tradition zurücksieht.«
Im nächsten Bereich brannten unzählige kleine Öllampen aus Ton, die einen schweren, aromatischen Geruch verströmten. Dazwischen schritt eine füllige Frau in einem aufwändig verzierten roten Gewand umher, das aus einer einzigen Stoffbahn zu bestehen schien, und platzierte feuerrote Blumen und Blättergirlanden. Satrak erkannte Kareena Chopra, die Koordinatorin für Verwaltung und Haushalt, mit der er noch nicht häufig persönlich zu tun gehabt hatte. Als sie ihre Besucher bemerkte, unterbrach sie ihre Arbeit und trat sicheren Fußes auf sie zu. Satrak kam es wie ein Wunder vor, dass ihr Gewand inmitten der zahlreichen Flämmchen nicht Feuer fing.
»Fürsorger«, begrüßte sie ihn. »Administrator. Was für eine Ehre.«
»Ich erklärte unserem Gast gerade, dass unsere Feste viele Gesichter kennen, Lichter aber oft eine wichtige Rolle dabei spielen.«
»In der Tat.« Sie deutete um sich. »Was Sie hier sehen, sind Diyas, wie man sie in meiner Heimat zu Diwali verwendet, das hinduistische Lichterfest. Wir entzünden sie überall, um den Sieg des Lichts über die Dunkelheit zu feiern.«
»Die Geschichte Ihrer Feste scheint konfliktreicher zu sein, als ich dachte. Sagten Sie nicht, es wäre ein Fest des Friedens?«
Adams zuckte entschuldigend die Schultern. »Man lernt dazu.«

»Wie Sie vielleicht wissen, war Indien, meine Heimat, bis vor hundert Jahren eine Kolonie Großbritanniens, der Heimat von Mister Adams.« Die Koordinatorin schenkte dem Administrator ein wissendes Lächeln. »Und so kamen wir auch in Kontakt mit Weihnachten. Immerhin fünfundzwanzig Millionen Christen leben heute in Indien –, wir sind ein großes Land – und für diese ist Weihnachten ein großer Tag. Genau so nennen wir das Fest auch: Bada Din, der große Tag. Was Sie hier sehen, sind Weihnachtssterne und Mangoblätter – nicht gerade die typische Dekoration in anderen Teilen der Welt, in Indien aber schon. Soweit ich weiß, werden Sie im Laufe des Abends noch die Bekanntschaft einiger anderer spezieller Bräuche machen.«
»Verraten Sie noch nicht zu viel«, bat Adams.
»Ich bin schon sehr gespannt«, versicherte ihr Satrak. »Und es freut mich, wenn Weihnachten heute eine verbindende Funktion für die Kulturen Ihrer Welt erfüllt. Werde ich nun den Kern des Festes kennenlernen, wie Sie es versprachen? Ich nehme an, dass die verbliebenen Koordinatoren ebenfalls etwas vorbereitet haben.«
»Oh ja«, bekräftigte Adams. »Ich hoffe, Sie haben einen guten Appetit mitgebracht.«
»Es gibt auch etwas zu essen?«
»Mein lieber Fürsorger«, sagte Adams und führte ihn weiter. »Sie machen sich ja gar keine Vorstellung.«
Aus dem nächsten Bereich schlug ihnen warmer Harzgeruch entgegen. Fast meinte Satrak, zu seiner Pflanzung zurückzukehren, doch er erkannte schnell, dass er sich getäuscht hatte. Nur ein einziger Baum stand dort hinter der Trennwand – aber was für einer! Dunkelgrün und von perfekter Kegelform, ein Nadelgewächs, dessen Spitze bis unter die Decke reichte, dessen Stamm, wie er nun sah, jedoch abgetrennt worden war und in einer schweren Eisenklemme steckte.
Und er war über und über mit glänzenden Kugeln, Fäden und blinkenden Sternen behangen.

»Das«, sagte Adams, »ist Weihnachten.«
Satrak stand wie versteinert. »Wieso haben Sie dem Baum das angetan? Wo liegt der Sinn?«
»Der Weihnachtsbaum hat seine Ursprünge im Deutschland des fünfzehnten oder sechzehnten Jahrhunderts. Freilich findet man schon bei den antiken Hochkulturen und in germanischen Kulten die Tradition, immergrüne Bäume als Zeichen des ewigen Lebens …«
»Aber dieser Baum ist tot!«, unterbrach Satrak. »Und wenn er es noch nicht ganz ist, so wird er es sehr bald sein.«
»Wenn Ihnen am Wohl dieses Baums so gelegen ist, wieso retten wir ihn dann nicht? Mit Ihrer Technik sollte es Ihnen doch ein Leichtes sein, die Wunde zu heilen und neues Wurzelwerk zu züchten.«
»Das ist richtig«, sagte Satrak nicht ohne eine Spur von Stolz. »Ich werde alles Nötige veranlassen.«
»Ausgezeichnet«, sagte Adams erleichtert und wollte weitergehen.
»Warten Sie.« Nachdem sich das künftige Schicksal des Baums geklärt hatte, wirkte der Fürsorger auf einmal sehr interessiert an den Details seiner Dekoration. »Worum handelt es sich bei diesen … sind das Schuhe? Sie sind so winzig.«
»Es sind Kinderschuhe«, bestätigte Adams. »Für die Geschenke.«
»Die Geschenke?«
»Natürlich. Geschenke sind ein wichtiger Bestandteil des Weihnachtsfests. Menschen beschenken ihre nächsten Familienangehörigen und insbesondere die Kinder, wenn sie welche haben. In vielen Kulturkreisen sollen die Kinder aber nicht wissen, von wem die Geschenke kommen. Daher die Schuhe. Damit man sie heimlich befüllen kann.«
»Aber wieso Schuhe?«
»Auch darüber herrscht Uneinigkeit. In meiner Heimat wären es ja die Socken gewesen, aber die hätten sich eher schlecht am Baum gemacht. Daher haben wir uns für die französische Variante entschieden.« Er entdeckte Élodie Marceau, die gerade aus der Richtung des Essbereichs kam, und winkte sie zu sich. Die schlanke, grauhaarige Frau trug eins ihrer typischen Businesskostüme und wirkte selbst inmitten der lachenden Kinder und blinkenden Lichter, als ob sie gerade von einer Aufsichtsratssitzung käme. »Sie kennen ja unsere Koordinatorin für Wirtschaft und Finanzen«, sagte er. »Élodie, vielleicht möchten Sie dem Fürsorger die Ökonomie des weihnachtlichen Schuhbazars näherbringen.«

»Aber gerne.« Sie lächelte. »Die Schuhe – oder die Strümpfe, falls Sie Weihnachten in England oder den Vereinigten Staaten feiern – werden vom Weihnachtsmann mit Süßigkeiten gefüllt. Père Noël, wie er bei uns heißt. Mister Adams kennt ihn als Father Christmas, Mr. Tifflor als Santa Claus und Mr. Dahlgren als Julemand. Ich glaube, in Indien nennt man ihn Christmas Baba. Alle etwas unterschiedlich, doch im Wesentlichen gleich.«
»Ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen folgen kann«, sagte Satrak, doch Adams bedeutete ihm, sich zu gedulden.
»Den meisten gemein ist, dass sie auf einem von fliegenden Rentieren gezogenen Schlitten gereist kommen«, fuhr Marceau fort.
»Aber … solche Tiere existieren doch gar nicht.«
»Das wissen Sie«, sagte Adams und hob mahnend den Finger. »Aber die Kinder nicht.«
»Sie lügen sie an?«, fragte der Fürsorger tadelnd.
»Tatsächlich ist es sehr lehrreich«, widersprach Adams. »Die Flugfähigkeit von Rentieren gilt als eins der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zum bodengebundenen Karibu.«
»Sie treiben Scherze.«
»So hat mein Vater es mich gelehrt, und ich hatte nie Anlass, an seinen Worten zu zweifeln.«
Marceau hob die Brauen. »Dann glaubten Sie wahrscheinlich auch an den Weihnachtsmann.«
»Wer hätte den Schlitten sonst lenken sollen?«
»Und denken Sie an die Geschenke.«
»Aber ja.«
Es war offensichtlich, dass der Fürsorger zunehmend Schwierigkeiten hatte, der Unterhaltung zu folgen.

»Wofür sind die kleinen Schälchen und Gläser dort neben dem Baum?«
»Gut, dass Sie fragen. Élodie?«
»Nun, Père Noël hat eine weite Reise hinter sich, denn schließlich lebt er am Nordpol. Es ist wichtig, dass er sich stärken kann. Und seine Rentiere natürlich auch.«
»Für die Tiere sind die Karotten hier unten«, erklärte Adams und trat begleitet von einer neugierigen Kinderschar neben die Anrichte, die sich außerhalb der Reichweite der kleinen Hände befand. »Und hier oben haben wir Mince Pies und Sherry für Father Christmas. Er wird sicher nichts dagegen haben.« Er goss ihnen drei Gläser ein. Mit großer Selbstbeherrschung verfolgte Marceau, wie er dem Fürsorger die Champagnerschale abnahm und durch ein Sherryglas ersetzte. »Probieren Sie. Bristol Cream.«
Satrak roch vorsichtig an dem Glas. »Das ist … süßer und auch … stärker. Heißt das, dass es das qualitativ hochwertigere Getränk ist?«
»Diese Frage sollten wir im Sinne der britisch-französischen Freundschaft besser unbeantwortet lassen«, wich er diplomatisch aus. »Santé!«
»Eigentlich gehören Schuhe und Karotten ja vor die Tür oder neben den Kamin«, führte Marceau aus. »Traditionell würde Père Noël seinen Schlitten nämlich draußen parken und durch den Schornstein kommen. Leider haben wir keinen Schornstein, deshalb dachten wir, bitten wir ihn mitsamt seinen Rentieren doch einfach herein. Dann kann er hier gemeinsam mit den Kindern essen.«
»Ich war der Ansicht, als Mann von Welt würde Father Christmas heutzutage durch den Antigravschacht herabsteigen«, entschuldigte sich Adams. »Wäre das nicht die offensichtliche Wahl? Aber der Rest des Komitees war dagegen.«
»Wozu braucht er fliegende Rentiere, wenn im Schacht keine Schwerkraft herrscht?«, rügte ihn Marceau. »Wo bleibt da der Zauber der Weihnacht? Oder wollen Sie die armen Tiere etwas arbeitslos machen? Also wirklich! Sie sollten sich reden hören.«

»Gut, gut«, freute sich Satrak, der allmählich aufzutauen begann. Vielleicht tat ja auch der Sherry seine Wirkung. »Ich sehe, dass Späßetreiben ebenfalls zu diesem Fest gehört.« Interessiert beäugte er weiter den von ihm adoptieren Baum, entschlossen, ihm nun auch die letzten Rätsel zu entreißen. »Was ist mit den Milchschälchen dort unten?«
»Die sind für die Nissen«, erklärte Adams.
»Nissen?«
»Julenissen. Kleine Elfen. Fragen Sie Koordinator Dahlgren danach. Er bestand darauf, sie nicht zu vergessen, und wird es Ihnen gerne erklären.«
»Ich beginne zu begreifen«, sagte der Fürsorger. »Dann sind das – die Nissen, die Rentiere, der Weihnachtsmann mit den Geschenken – sicher auch die Figuren, die da unter dem Baum stehen?«
Marceau räusperte sich. »Bedaure, Fürsorger. Das ist die heilige Familie mit ihrem Kind, und die drei mit den Geschenken sind die Könige aus dem Morgenland.«
»Ich verstehe nicht …«
»Jesus Christus.«
»Der Religionsstifter?«
»Er wurde in einem Stall geboren.«
»Keinem Wald?«
»Wie kommen Sie auf einen Wald?«
»Nun, wegen des Baums …«
»Bedaure. Tatsächlich war es ein Stall.«
Satrak legte grübelnd den Kopf schief. »Mit Rentieren?«
»Keine Rentiere. Nur Ochsen und Esel.«
»Aber das ergibt keinen Sinn!«, rief der Fürsorger aus. »Nichts von dem, was Sie mir die letzte Viertelstunde gezeigt und erklärt haben – der Baum, der Vater, der am Nordpol lebt, die fliegenden Tiere, die kleinen Elfen – hat irgendetwas mit der Geschichte Ihres Religionsstifters zu tun!«
»Immerhin gab es Geschenke«, sagte Adams versöhnlich und verwies abermals auf die drei Heiligen. »Wollen wir uns nun zu Tisch begeben?«

© Oliver Plaschka

fantastischer Adventskalender 2014

[fantastischer Adventskalender 2014] 18

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Yvonne van Acht, über die ich erst vor ein paar Monaten bei Facebook gestolpert bin. Die Infos und die Leseprobe zum ersten Teil ihrer Reihe “Die Hüter des Siebensterns” haben mich so angesprochen, dass das Buch gleich auf der Wunschliste gelandet ist. :) Unbedingt auch die Bilder und das Kunstprojekt anschauen!

Beschreibung zu Teil 1 der Trilogie: Zero

„Du musst ganz durch dich selbst hindurchgehen, wenn du verstehen willst, wer du bist und was du wirklich tun willst.“

An seinem 16. Geburtstag erhält Jonas Singer von seinem Vater, einem berühmten aber verbitterten Bildhauer, die alten Notizbücher seiner verstorbenen Mutter Elisa. Ihre mysteriösen Aufzeichnungen führen Jonas zu einem Jahrtausende alten Geheimbund, der sich die „Hüter des Siebensterns“ nennt. Dessen Anhänger weihen ihn in die phantastische Welt der Seelen, die „Anders-Welt“ und ihre Mysterien ein. Langsam begreift er, dass er eine uralte Seele ist, die wiedergeboren wurde, um eine besondere Aufgabe zu lösen. Denn auf seiner Familie lastet ein dunkles Geheimnis, das sein Leben überschattet und unweigerlich bestimmen wird. Und während Jonas sich auf den Weg zu dem wahren Grund seines Seins und seiner Aufgabe macht, beginnt man als Leser sein eigenes Leben zu reflektieren und nach seinem eigenen Lebensauftrag zu forschen, denn der magischen Kraft des Siebensterns kann sich niemand entziehen.

© Yvonne van Acht

Yvonne van Acht ist eine renommierte Künstlerin, deren Werke bereits in zahlreichen Ausstellungen zu sehen waren. Sie studierte Malerei in Maastricht und Essen und reiste durch Lateinamerika und China. In ihrer Kunst und Literatur vereint van Acht Gedanken und Motive aus west-östlicher Philosophie und Mythologie, sowie Mystik und Alchemie.

„Die Hüter des Siebensterns – Zero“ ist der Auftakt zu einer mystischen Fantasy-Trilogie, die anhand des historisch belegten Siebensterns der Alchemie eine Initiations-Reise aus der Dunkelheit ins Licht beschreibt, in der das innere Reifen eines jungen, naiven Helden zu einem bewussten, wachen Menschen im Mittelpunkt steht.
 

Winter-Weihnachts-Wunder-Welt

Gänsebraten, Zimtsterne, Rotwein. Von allem zu viel. Ich flüchtete nach draußen in die winterweiße Nacht. Die kühle Luft ließ mich aufatmen. Beim Zufallen der Tür hörte ich noch Tante Margret hysterisch auflachen, wie immer, wenn sie zu viel getrunken hatte. Ich war genervt von ihrem verächtlichen Spott über das Weihnachtsfest. Dabei bemühte ich mich so sehr, eine festliche Stimmung zu kreieren. Doch sie durchbrach immer wieder mein magisches Wirken mit unsensiblen Äußerungen, die selbst meine Mutter aufregten und Oma Gerda verärgerten. Ich wollte aber Weihnachten. Es fand bei uns zu Hause statt und ich wollte, dass dieser Abend ein Fest des Lichtes sein würde und meine Kinder die „Heilige Nacht“ in tiefster Erwartung und nervöser Aufregung ihrer kindlichen Seele erlebten, wenn am ersten Weihnachtstag die Geschenke wie durch ein Wunder unter dem Tannenbaum liegen würden. Ich wollte, dass sie an das Wunder glaubten und an all dem Zauber drum herum. Nicht wegen dem Weihnachtsmann, sondern weil sie in dieser Zeit auf spielerischer Art und Weise die Möglichkeit bekamen, ihre inneren Seelenpforten zu öffnen, um ahnend zu spüren, dass die Welt eigentlich unendlich groß und voller Wunder war. Diese Ahnung war das eigentliche Geschenk zur Weihnacht. Doch meine Tante, die uns mit ihrem diesjährigen Besuch nach langer Zeit beehrte, schien nicht zu wollen, dass es uns allen, besonders meinen Kindern zuteilwurde.

Ich schaute seufzend in die mit festlichen Lichtern erleuchteten Fenster. Die Vorgärten waren weihnachtlich geschmückt, die Bäume und Büsche mit Lichtern wie Sterne übersät. Sie riefen ein altvertrautes Geborgenheitsgefühl in mir wach, das ich melancholisch aufnahm. Damals, als ich selbst noch ein Kind war, hielt die Weihnachtszeit für mich eben jenen magischen Zauber inne, den ich jedes Jahr hingebungsvoll genoss. Alles schien in Heimlichkeit versunken und hinter beinah jeder weißgeschneiten Tanne vermutete ich eine Pforte in eine andere Welt, die mich lockte, um deren Geheimnisse zu ergründen. Die Zeit um Weihnachten überlagerte unseren Alltag wie eine andere Dimension, die ich glühend aufsog und mit meiner kindlichen Phantasie füllte. Ich glaubte an den Weihnachtsmann, ich nannte ihn heimlich „Merlin, den Zauberer“, und meine Aufregung wuchs bis „Heilig Abend“ ins Unermessliche. Zuerst gab es das traditionelle Weihnachtsessen, Gänsebraten mit Rotkohl und Klöße, allein der Duft verhieß die nahe Ankunft des lang Ersehnten. Schon damals aß ich viel zu viel davon, als ob ich mir damit die besondere Magie physisch einverleiben könnte. Meine Kinderaugen staunten über den Glanz der Lichter am Tannenbaum, der am Morgen des Weihnachtstages überirdisch erstrahlte. „Heilig Abend“ grenzte an Zauberei, meine Eltern spielten die Rituale so gekonnt, dass ich sie für Könige hielt, die die Geschicke der Weihnachtszeit lenken konnten. Und so ließ ich all die Kräfte in tiefem Vertrauen in mir wirken, die an diesem Tag aus der Weihnachtswelt in mein kindliches Gemüt strömten und mein Innerstes glückselig vibrieren ließen.

Heute musste ich diesen Zauber verteidigen. Tante Margret schimpfte über eine abgezockte und konsumverkommene Weihnachtsmann-Zwangs-Ideologie-Gesellschaft. Meine Kinder starrten sie mit großen Augen an und wagten kaum zu atmen, als sie im Begriff waren, eine notwendig wichtige Frage zu stellen hinsichtlich der Existenz des Weihnachtsmannes. Ich zog sie beschützend aus der Situation heraus und warf Tante Margret einen verärgerten Blick zu. Meine Kinder sollten die Magie der Weihnachtszeit spüren dürfen und ich kämpfte gegen die willentliche Zerstörung dessen mit allen Mitteln an. Mir ging es nicht darum, den Mythos des Weihnachtsmannes aufrecht zu halten, sondern den besonderen Zauber der Weihnachtszeit zu leben und ihn durch Rituale an meine Kinder zu vermitteln. In den langen dunklen Wintertagen öffneten sich unsere Sinne und Empfindungen auch für Geschichten und Erzählungen, die über den Tellerrand hinausgingen. Wenn man abends zusammen saß mit Freunden oder mit der Familie, kamen die ersten Jahresrückblicke. Erlebnisse der besonderen Art wurden neu oder wieder erzählt und wir fanden uns alle in einer gleichklingenden, empfindsamen Stimmung ein. Das Jahr ging zu Ende, die Lichter erhellten es zum Abschied, um in den dunklen, kalten Januar zu münden. Zwar wurden die Tage wieder länger, doch der Winter brach dann meist hindurch und jeder zog sich in sich selbst zurück, um das neue Jahr mit guten Vorsätzen und Resümees zu weihen.

Dieser besondere Übergang aus der dunklen in die lichte Zeit, die Wintersonnenwende, berührte meine Seele seit ich denken kann. Die weihnachtlichen Lichter waren wie Wegweiser, um sich am höchsten Stand der Dunkelheit nicht zu verirren, sondern die Wende des Lichts zu begrüßen. Der Weihnachtsmann wirkte dabei symbolisch in der Gestalt von Merlin und sein Zauber brachte wahre Wunder hervor, nämlich Herzen zu entzünden.
Ich atmete tief und ruhig. Unter meinen Schritten knirschte der Schnee. Vereinzelte Flocken tänzelten vom dunklen Winterhimmel herab. Ich konnte sie noch spüren, diese Magie, ich lud mich gerade damit auf und nahm mir vor, Tante Margret etwas davon zu schenken. Lächelnd kehrte ich um. Als ich zu Hause ankam, fand ich meine Familie immer noch am Tisch mit Kaffee und Cognac. Meine Kinder spielten auf dem Teppich und ich nahm Tante Margret den Rotwein aus der Hand.
„Komm. Wir gehen jetzt spazieren, nur du und ich. Ich will dir da draußen etwas Besonderes zeigen und vielleicht hast du ja schon mal was von „Merlin, dem Zauberer“ gehört.“

© Yvonne van Acht

fantastischer Adventskalender 2014

[fantastischer Adventskalender 2014] 17

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Ju Honisch, von der ich zuletzt Die Quellen der Malicorn gelesen habe. Eine komplexe und magische Geschichte mit vielschichtigen Figuren und etwas anderen Einhörnern: Gestaltwandler, die nicht rein, edel und gut sind, sondern ihre ganz eigenen Ecken und Kanten haben.

© Ju Honisch

Aufgewachsen bin ich in Bayern, wo ich zur Schule ging und an der Ludwig-Maximilians-Universität studierte (Anglistik und Geschichte). Meinen allerersten Roman habe ich schon unter der Schulbank im zarten Alter von dreizehn geschrieben, unveröffentlicht natürlich (und für immer unter Verschluss). Über einen Magister und zwei Staatsexamina brachte mich mein Weg dann ins Verlagsgeschäft und von dort zum professionellen Schreiben: Kurzgeschichten, Romane, Gedichte und Lieder.

Inzwischen wohne ich in Hessen, wohin mich die Liebe verschlagen hat.
Vieles was ich schreibe, gehört in den Bereich der Phantastik oder ist nicht weit entfernt davon angesiedelt. Niedliche Feen und romantische Elflein wird man allerdings umsonst in meinen Büchern suchen. Ich mag es spannend. Ich mag es schwarzhumorig. Ich mag es handfest. And what I like is what you get.

 

Wieder

Das Jahr war viel zu kurz
Gerade eben öffneten sich zarte Blüten an den Bäumen,
Und irgendwann war Sommer,
Doch er blieb nicht im Gedächtnis.
ER ist dran schuld.
Er nennt sich Zahn
Und schmückt sich mit dem Beinamen der Zeit.
Er nagt.
Und nagt.
Und mit den Jahren scheint er zuzunehmen
An Macht und auch an Kraft,
An schierem Umfang.
Er beißt mir Stücke aus dem Leben
Verschlingt sie, und es scheint,
Sie wären niemals dagewesen.
Der Rest der Zeit rückt dann zusammen,
Wird kurz und kürzer Jahr um Jahr.
Der Zahn jedoch macht weiter unbeirrt.
Wann hat er sich so breit gemacht in meinem Leben?
Saß ich nicht eben noch am Fenster
Und sah dem Schnee beim Treiben zu?
Jetzt droht der Schnee erneut.
Mit jedem Tage kommt er näher.
Wo sind die bunten Blätter hin,
Die eben noch vom Wind verwirbelt
Die Welt verschönten?
Man müsste traurig sein,
Doch in der Dunkelheit
Da ist ein Licht.
Es ist ein anderes Licht für jedermann,
Doch es ist da,
Heißt manchen Gottheit, manchen Neuanfang.
Es leuchtet, wenn der Zahn das Jahr gefressen hat
Und rülpsend in der Ecke liegt
Zur allerdunkelsten der Stunden,
Wenn unsere Seelen bröckeln.
Es brennt aus jenem Wunder,
Das stets im Kreis und doch voran uns führt
Vom Ende hin zum Anfang.
Wir feiern es
Auf diese oder jene Weise.
Wir lassen unsere Fenster leuchten
Bis in unsere Sinne.
Wir blicken in die Flamme.
Manche singen
Am Ende allzu kurzer Tage.
Denn aus der Dunkelheit
Gebiert die Kälte
Die Wärme und das Licht.
Und wenn man sich auf sonst schon nichts verlassen kann,
Das Licht kommt wieder.
Alle Jahre.
Wieder.

© Ju Honisch

fantastischer Adventskalender 2014

[fantastischer Adventskalender 2014] 16

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Manuel Charisius, von dem ich zuletzt Weltenlied (Saga der Zwölf 1) gelesen habe. Es lohnt sich, diese stimmungsvolle und emotionale Geschichte aufmerksam zu lesen, weil man sie dann auf einer tieferen Ebene verfolgen kann. Es gab so einige Anhaltspunkte und eingestreute Informationen, die meine grauen Zellen zum Rotieren gebracht haben. Daher hatte ich auch viel Spaß beim Spekulieren, denn ich werde als Leser auch gerne gefordert und mag es, wenn mir nicht alles wie auf einem Silbertablett präsentiert und erklärt wird.

© Manuel Charisius

 
Ich bin 1979 geboren und schreibe seit meiner Jugend – hauptsächlich Fantasy-Romane mit zumeist anthropomorphen Figuren. Nach einem längeren Studium der Anglistik und Germanistik in Heidelberg und Auckland, Neuseeland, arbeitete ich zunächst als Redakteur und Webdesigner. Seit geraumer Zeit texte ich hauptsächlich anderer Leute Bücher, schreibe nebenbei aber auch meine eigenen.

Mein letzter Roman WELTENLIED – SAGA DER ZWÖLF ist im Juni 2014 als Amazon-E-Book erschienen. Die Geschichte um Káor den Löwen, Ashúra den Adler und Ríyuu den Windreiter ist keine Fortsetzung von STREUNER, sondern spielt in einer völlig neuen, eigenständigen Welt.
 

Unser kleines, öffentliches Bücherregal

Zwei Straßen weiter gibt es ein öffentliches Bücherregal. Naja, „Regal“ ist vielleicht zuviel gesagt – auf die Platte eines alten Gartentisches (wie ich vermute) wurde ein hölzerner Aufbau montiert, der oben mit dem Flachglas eines ausrangierten Bilderrahmens bedeckt ist. Das Ganze thront auf einem Metallgestänge, das mit dem Zaun zum Vorgarten verschraubt ist und ebenfalls stark den Eindruck erweckt, zweckentfremdet worden zu sein.
Passanten haben vom Gehweg aus direkt Zugang und können Sachen deponieren, die sie nicht mehr brauchen. Umgekehrt darf sich jeder hemmungslos aus dem Regal bedienen. Kurz gesagt, es handelt sich um eine öffentliche Tauschstation, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche geöffnet hat.

Zu den Sachen, die getauscht werden, zählen hauptsächlich Bücher, manchmal sind aber auch Musikkassetten, DVDs oder Videospiele dabei. Das Angebot ist von äußerst unterschiedlicher Qualität: Vom vergilbten, zerlesenen Bibliotheksexemplar (ob ausgemustert oder geklaut, wollen wir lieber nicht wissen) über das etwas ältere, aber durchaus neuwertige Hardcover mit Schutzumschlag (der überklebte Verkaufspreis deutet auf ein unerwünschtes Geschenk hin) bis zum aktuellen Taschenbuch-Bestseller kann alles dabei sein.
Mittlerweile gehöre ich sozusagen zu den Stammbesuchern – schließlich sind Bücher eine meiner Leidenschaften. Nicht ohne Stolz kann ich behaupten, dass mir bereits einige gute „Fänge“ ins Netz gegangen sind. Gerade neulich entdeckte ich Ilija Trojanows Der Weltensammler als Taschenbuch im einwandfreien Zustand. Zu meiner gebundenen Ausgabe von Thornton Wilders Der achte Schöpfungstag gesellte sich vor kurzem Theophilus North hinzu, ebenfalls gebunden und in brauchbarem Zustand. Eine Gesamtausgabe der Werke Heinrich von Kleists besitze ich neuerdings ebenso wie die – eindeutig nur angelesene – englischsprachige Taschenbuchausgabe von Dave Eggers’ The Circle (das mir bislang nur als E-Book vorgelegen hatte). Als Germanist konnte ich an Matthias Lexers Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch ebenso wenig vorbeigehen wie an Ingeborg Drewitz’ (zugegebenermaßen unsäglichem) Gestern war heute: Hundert Jahre Gegenwart. Als Fantasy-Fan musste ich Tad Williams’ Shadowmarch Band I: Die Grenze – gebunden und neuwertig – ebenso ein neues Zuhause geben wie Philip Pullmans The Subtle Knife und Brian Jacques’ Martin der Krieger.

Auch meinerseits habe ich immer mal wieder Bücher aus meinem Bestand aussortiert und in das öffentliche Regal gestellt, schließlich ist der Platz in meiner kleinen Dachwohnung begrenzt; einmal war sogar ein signiertes Exemplar von Streuner dabei. Nicht zuletzt ist das Regal ideal, will man sich über ein bestimmtes Buch ein Bild machen, es aber nicht unbedingt behalten – dann stellt man es einfach zurück.

© Manuel Charisius

Das Regal ist aber nicht nur reine Tauschstation, sondern auch eine Art Begegnungsstätte für Leute mit Interesse an Kommunikation. Man trifft sich, grüßt einander, mitunter ergibt sich ein kurzes Gespräch. Ab und zu sieht man sich wieder – außer mir scheint es noch mehr „Stammgäste“ zu geben. Ein älterer Herr pflegt ausgiebig in die Bücher hineinzulesen, bevor er sich für eines oder maximal zwei entscheidet. Eine junge Dame schleppt regelmäßig stapelweise (und scheinbar wahllos) das Druckwerk von dannen. Eine ältere, pragmatisch wirkende Frau sortiert die Bücher und stellt sie schön gerade hin, damit das Regal auch immer ansprechend aussieht. Eine andere sorgt dafür, dass sich kein Müll ansammelt, indem sie Zeitschriften, überholte Fachliteratur und beschädigte Titel herausnimmt und entsorgt. Ein Mann in den besten Jahren nutzt die Stelle als Treffpunkt und verwickelt jeden, der sich dem Regal nähert, in Gespräche über die aktuelle Bundespolitik. Meine Wenigkeit ist wohl mittlerweile als der Typ mit Rucksack und Mountainbike bekannt, der zu jedem noch so obskuren Bändchen irgendeinen Kommentar auf Lager hat …

Ich finde, unser kleines öffentliches Bücherregal beweist, dass Bücher Menschen verbinden. Gerade in der kalten Jahreszeit ist es ein Ort, wo man sich einander begegnet, ein paar nette Worte austauscht und vielleicht über das ein oder andere Buch zu plaudern beginnt – ganz zwanglos und spontan, wie auch immer es sich gerade ergibt.
Meine einzige Sorge besteht darin, dass die improvisierte Konstruktion nicht wetterfest ist. Bei Regen erleiden die ganz vorn stehenden Bücher regelmäßig einen Wasserschaden. Sobald der erste Schnee fällt, wird es ihnen kaum besser gehen. Vielleicht fällt mir ja bis dahin was ein …

© Manuel Charisius

fantastischer Adventskalender 2014

[fantastischer Adventskalender 2014] 15

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Astrid Rauner, die mit “Anation. Wodans Lebenshauch” in meinem Bücherregal vertreten ist. Leider noch ungelesen, auch wenn mir die Leseprobe sehr gefallen hat. ;) Der erste Band der Reihe “Von keltischer Götterdämmerung” spielt im 2. Jahrhundert v. Chr. und handelt von dem jungen Aigonn, der seine erste Schlacht schlägt, die seinem Stamm fast den Untergang bringt. Das Blatt wendet sich, als eine junge Frau von den Toten aufersteht und ihm anvertraut, dass in ihr eine alte, fremde Seele zurückgekehrt ist. Denn sie erkennt, dass er ein Seher ist, der die Geister der Toten sieht und in ihren zurückgelassenen Erinnerungen lesen kann. Gemeinsam versuchen sie, Antworten zu finden …

© Astrid Rauner

 
 
 
 
Astrid Rauner wurde 1991 in der hessischen Wetterau geboren und hat in Gießen Umwelt- und Ressourcenmanagement studiert. Seit dem Abschluss ihres Studiums arbeitet sie als Grundwasserschutzberaterin in der Landwirtschaft.

Ihre große Leidenschaft gilt der Vor- und Frühgeschichte Europas. Zum Thema Kelten und Germanen hat sie bereits vier Romane veröffentlicht, in welchen historische Lücken auch gern mit phantastischen Elementen gefüllt werden.
 
 
 
 

Rauher Percht

Der Frost hat mir Blüten auf die Scheibe gemalt. Sie blicken in mein Haus hinein wie stumme Gäste, sehen mir zu, wie ich dem Tag beim Dämmern zuschaue. Ein Mann im roten Mantel klingelt bei meinen Nachbarn an der Haustür. Vor einer halben Stunde hat er seinen Kleinbus hinter den Eichen am Feldrand geparkt und die verschmierte Malerhose gegen das Nikolaus-Kostüm getauscht. Ich kann nicht sehen, wie der kleine Sohn meiner Nachbarn ihn schüchtern an der Tür empfängt, aber ich höre ihn lachen und für einen Moment wird es warm in meinen Fingerspitzen.
Mich besucht heute Abend niemand mehr, nicht einmal der Nikolaus. Daran wird sich auch dadurch nichts ändern, dass ich auf die Treppe vor der Haustür einen Teller Plätzchen gestellt habe. Meine Mutter hat mich inständig darum gebeten. Damit der Sturm unser Haus nicht einreißt. Ich habe sie ausgelacht, bevor sie über ihren Medikamenten im Nebenzimmer eingeschlafen ist. Aber ich weiß, wie viel ihr derlei kleine Rituale bedeuten und habe ihren Sturmgeistern daher ein paar Makronen rausgebracht.
Der Wind peitscht trotzdem meinen Holunder im Garten hin und her. Ich kann hören, wie er die Balken im Dach zum Knarren bringt. Seine Kälte schmerzt mir in den geschwollenen Händen und steckt mir in den Knochen wie eine Klinge, die jemand langsam nach unten reißt. Du musst noch eine Laterne anzünden. Wenn im Garten eine Laterne brennt, zieht die Wilde Jagd vorüber. Dann verschont sie unser Haus.
Früher habe ich ihre Geschichten von Geistern, die Sagen vom einsamen Wanderer und den Schatten des Winters geliebt, als ich noch glaubte, sie würden wahr werden. Vielleicht hören die Geister draußen wie ich sie verhöhne, als Äste gegen mein Fenster schlagen. Doch ich habe den Glauben an sie verloren, als mir das Leben bewies, dass Wunder nicht im wirklichen Leben geschehen. Weder im Jahreslauf und nicht einmal zur Weihnachtszeit. Mir wird eng in der Kehle, als dein Name in der Luft schwebt. Vor meinem inneren Auge zieht dein Gesicht vorüber in verwaschenem Grau. Es scheint wie von den Eisblumen überzogen und doch finde ich es nach so vielen Jahren nicht einmal dort wieder.

Der Sturm reißt mich in die Gegenwart zurück. Ein Krachen hat die Stille durchbrochen, nun knallt ein Fenster wieder und wieder in seinen Rahmen. Huscht da ein Schatten vor der Scheibe vorüber? Ich beachte ihn nicht und renne auf den Dachboden, wo ich kaum das Fenster verriegeln kann, so sehr zerrt und zieht der Sturm an ihm. Ein Blick durch den Türspalt genügt, um zu sehen, dass meine Mutter trotz des Lärms noch immer schläft. Ich wünsche mir so sehr, sie könnte nun an meiner Seite sitzen und von den Sturmgeistern erzählen, Geschichten, die immer gut enden. Doch diese Tage sind vorüber und sie dazu zu krank. Daher kann ich nichts tun, als mich zurück auf die Nische vor dem Fenster zu setzen und zu hoffen, dass der Sturm unser Haus verschont. Vielleicht wäre die Laterne doch ein Versuch…
Da ist er wieder, der Schatten in meinem Garten! Eine dunkle Gestalt huscht in der Dämmerung zwischen den Sträuchern. Ich wage keine Bewegung, gefriere hinter dem Fenster. Warum bist du nicht hier? Warum hast du mich in diesem Haus zurückgelassen, das kein Feuer erwärmt, egal wie sehr ich es schüre, und mir nun zur Falle werden soll?
Endlich erkenne ich den Fremden, es ist ein junger Mann mit verhärmtem Gesicht. Seine Haare hängen ihm dünn und strähnig über den Schultern, die er in ein zum Dreieck gefaltetes Wolltuch gehüllt hat. Der Sturm beugt ihm den Rücken, während er zwischen den Bäumen umherstreift. Was sucht er? Hat er mich gesehen? Die beiden Arme hält er vor der Brust verschränkt, in einer Hand ein Bündel Zweige. Fast sieht es aus wie eine Rute.
Ein Krachen lässt meinen Kopf herum fahren. Auf der anderen Seite des Hauses reißt der Sturm an einem neuen Fenster, will es zornig aus seinen Scharnieren brechen. „Hörst du uns?“, scheint er mir zuzuflüstern. „Du bist mutig, uns zu verspotten! Wer soll dir helfen, wenn wir dein Haus in Stücke reißen? Du bist allein…“
Plötzlich verdunkelt sich hinter mir die Scheibe. Ich fahre herum und blicke in klare, eisgraue Augen. Der kalte Wind hat sie tränenumspült, doch sie sehen mich voll Nachdruck an, während seine blaugefrorenen Lippen hinter dem Fenster stumme Worte formen: „Lass mich hinein!“
Ich sitze da und glaube, zur Säule zu gefrieren. Die Angst lähmt jede meiner Bewegungen. Wer ist dieser Fremde, der aussieht wie ein Obdachloser? Oder ein Reisender. Ein Reisender, wie du es gewesen bist. Den dieses Haus aufnahm und das zu deinem lang ersehnten Unterschlupf wurde, zum Ende all deiner vielen Wege und deren neuer Anfang. Wenn doch dein letzter nicht auf ewig sein Ziel in der Fremde gefunden hätte!

Ohne zu registrieren was ich tue, renne ich zur Tür und reiße am Riegel. Da steht der Fremde schon vor mir, das dunkle Haar in dünnen Strähnen eingefroren. In seinem dichten Bart hängen Kristalle aus Eis. Als ich wie erstarrt vor ihm stehe ohne etwas zu tun, stößt er mich beiseite und schließt die Tür hinter mir. Schnee fällt von seinem Mantel auf meine Dielen, während er an mir vorüber in die Stube vor den Ofen tritt und die klammen Finger vor die Flammen hält. Ohne einen Gruß blickt er zu mir auf und raunt: „Willst du dein Haus vom Sockel gerissen sehen oder warum rufst du die Wilde Jagd hier her?“
„Wovon sprichst du?“
„Du rufst und rufst den Sturm ohne ihm ein Zeichen zu geben? Du redest mit den Sturmgeistern als wären sie Weiber am Brunnen, mit denen sich tratschen lässt?“
„Es ist doch nur der Wind…“
Noch bevor diese Worte über meine Lippen kommen, erkenne ich den Irrtum darin. Oder die Lüge. „Was muss ich denn tun?“, flüstere ich. Doch bevor der Fremde eine Antwort für mich hat, ist das Haus erfüllt von einem Heulen, wie es nur aus der Hölle kommen könnte. Der Schein jedoch trügt. Es ist nichts als der Sturm. Erschrocken krümme ich mich zusammen, als draußen Blumentöpfe von den Fensterbänken geschleudert werden und krachend auf dem Hof zerschlagen. Die ganze Welt scheint aus den Angeln gehoben. Was soll ich tun? Ich stolpere ans Fensterbrett. Der Tag ist im Grau der beginnenden Nacht verschwunden, kurz und schwach im langen Dunkel des Winters. Die Silhouetten der windgepeitschten Bäume winden sich wie gebundene Tiere im Garten, zerren an ihren Fesseln, während der Schnee weißen Nadeln gleich ihr Spiel umfängt. Überall tanzen Schatten dazwischen, kommen näher.
Vor Schreck springe ich rückwärts. Ein Gesicht! Da war ein Gesicht an der Scheibe, für einen Herzschlag nur. Grau und zornig hat es mich angesehen, bevor seine Konturen im Wind verschwinden. Der Sturm zerrt und rüttelt an der Tür. Ich kann die Scharniere und das Holz quietschen hören. Viel fehlt nicht mehr, bis das Material dem Zorn der Elemente nachgibt. Noch blicke ich mich nach einem Riegel um, irgendetwas, um die Tür zu verrammeln. Zu spät! Schallend fliegt das Türblatt gegen die Wand und lässt den Sturm hinein. Ein Fenster, zwei, tun es ihr nach. Ich versuche mich gegen die Böen zu stemmen und rutschte dabei auf den Dielen aus. Der Boden empfängt mich und der Wind lässt mich nicht mehr auf die Beine kommen. Bilder fliegen von den Wänden, Glas bricht. Wie gelähmt sehe ich den Sturm meine Küche verwüsten und kann nicht glauben, was geschieht.

Auf einmal bekommt der Wind neue Konturen. Geister reiten durch mein Haus. Ich kann sie sehen, mit meinen eigenen Augen, es sind Reiter und zerlumpte Gestalten mit Mistgabeln, Dreschflegeln. Sie stürmen durch mein Heim, auf mich zu. Ihre Kälte sticht wie tausend Nadeln in meine Haut. Ich drücke nur noch die Augen zusammen und hoffe, dass es nicht wirklich ist, nichts als ein eisiger, dunkler Traum.
„Genug!“ Durch das Heulen höre ich Schritte neben mir. „Genug! Es reicht! Hier gibt es nichts für euch zu finden und nichts zu tun!“
Aus zusammengekniffenen Augen wage ich einen Blick. Der Fremde steht vor mir, seine Rute wie ein Schwert erhoben. Soll sie eine Waffe sein? Was sollte den Wind ein Bündel Äste kümmern? Die verschwommenen Gestalten scheinen meine Gedanken nachzuspüren, denn im ersten Moment reißen die Böen den jungen Mann fast von den Füßen. Wie zur Rauferei bereit wollen sie ihn an den Armen packen, zu Boden stoßen. Dann aber blicken sie immer wieder auf die Rute, die keine Waffe ist, nein, ein Erkennungszeichen. Wer ist dieser Fremde?
„Verschwindet von hier!“, befiehlt er dem Sturm. „Hier gibt es nichts!“
„Die Menschen geben uns keine Zeichen mehr!“, fauchen die Gestalten ihm entgegen. „Früher haben sie uns Lichter entzündet! Dunkel sind diese Tage und wir suchen uns einen Weg…“
Neben mir schlägt ein Gegenstand scheppernd auf den Boden. Ich traue meinen Augen kaum, als die schmiedeeiserne Laterne meiner Mutter auf den Dielen liegt, von einem der Sturmgeister zu mir geworfen. „Wenn niemand uns ein Zeichen gibt, suchen wir uns einen Weg!“ Dann verlieren sich die Worte im Heulen des Sturms. Er fegt ein letztes Mal durch den Raum, dann wehen die Geister hinaus. Durch die aufgerissene Tür kann ich die verschwommenen Gestalten sehen. Wie von einem dunklen Licht erfüllt wirbeln Dutzende Geister durch meinen Garten und formieren sich zu einem Heereszug. Für einen Herzschlag erblicke ich an ihrer Spitze einen Reiter, acht Beine hat sein Pferd. Mit einem Schrei hebt er einen Speer in die Höhe, dann verliert der Sturm seine Gesichter und fegt zornig, aber unsichtbar durch die Wipfel meiner Bäume in den Himmel hinauf.

Einen Atemzug später sind sie fort. Die Stille, die sie zurücklassen, schmerzt beinahe in ihrer Leere. Ich höre nichts außer dem Rauschen des Blutes in meinen Ohren, bis der Fremde an mir vorüber läuft, an den Ofen und dort ein Hölzchen entzündet. Wenig später steht er vor, reicht mir den Kienspan. Er lächelt darüber, wie verständnislos ich ihn ansehe. Und als ich dann noch immer vor ihm sitze wie erstarrt, sagt er zu mir: „Es genügt eine Laterne oder manchmal auch nur ein Licht im Fenster, damit die Wilde Jagd vorüber zieht. Dies ist ihre Zeit! Der Gefährte meiner Herrin führt sie durch die Lande. Du solltest gewappnet sein!“
Endlich greifen meine zitternden Finger nach dem Holz und entzünden den Docht der Kerze, die mit zerschmolzenem Wachs am Boden der Laterne klebt. Der Fremde reicht mir die Hand, um mich auf die Beine zu ziehen. Er geht mir voraus, hinaus in den Garten.
Die Wilde Jagd hat dort die Wolken vom Himmel gefegt. Kalt und klar sieht der Mond auf die Welt hinab. Vom Sturm ist nichts zurückgeblieben außer abgebrochenen Ästen und einem Hauch von Schnee, von einem weißen Leuchten erfüllt, als wollte er das Licht des Tages nicht in das Dunkel des Winters entlassen. Mein Atem malt Nebelwolken in die Luft. Ich zittere so sehr, dass mir beinahe die Laterne entgleitet. Die Kälte aber wäscht meine Gedanken rein. Schlotternd hänge ich die brennende Laterne an ihre Stange neben dem Weißdorn und bemerke, wie der Fremde mit seiner Rute drei Schritte entfernt über die verschneite Wiese streicht.
„Ich möchte dir etwas schenken.“ Er lächelt. Die Gedanken, die er dahinter verbirgt, kann ich nicht deuten. Mit gerunzelter Stirn beobachte ich, wie er einen Ast aus seiner Rute zieht, um ihn mit sanfter Gewalt in die leicht gefrorene Erde zu drücken. Traurig steht der Ast da, kahl, nur mit einzelnen, braunen Knospen bestückt. Er kann sehen, dass ich nicht verstehe, was das soll und wahrscheinlich muss ich das auch nicht. Bevor er sich zum Gehen wendet, lässt er mir jedoch zurück: „Verwirf deine Wünsche nicht. Bald wird die Sonne wiedergeboren und die Tage werden wieder länger. Dann, wenn die Zeit zwischen den Zeiten anbricht, können viele wundersame Dinge geschehen. Verlorenes kehrt wieder. Wenn du es nicht glaubst, dann schau, was meine Herrin Perchta dir schenken kann. Morgen schon wirst du es sehen!“ Damit streicht er ein letztes Mal mit der Hand über den Ast und wendet sich dann zum Gehen. Ich weiß nicht, wie lange ich ihm nachsehe. Doch irgendwann hat die Nacht ihn verschlungen.

„Kind! Kind, was machst du da draußen?“ Eine Stimme in der Stille. Ich blinzele verschlafen gegen das graue Zwielicht an. Morgenrot steigt über den Wald am Horizont. Es ist Morgen? Mein ganzer Körper ist starr vor Kälte, blaugefrorene Hände stützen ihn auf froststarrer Erde. Ich sitze noch immer im Garten. Das Licht in der Laterne flackert neben mir zwischen den Ästen des Weißdorns. Bin ich eingeschlafen? Nein, ich erinnere mich, dass ich der Nacht beim Dämmern zusah, unfähig mich zu rühren. Der Sturm hat meine Gedanken fortgeblasen. Ich fühle mich leer. Nur dein Name schwebt durch meinen Geist. Ich habe ihm schon eine Träne geschenkt, die als Eiskristall in meinem Augenwinkel liegt.
Warum bist du nicht hier? Warum lässt du mich solcher Tage allein? So, wie ich im Garten sitze, glaube ich, dass keine Kraft der Welt mich wieder auf die Beine zieht. Die Bilder der Nacht schweben mir vor Augen wie ein dunkler Traum, der erfüllt ist von dem Echo der Worte des Fremden, an die ich so gerne glauben würde.
Dann, wenn die Zeit zwischen den Zeiten anbricht, können viele wundersame Dinge geschehen.
Ein einziges Wunder würde genügen, um mein Leben aus seiner Starre zu tauen. Doch warum sollte das Schicksal es mir ausgerechnet jetzt vergönnen, nach so vielen Jahren? Für eine Nacht lang hat der Fremde Hoffnung in mir geweckt. Nun bin ich zornig darüber, dass ich seinen Worten Glauben geschenkt habe.
„Mädchen!“ Meine Mutter steht in der Tür. Auf das Geländer gestützt wagt sie sich die Treppe in den Garten hinab, unsicher, ob ihre Beine sie tragen. Verwelkt sieht sie aus, wie die im Reif erstarrten Blumen in ihrer Rabatte. Auf einmal aber macht sich in ihrer Miene ein erstauntes Lächeln breit, das so viele Jahre der Krankheit aufwiegt. Im ersten Moment kann ich nicht erkennen, was sie ungläubig betrachtet, bis mein Blick auf die Stelle fällt, wo der Fremde vergangene Nacht den Ast aus seiner Rute in die Erde gepflanzt hat.

Er keimt. Winzige, grüne Blättchen recken sich der Morgensonne entgegen und trotzen in ihrem Licht der Winterkälte. „Was ist das?“, fragt mich meine Mutter mit großen Augen. Und ich will selbst über mich lachen, als ich ihr erzähle: „Heute Nacht ist ein Fremder hier her gekommen, um die Wilde Jagd zu vertreiben. Er hatte eine Rute dabei, aus der er einen Zweig gezogen und ihn in den Garten gepflanzt hat. Seine Herrin, sagte er, hätte ein Geschenk für mich…“
Meine Mutter legt ihre Stirn in Falten. „Hat er seine Herrin beim Namen genannt?“
„Sie heißt Perchta“, antworte ich und kann nicht verstehen, warum die Miene meiner Mutter entgleitet. Ihre Worte sind kaum zu hören, als sie flüstert: „Nach so vielen Jahren ist er wirklich gekommen?“
„Wer?“
„Der Rauhe Percht. Ruprecht.“
Ich traue meinen Ohren nicht. „Ruprecht? Meinst du… wie Knecht Ruprecht?“
„Er ist kein Knecht irgendeines Heiligen,“ fährt meine Mutter mir über den Mund. „Er ist ein Geist aus alter Zeit. Seit Jahren habe ich gebetet, er möge kommen und unser Haus im Namen seiner Herrin, der Göttin Perchta, segnen. Seine Rute ist ein Zeichen des Wachstums und der Fruchtbarkeit. Und des Glücks…“
Während meine Mutter fassungslos mit den Fingern über die Blättchen der Birke fährt, verklingen ihre Worte in meinen Ohren wie eine ihrer Geschichten. Geister. Götter. Sagengestalten. Kein Teil der Wirklichkeit. Oder doch?
Ruprechts Versprechen hallt wie ein Echo in meinem Geist wider, während die Tage kürzer werden. Nacht für Nacht raubt sich die Dunkelheit ein wenig mehr vom Licht, bringt Schnee über das Land. Die Birke aber wächst, gedeiht. Ihre Blätter sprießen und recken sich gen Himmel, als hätte weder der Winter noch der Lauf der Natur Macht über sie. Ich beobachte sie, wie sie der Kälte trotzt und frage mich, ob er Recht haben könnte. Ob mir die Zeit zwischen den Zeiten ein Wunder, das eine Wunder, bringen könnte, an das ich nicht mehr geglaubt habe.
Perchta, kannst du ihn mir wiederbringen? Kannst du ihm helfen, mir ein Zeichen zu schicken?
Schließlich sitze ich wieder am Fenster und sehe zu, wie der kürzeste Tag von der Nacht verschlungen wird. Die Birke hat sich den letzten Lichtstrahlen entgegen gereckt und wartet so wie ich darauf, dass das Licht wiedergeboren wird. Der Sturm heult um das Haus. Heute habe ich ihm eine Laterne entzündet, damit er nicht bei mir einkehrt. Ich denke an Ruprechts Worte.
Ich bitte dich, Perchta!
Immer kälter wird es draußen. Kann es sein? Kann wahrlich möglich sein, was ich sehe? Der Winter malt mir Blüten an die Scheibe. Fast scheint es, als blickt mir zwischen ihnen dein Gesicht entgegen. Die Gegenwart spielt keine Rolle in der Zeit zwischen den Zeiten. Die Sonnenwende bringt nicht nur das Licht zurück.

 
Im regionalen Brauchtum der Vorweihnachtszeit finden sich noch immer Spuren, die auf Geister und Gestalten der heidnischen Religionen Mitteleuropas zurückgehen. Insbesondere in der Zeit um die Wintersonnenwende und den nachfolgenden Raunächten kehrt der Sturm und die Wilde Jagd, angeführt von Gott Wodan selbst, in die Länder der Menschen ein. Es können vielerlei Vorkehrungen getroffen werden, um den Zorn des Geisterheeres von seinem Haus abzuhalten. Gemäß einer Sage aus meinem Heimatort soll eine Laterne die Wilde Jagd zum Weiterziehen bringen.
Knecht Ruprecht, der heute als Gefährte des Nikolauses auftritt, geht vermutlich auf eine heidnische Geistergestalt zurück. Eventuell bedeutet sein Name „rauher (haariger)Percht“. Möglicherweise kann seine Rute ursprünglich als Fruchtbarkeitssymbol gedeutet werden. Ob er tatsächlich mit der Göttin Perchta verbunden ist, ist nicht belegt. Bei dieser handelt es sich wahrscheinlich um eine germanisch-keltische Erd- und/oder Muttergottheit aus dem Alpenraum, an deren Stelle in den zentraldeutschen Sagen Frau Holle auftritt. Auch Frau Holle wird zuweilen als Anführerin oder zumindest Teil der Wilden Jagd beschrieben. Eventuell handelt es sich bei Perchta und/oder Frau Holle um jüngere Darstellungen der germanischen Göttin Frija (später Frigga) und Gemahlin des Gottes Wodan.

© Astrid Rauner

fantastischer Adventskalender 2014

[fantastischer Adventskalender 2014] 14

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Ann-Kathrin Karschnick, von der ich zuletzt “Phoenix. Tochter der Asche” gelesen habe. Die Geschichte spielt in einem Europa, das nach einem missglückten Experiment im Jahr 1913 in Trümmern liegt und von den Saiwalo, einer überirdischen Macht, langsam wieder aufgebaut wurde. 120 Jahre später erschüttert eine Mordserie Hamburg und Leon stößt bei seinen Ermittlungen auf die rätselhafte Tavi. Sie ist eine Phoenix und gehört zu den Unsterblichen, die im Auftrag der Saiwalo gejagt werden. Mir hat die erschaffene Welt und der Ideenreichtum sehr gefallen, und natürlich Tavi. Eine abwechslungsreiche und sehr spannende Lektüre, die mich beeindruckt hat! :)

© Ann-Kathrin Karschnick

 
 
Ann-Kathrin Karschnick ist 28 Jahre alt lebt im schönen Herzogtum Lauenburg und schreibt Fantasy- als auch Erotikromane. In ihrer Freizeit leitet sie das Jugendrotkreuz in ihrer Heimatstadt. Zudem ist sie leidenschaftlicher Serienjunkie und Geocacherin.

Ann-Kathrin ist häufig auf Buchmessen und Conventions der Fantasybranche zu finden. Wer nach einem grünen Kleid Ausschau hält und laut nach Kuddel ruft, hat gute Chancen ihr zu begegnen und einen Plausch mit ihr zu halten.
 
 
 

Heute ist nicht nur der 3. Advent, sondern auch der Tag, an dem das erste Gewinnspiel im Rahmen des diesjährigen Adventskalenders startet! Ich darf eine signierte Ausgabe vom zweiten Band der Phoenix-Reihe verlosen, Erbe des Feuers.

Phoenix 2. Erbe des Feuers

Um teilzunehmen, müsst ihr mir nur folgende Frage als Kommentar beantworten:
Was verbindet ihr mit dem Element Feuer?

Bitte gebt eure eMail-Adresse mit an, damit ich euch auch erreichen kann.
Das Gewinnspiel läuft bis zum 28. Dezember!

Es ist direkt schade, dass ich nicht selber mitmachen kann, denn das Buch ist noch nicht bei mir eingezogen. ;) Spätestens im März wird sich das ändern, schließlich will ich das doch Ann-Kathrin unter die Nase halten …

Ich wünsche euch viel Glück – und habt einen schönen 3. Advent!

fantastischer Adventskalender 2014

[fantastischer Adventskalender 2014] 13

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich Regina Mengel, die mit der Erzählung Sauerstoffreservierungsgebühr eine Hommage an Edgar Allan Poe veröffentlicht hat. Ich mag den feinen schwarzen Humor, der mich öfter zum Grinsen gebracht hat. Und die Atmosphäre! Ein Zukunftsszenario, das auf mich erschreckend real gewirkt hat …

© Regina Mengel

 
Regina Mengel erblickte 1966 in Wuppertal das Licht der Welt, zog aus das Glück zu finden und landete in Köln. Dort verdiente sie lange Zeit ihr täglich Brot als Wortjongleurin im Vertrieb. Geschichten begleiteten ihr Leben, doch erst im Jahr 2010 machte sie ernst. Sie nahm teil an einem Schreibkurs bei Rainer Wekwerth. Sie schreibt Fantasyromane, Kinderbücher, Kurzgeschichten und neuerdings auch freche Frauenbücher.
 

Mit toten Mädchen trinkt man nicht

Durch das schmutzige Fenster drang das rötliche Licht der Leuchtreklame: Reissdorf Kölsch.
Eine Stimme riss mich aus den Gedanken.
„Bitte“, flüsterte sie.
Ich sah auf und blickte in das Gesicht einer jungen Frau – fast noch ein Mädchen. Ihre Augenlider waren geschwollen, die Farbe ihrer Iris konnte ich nur erahnen, grün möglicherweise. Ein Streifen pinkfarbenen Lippenstifts zog sich ihre Wange hinauf und franste zu den Rändern hin aus. Noch eine verkrachte Existenz. Gab es hier nicht bereits genug davon?
Meine Gedanken glitten ab. Heute Morgen hatte die Sonne geschienen. Es war einer dieser klaren Wintertage gewesen, an denen selbst ich der Verlockung erlegen war, nach draußen zu gehen. Doch ich hatte es bald bereut.
Um nicht in all jene weihnachtsvorfreudigen Gesichter sehen zu müssen, hatte ich in den Himmel geschaut, die Wolken beobachtet, wie sie vorbeizogen – eine endlose Karawane sich verändernder Bilder.
Egal. Jetzt, um beinahe 20.30 Uhr saß ich am Tresen meiner Stammkneipe in Ehrenfeld. So richtig allein war ich in Köln eher selten, ständig quatschte mich irgendein vermeintlicher Kumpan von der Seite an. Sie fanden sich schnell in dieser Stadt, viel schwieriger war es, sie wieder los zu werden. Wie so oft, wenn ich unter Leuten war, spürte ich die Einsamkeit noch stärker als sonst.
Ich erwischte mich dabei, dass ich die Visage der Frau genauso studierte, wie am Morgen die Wolkengebilde. Mein Gehirn arbeitete, es bemühte sich, eine Deutung für die gezackte Lippenstiftlinie zu finden. Was stellte der Streifen dar? Vielleicht einen chinesischen Drachen?
Erneut holten mich die Wolkenbilder des Vormittags ein. Zuerst waren ein Elefant, ein Paar Highheels, eine Kaffeemühle, eine Hello-Kitty-Figur und ein Teller Spaghetti über den Himmel gezogen. Ganz am Schluss jedoch hatte ich das Profil meiner Nachbarin erkannt. Unverwechselbar die Warze auf ihrer Stirn. An dieser Stelle hatte ich meine Beobachtungen abgebrochen. Die Alte nervte mich mit ihrem Gemecker über das angeblich schlecht geputzte Treppenhaus bereits im wahren Leben. Musste sie mir nun auch am Himmel auflauern? Ausgerechnet am Weihnachtsmorgen? Was hatte ich überhaupt dort draußen verloren gehabt?
Mit einer abwehrenden Handbewegung kehrte ich endgültig zurück ins Hier und Jetzt. Ich bemerkte, dass ich die Frau immer noch anstarrte. Hoffentlich erwartete sie von mir keine Hilfe. Ich zwang mich, den Blick abzuwenden. Sollte sich ein anderer mit diesem Mädchen, das offensichtlich gerade einer Krise unter dem Tannenbaum entkommen war, herumschlagen. Alle Jahre wieder. Mit leiser Sopranstimme begann ich zu singen. Dabei vernuschelte ich die Worte so, dass niemand den Text verstehen konnte:

„Alle Jahre wieder
kommt der Weihnachtsfrust
auf die Menschen nieder,
stößt in jede Brust.

Treffen dich dann Hiebe
mitten ins Gesicht,
spürst du nur die Liebe,
die da zur dir spricht.“

Die restlichen Verse verkniff ich mir.
„Bitte“, wiederholte sie.
Der Köbes näherte sich mit der Vorspeise.
„So Mädche“, sagte er und setzte den Teller vor mir ab. Etwas hölzern fuhr er fort: „Do hätt mer eimol Rapunzelschlot met Hippenkies, Walnöss und Thymianhunnig.“
Man merkte ihm an, dass er mit solchen Gerichten nicht viel am Hut hatte. Für gewöhnlich servierte er allemal ein Holzbrettchen mit Halver Hahn oder Kölschem Kaviar. Aber diesmal hatte sich Kalle, der Wirt vom ‚Eck’, zu einem weihnachtlichen Dreigängemenu verstiegen. Experiment Stääneköch nannte er das Projekt, mit dem er neue Gäste anzulocken hoffte.
„Danke.“
Ich lächelte dem Köbes zu und begann zu essen.
„Bitte helfen Sie mir.“
Wieder diese Frau. Konnte ich denn nicht wenigstens am Heiligen Abend meine Ruhe haben? Warum meinte jeder lebensunfähige Volldödel, bei mir Hilfe suchen zu müssen. Hing über meinem Kopf ein blinkender Pfeil, auf dem geschrieben stand: Seelenmülleimer?
„Geh und laber jemand anderen zu.“
Sie wirkte verzweifelt. Etwas freundlicher fügte ich ein „Bitte“ hinzu. Ich gab dem Köbes einen Wink, woraufhin er der Frau eine Kölschstange in die Hand drückte. „Trink erst mal einen“, sagte ich. Dann wandte ich mich meinem Salat zu und heftete den Blick fest auf den Teller.
War eigentlich ganz lecker, das Zeug. Während ich mir Bissen für Bissen in den Mund schob, sah ich am Rand meines Gesichtsfelds eine Bewegung. Es klirrte, ein Glas zersprang, gleich darauf folgte ein klatschendes Geräusch. Ich stöhnte. Was war denn nun schon wieder los? Ich legte die Gabel auf den Tellerrand und wischte mir mit der Serviette die Lippen ab. Dann drehte ich mich um.
Nicht weit von mir entfernt lag die Frau. Aus ihrer Nase lief Blut. Auf dem Boden bildete sich eine Lache, die sofort in den Ritzen zwischen den Dielen zu versickern begann.

Ich sprang auf und hockte mich neben sie. Sie keuchte, mit jedem Atemzug hob und senkte sich ihre Brust wie ein Blasebalg. Ich tastete nach ihrem Puls.
„Paul,“ flüsterte sie.
Ich beugte mich zu ihrem Mund hinunter.
„Bitte?“, fragte ich.
„Paul, er lügt.“
„Wer?“
Wovon sprach diese Frau?
„Paul lügt“, wiederholte sie, noch leiser als zuvor.
Ihr Puls war kaum als solcher zu bezeichnen, war mehr ein nervöses Zucken, das stetig langsamer wurde.
„Was…?“, wollte ich sagen, doch als sie erneut den Mund öffnete, schluckte ich die Frage hinunter.
„Paul Jansen“, hauchte sie.
Ich erstarrte. Da war er wieder, dieser Name aus meiner Vergangenheit, von dem ich gehofft hatte, ihn niemals wieder hören zu müssen.
In der Ferne erklang die Sirene eines Rettungswagens. Das Geräusch kam schnell näher, wurde stetig lauter und erstarb schließlich mitten in der Tonfolge. Zwei Sanitäter stürmten herein. Während sich die Männer noch über die Blutende beugten, stoppte ein weiteres Fahrzeug vor dem Lokal. Als die Notärztin das ‚Eck‘ betrat, hatten die Rettungsassistenten den Körper der Frau bereits auf eine Trage gebettet. Die Ärztin eilte voraus, öffnete die Tür des Krankenwagens und gleich darauf verschwanden Trage und Helfer im Inneren des Transporters. Wenig später brausten die Fahrzeuge mit heulenden Sirenen und zuckendem Blaulicht davon.
Als ich um drei Uhr morgens in mein Schlafzimmer torkelte, konnte ich auf einen feuchten Abend zurückblicken. Leider war der ‚feuchte‘ nicht automatisch mit dem sonst üblichen ‚fröhlichen‘ Abend einhergegangen. Vielmehr hatte ich den Schreck und die Erinnerung an Paul in literweisem Kölsch ertränkt. Nur, dass beide ausgezeichnet schwimmen konnten – nicht nur Fett schwimmt oben, Scheiße eben auch.

Gegen Mittag schrillte das Telefon. Verdammt, ich hatte im Suff vergessen, den Anrufbeantworter einzuschalten. Ich versuchte, das Geräusch zu ignorieren, indem ich meinen Kopf in ein Kissen drückte. Doch damit dämpfte ich den Ton nur ein wenig. Es klingelte gnadenlos weiter. Endlich gab der Anrufer auf. Erleichtert schob ich den Kopf unter dem Kissen hervor. Ich fühlte mich, als sei eine Dampfwalze über mich hinweggerollt oder irgendeines dieser landwirtschaftlichen Geräte voller spitzer Zacken. Mein Schädel musste einen Meter Durchmesser haben. Der Geschmack in meinem Mund erinnerte an eine Jauchegrube.
Ich sah mich nach einem Bettgenossen um. Zum Glück war ich allein. Ich erinnerte mich vage daran, wie Kalle mich gestern zu einer heißen Liebesnacht überreden wollte. Er war mindestens so blau gewesen wie ich. Ich hatte ihn weggeschickt. Außerdem hätte ich meinen Hintern darauf verwettet, dass bei ihm sowieso tote Hose gewesen wäre, selbst wenn ich ihn rangelassen hätte.
Als ich einigermaßen geradeaus denken konnte, kletterte ich aus dem Bett. Mein Schädel brummte. So elegant wie ein Nilpferd stapfte ich vorwärts. Mit der Automatik von vielen tausend Malen, die ich bereits den Weg zum Badezimmer zurückgelegt hatte, fand ich mich, auch ohne hinzusehen, zurecht. Seit zehn Jahren lebte ich in dieser Wohnung. Bei durchschnittlich fünf Badezimmerbesuchen pro Tag kam ich auf ungefähr 18.000 Male, an denen ich die Strecke gegangen war. Zählte man Pauls 9.000 Male dazu, aus der Zeit, in der er noch mit mir zusammengelebt hatte, konnte die Kloschüssel auf locker 27.000 Spülgänge zurückblicken. Eine stramme Leistung. „Vielleicht sollte ich zum 30.000 eine Party geben“, dachte ich gerade, als mich die Erinnerung an den gestrigen Abend einholte. Vor Schreck wäre ich beinahe vom Klo gefallen.
Hatte ich mir diese Frau nur eingebildet? Was hatte sie mit Paul zu tun gehabt? Mein umnebeltes Hirn benötigte einen Augenblick, um auf Touren zu kommen. Ich musste herausfinden, wer die Tussi gewesen war und wovon sie gesprochen hatte. Was hatte sie damit gemeint: Paul lüge?

Nachdem ich mir die Zähne geputzt hatte, ging in die Küche. Ein Kaffee würde mir gut tun. Während die Maschine lief, rief ich den Nummernspeicher meines Telefons auf. Scheiße, auch das noch. Unter ‚Entgangene Anrufe‘ stand die Nummer meines Chefs. Wenn ich da nicht bald zurückriefe, würde er mir die Kollegen auf den Hals hetzen, um zu sehen, wo ich abgeblieben war. Widerwillig wählte ich die Rufnummer seines Büros.
„Worlinski.“
Musste er so laut in den Hörer hineinbrüllen? Ich unterdrückte ein Stöhnen. „Ich bin‘s. Sie haben versucht, mich zu erreichen. Was gibt‘s?“
„Tut mir leid, dass ich Sie am ersten Weihnachtstag aufscheuchen muss, aber wir haben wahrscheinlich einen Mord. Diese Nacht brach eine junge Frau in einer Kneipe zusammen. Leider kennen wir ihren Namen nicht, sie hatte nur die Visitenkarte eines Arztes in der Tasche. Im Krankenhaus ist sie dann gestorben. Die Ärzte gehen von einer Vergiftung aus. Das Lokal, in dem sie umgekippt ist, kennen sie vielleicht – das ‚Eck‘ – es liegt nicht weit von Ihrer Wohnung entfernt.“
Ich schwieg und dachte einen Moment nach. Nun war sie also tot. War das gut oder schlecht? Sollte ich sagen, dass ich dabei gewesen war, als die Frau zusammenbrach? Früher oder später würde ich damit herausrücken müssen. Nicht am Telefon, beschloss ich.
„Ja, ich kenne das Lokal – da bin ich öfter“, sagte ich.
„Wie steht es mit dem Wirt?“
„Kalle? Ein grundanständiger Kerl. So wie ich das einschätze, wird er kooperativ sein.“
„Gut, dann treffen wir uns in dreißig Minuten dort.“
Ich bestätigte die Uhrzeit und legte auf.

Scheiße. Jetzt da die Frau tot war, würde sie meine Fragen nicht mehr beantworten können. Eine unbefriedigende Situation, mir wäre es lieber gewesen, ich hätte zumindest einen Anhaltspunkt gehabt, bevor ich mit dem Chef zusammentraf. Ob er mir wegen unterlassener Hilfeleistung an die Karre pinkeln konnte? Für meine Begriffe hatte die Frau zwar ein bisschen verknautscht ausgesehen, aber dass sie gleich tot umfallen würde, hatte ich ja nicht ahnen können. Ich würde das von Anfang an klar machen müssen, damit gar nicht erst jemand auf die Idee käme, mich in die Verantwortung zu nehmen.
Da ich zum ‚Eck‘ nur gut fünf Minuten benötigte, blieb mir noch genug Zeit, um nach Pauls Adresse zu suchen. Ich durchwühlte einige Schubladen. Endlich fand ich den Zettel, auf den er bei seinem unerwarteten Abschied seinen neuen Wohnort geschrieben hatte. Natürlich war er zu der Schlampe gezogen, mit der er mich die Monate zuvor betrogen hatte. Es konnte allerdings gut sein, dass er längst nicht mehr dort wohnte. Schließlich waren fünf Jahre vergangen. Wer konnte sagen, wie viele Tussis er in dieser Zeit verschlissen hatte.
Ich wählte die Telefonnummer, die auf dem Stück Papier stand. Eine Frauenstimme meldete sich. Ich hörte nicht hin, als sie ihren Namen nannte. Die Frauen an seiner Seite hatten mich stets gleichgültig gelassen. Mein Hass galt Paul, ihm allein, sonst niemandem. Die Schlampen, mit denen er sich abgab, hatten genug Probleme, sobald sie bemerkten, dass er all ihr Geld durchgebracht hatte. Diese Erkenntnis trat für gewöhnlich ein, wenn sich Paul der Nächsten zuwandte, was aus seiner Sicht sicherlich logisch war. Warum sollte er bleiben, wenn es nichts mehr zu holen gab?
Ich schlug mit der Faust auf den Tisch. Was für ein mieses Schwein. Wenigstens war es Paul niemals gelungen, die zerstochenen Reifen auf mich zurückzuführen.
Als ich im ‚Eck‘ eintraf, wartete Worlinksi bereits auf mich. Wie ich es vorhergesagt hatte, gab Kalle bereitwillig Auskunft: Er habe das Mädchen niemals zuvor gesehen und sei ziemlich überrascht gewesen, als sie plötzlich zusammenbrach. Damit war ich hoffentlich aus der Nummer mit der unterlassenen Hilfeleistung raus. Klar, so ganz unkommentiert ließ der Chef meine Beichte nicht. Natürlich konnte er es sich nicht verkneifen, mir einen Anschiss reinzuwürgen.
Für einen Augenblick hatte ich mich gewundert, als Kalle nicht erwähnte, was die Verstorbene zu mir gesagt hatte. Andererseits war es durchaus denkbar, dass außer mir niemand ihre Worte gehört hatte. Ich nutzte die Gelegenheit und behielt die Tatsache für mich. Auf diese Weise würde ich Paul, bevor die Kollegen mit ihm sprachen, klar machen können, dass es besser wäre, über unsere gemeinsame Vergangenheit zu schweigen.

Nach zwei Stunden erklärte Worlinksi die Ermittlungen im ‚Eck‘ für beendet. Vor der Kneipe blieb ich stehen. Es dämmerte bereits.
„Wie machen wir jetzt weiter?“, fragte ich. „Wenn‘s recht ist, würde ich meinen Neffen und Nichten wenigstens kurz die Geschenke vorbei bringen. Meine Schwester ist eh schon sauer auf mich, weil ich unser Weihnachtskaffeetrinken verpasst habe. Die Kinder sollten nicht auch noch darunter leiden.“
Worlinksis Mobiltelefon klingelte. Er lauschte und brummte ein paar Mal „Scheiße“ vor sich hin. Als er auflegte, wirkte er genervt.
„Verdammt“, sagte er. „Der Arzt, von dem die Visitenkarte stammt, sonnt sich gerade auf den Malediven.“
„Kennen wir das Hotel?“, fragte ich.
„Natürlich nicht, immerhin wusste die Nachbarin, dass er in fünf Tagen nach Hause kommt. Wir werden uns wohl gedulden müssen. Fahren Sie mal zu ihrer Familie. Es reicht, wenn Sie morgen ins Büro kommen und den Papierkram erledigen. Aber bleiben Sie diesmal telefonisch erreichbar.“
Ich nickte und machte mich auf den Weg nach Hause. Doch ich blieb nicht dort, sondern schnappte mir nur den Autoschlüssel. Gleich darauf stieg ich in den Wagen und fuhr zu der Adresse, die mir Pauls Verflossene genannt hatte. In der Wohnung traf ich auf eine verhuschte Blondine. Paul wohnte bereits seit einem Jahr nicht mehr bei ihr. Eines musste man dem Kerl zugestehen, sein Ordnungssinn war legendär – auch hier hatte er eine Nachsendeadresse hinterlassen. Ich fuhr also zur nächsten Anschrift und endlich stand ich vor einem Tor, an dem sein Name in ein Klingelschild graviert war.
Kiwitt/Jansen stand da. Ich betrachtete das Haus. Nicht schlecht, freistehend, mindestens 300 m² Wohnfläche, wenn da nicht mal ein Pool im Garten zu finden war. Diesmal schien sich Paul endgültig ins gemachte Nest gesetzt zu haben. Es passte alles zusammen. Nur eines störte mich. War die Tote nicht ein bisschen zu jung gewesen? Ich hegte keinen Zweifel daran, dass Paul mit Freuden eine hübsche, junge Frau zu seiner Gönnerin gemacht hatte. Aber konnte sie sich in diesem Alter bereits ein solches Haus leisten? Sie musste aus einer reichen Familie stammen. Was hatte sie eigentlich in einer Ehrenfelder Eckkneipe zu suchen gehabt?

Ich ging die Auffahrt hinauf. Ein Geländewagen und ein Sportwagen parkten vor einer Doppelgarage. Durch einige Fenster drang gedämpftes Licht. Ich drückte den Klingelknopf. Es dauerte nicht lange, bis sich im Inneren etwas regte. Als die Haustür aufschwang, sah ich mich einer Frau gegenüber. Ich schluckte und benötigte einen Moment, um mich zu fangen. Diesen Anblick hatte ich nicht erwartet. Vor mir stand eine ältere Ausgabe des toten Mädchens. Scheiße, erst jetzt wurde mir klar, in welch beschissene Situation ich mich gebracht hatte. Ich hatte nicht bedacht, dass noch jemand anderes im Haus sein konnte. Die Kollegen würden sicher misstrauisch reagieren, falls die Frau mich bei der Befragung wiedererkennen sollte. Aber nun war ich hier und mir blieb nichts anderes übrig, als später über eine Lösung nchzudenken.
„Ich möchte gern mit Paul Jansen sprechen“, bat ich höflich.
Die Frau verzog das Gesicht zu einem wachsamen Ausdruck. Einen Augenblick sah sie mich schweigend an. Dann gab sie den Durchgang frei und winkte mir zu, ihr zu folgen. In einer Art Empfangshalle blieb sie stehen. Sie öffnete eine Doppeltür und gab damit den Blick frei in ein Wohnzimmer, in dem der größte Weihnachtsbaum stand, den ich jemals gesehen hatte. Es duftete nach Tannennadeln, Zimt und Anis. Leise Weihnachtsmusik drang aus futuristisch anmutenden Lautsprechern. Vor einem Marmorkamin stand eine schneeweiße Polstergarnitur. Darin saß Paul, in der Hand ein dampfendes Glas Punsch. Er sah mir entgegen. Seine Miene verriet nicht, ob er mich erkannte.
„Hier ist Besuch für dich“, sagte die Frau.
Paul erhob sich. Er lächelte.
„Am besten, wir gehen ins Arbeitszimmer.“ Er trat auf mich zu und ergriff meinen Arm. „Komm mit.“
Er führte mich die Treppe hinauf in ein Büro, das nur unwesentlich kleiner war als der Wohnraum. Sorgfältig schloss er die Tür hinter uns.

„Was willst du?“, fragte er geradeheraus.
„Hat deine Freundin eine Tochter? Eine junge Frau von vielleicht achtzehn Jahren?“
„Sophie, sie ist neunzehn.“
„Sie war neunzehn“, erwiderte ich und beobachtete seinen Gesichtsausdruck.
Er wirkte erstaunt und möglicherweise ein klein wenig erschrocken. Es war schwer zu erkennen, was in ihm vorging. Schauspielerei lag ihm im Blut.
„Was willst du damit sagen?“
„Sie ist tot. Wo warst du gestern Abend? Und wo war das Mädchen?“
„Himmel“, sagte Paul. „Was ist denn passiert? Woran ist sie gestorben?“
„Dazu kommen wir später. Beantworte zuerst meine Fragen.“
„Wir waren zu Hause. Wir haben zusammen Weihnachten gefeiert.“ Er runzelte die Stirn. „Sag mal, verdächtigst du mich etwa? Brauche ich einen Anwalt und überhaupt, kommen Kriminalbeamte nicht normalerweise zu zweit?“
„Ich bin privat hier. Zufällig habe ich die letzten Worte deiner Stieftochter gehört. ‚Paul Jansen lügt.’“
Paul erbleichte. Ich verkniff mir ein Grinsen. Endlich. Ich hatte es immer gewusst, eines Tages würde ich ihn am Arsch kriegen.
„Ich habe keine Ahnung, was das zu bedeuten hat.“ Er hielt inne. „Sophie ist nach dem Weihnachtsessen noch ausgegangen. Sie war mit ein paar Mitschülern in irgendeinem In-Club in Ehrenfeld verabredet.“ Er wirkte so nervös, dass ich das Grinsen nicht länger unterdrücken konnte. „Du glaubst doch nicht etwa, ich hätte ihr etwas angetan.“ Jetzt klang er empört. „Ich mochte das Mädchen.“
„Vielleicht hatte sie dich durchschaut.“
„Ja gut, wir hatten einen Streit. Sie wollte ihrer Mutter alles sagen. Aber mal ehrlich, sie stellte doch keinerlei Gefahr dar.“ Er zögerte einen Augenblick und sah mir in die Augen. „Oder hättest du dich damals warnen lassen?“ Seine Stimme klang weich.

Ich starrte ihn an. Am liebsten hätte ich ihm eine Ohrfeige verpasst, ihm sein süffisantes Lächeln aus dem Gesicht geschlagen. Paul gelang es immer wieder, meine niedersten Instinkte zu wecken. Wie damals, als es mir nicht gereicht hatte, seine Reifen zu zerstechen. Ich hatte auch noch sein Auto abgefackelt, hatte ihm wochenlang aufgelauert und ihn am Telefon terrorisiert.
Das lag lange zurück und ich hatte es völlig verdrängt. Es war nicht das rühmlichste Kapitel meiner Geschichte.
„Du bist und bleibst ein Arschloch“, sagte ich.
Ich presste die Hände aneinander. Paul sollte nicht bemerken, wie sehr mich seine Arroganz und die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit aufwühlten. Doch es gelang mir nicht.
„Geht es dir nicht gut?“, fragte er. Wieder dieses selbstgefällige Lächeln. „Deine Hände zittern.“ Er schob mich zu einem Stuhl. „Hier setz dich. Ich hole dir ein Glas Wein. Wir haben gerade gestern Abend den Eiswein aufgemacht, den du mir damals geschenkt hast.“
In diesem Moment traf es mich wie ein Keulenschlag. Mein Zittern nahm zu. Tränen liefen mir die Wangen hinunter. Wie hatte ich das nur vergessen können?
Als Paul das Zimmer verließ, tastete ich nach meinem Handy. Nur mit Mühe gelang es mir, zu wählen. Es dauerte ewig, bis sich die Verbindung aufbaute, eine Ewigkeit, in der sich mir Bilder aufdrängten, die fünf Jahre zurücklagen.
Ich hatte im Internet recherchiert. Auf der Seite der Uniklinik Bonn war ich fündig geworden. Rodentizid nannte man den Wirkstoff. Bei Menschen, stand da, käme es höchst selten zu Todesfällen. „Eigentlich schade“, hatte ich gedacht. Naja, es sollte reichen, wenn Paul ein paar Monate Spaß mit den Auswirkungen hatte. Bei ebay ersteigerte ich einen ganzen Sack voller Köder. Die sollten gerinnungshemmend sein und bei Ratten zu einer tödlichen Blutungsneigung führen. Am nächsten Morgen besorgte ich dann die Flasche. Ich wählte bewusst einen besonders teueren Eiswein, in der Hoffnung, dass seine leicht faulige Süße den Geschmack des Rattengifts überdeckte. Der Rest war ein Kinderspiel, ich löste das Zeug auf, füllte es in eine Einwegspritze, stach durch den Korken und … .
Eine dröhnende Stimme riss mich aus den Gedanken.
„Worlinkski.“
„Ich bin’s Chef“.
„Was ist los? Wollten Sie nicht mit ihrer Familie Weihnachten feiern?“
„Zwischen wollen und sollen liegt ein feiner Unterschied“, erklärte ich. „Aber das ist ein anderes Thema.“ Nur mühsam unterdrückte ich den Impuls hysterisch zu lachen. „Immerhin habe ich jetzt ein Weihnachtsgeschenk für Sie. Es ist mir gelungen, den Fall zu lösen.“ Nun lachte ich doch. „Ich war‘s!“

© Regina Mengel

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